Japans Väter, Deutschlands Mütter
Wie ist er so, der japanische Mann? In Europa hält man ihn für einen immer infarktgefährdeten Über-Erfüller am Arbeitsplatz, der in der Familie eine Randposition einnimmt. Über achtzig Prozent der Mütter, aber nur zwei Prozent der Väter machen eine Babypause. An dem westlichen Klischee, das Land bei der Arbeitsteilung der Geschlechter als rückständig zu verorten, ist also etwas dran. Ethnologen schildern die irritierende Beobachtung, dass japanische Mütter auf Spielplätzen die Höhe der Gehälter ihrer Männer vergleichen – ein eindrücklicher Beleg für die Bedeutung des Ernährermodells.
Jetzt aber weht von Fernost plötzlich eine frische väterpolitische Brise: Die Iku-Men sind da!
Papa-Shampoo in der Badewanne
Das japanische Wort »Iku« bedeutet frei übersetzt »fürsorglich«. Der Begriff steht für eine Marketingoffensive, an der neben den Herstellern von Konsumartikeln auch Medien und sogar die Regierung beteiligt sind. Populär geworden und in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen sind dabei nicht nur die Iku-Men selbst – die neuen Väter also –, sondern auch weitere Sprachschöpfungen wie etwa der Iku-Boss. Das ist ein Vorgesetzter, der Verständnis hat für die Nöte junger Eltern und eine familienbewusste Personalpolitik betreibt. Er bildet mithin das Gegenteil zum britischen »Dinosaur Dad«, jener langsam aussterbenden Spezies des älteren Chefs, dem seine Ehefrau die gesamte Sorgearbeit abnimmt und der von seinen männlichen Mitarbeitern ständige Verfügbarkeit erwartet.
Vor allem die japanische Version der Zeitschrift FQ profiliert sich, bei einer Auflage von immerhin 50.000 Exemplaren, als Magazin für die Iku-Men. Diese Ausrichtung drückt sich neben der Themenwahl vor allem in den geschalteten Anzeigen aus. Angepriesen werden »Iku-Men-Goods«, Produkte, die sich gezielt an aktive Väter richten. Besonders spektakulär wirkt das bei genauem Hinsehen nicht. Das »Iku-Men-Bike« zum Beispiel ist schlicht ein bequemes Stadtfahrrad mit Kindersitz. Das Shampoo »Papa Furo« soll die Vater-Kind-Beziehung in der Badewanne verbessern. Und spätestens beim Tragegurt im olivgrünen Military-Look, der sich in Design und Farbgestaltung an vermeintlichen männlichen Wünschen orientiert, beginnt das Stereotyp.
Geburtsvorbereitung im Supermarkt
Dankbaren Stoff für das Kabarett liefert auch die »Pre-Papa Night Tour«, zu der japanische Supermärkte einladen. Nach dem Absolvieren ihrer zahlreichen Überstunden können sich werdende Väter dort über die üppige Auswahl an Windeln, Milchfläschchen und Babyspielzeug informieren. Verändert diese ungewöhnliche Art von Geburtsvorbereitung die Einstellung der japanischen Männer zur Vaterschaft?
Der Iku-Men-Hype ist bislang weniger Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels als ein Marketinginstrument. Die kommerzielle Werbung um die Zielgruppe der Väter bedeutet noch keine politische Veränderung. Dazu bedürfte es – wie in Europa – wohl doch der Gesetze. Seit der Einführung des Elterngeldes als Lohnersatzleistung 2007 stieg der Anteil der deutschen Männer in der Babypause von 3,5 auf mittlerweile über 30 Prozent.
Als Konsumenten werden Väter hierzulande dagegen kaum angesprochen. In der Werbung der Elternpresse für Großraum-Vans sitzen keine autobegeisterten Männer, sondern Frauen am Steuer – weil Mütter nach Analysen die familiären Kaufentscheidungen treffen. An engagierte Väter adressierte Magazine wie zum Beispiel Paps konnten sich wegen der ausbleibenden Finanzierung durch Anzeigen nie durchsetzen: Nach gut zehn Jahren wurde das Experiment beendet und die Zeitschrift eingestellt.
Der Marketingexperte Florian Kohlbacher, der lange in Japan gelebt hat und jetzt an einer International Business School im chinesischen Suzhou unterrichtet, erklärt den kulturellen Unterschied mit der größeren Bedeutung von Print-Erzeugnissen auf dem japanischen Medienmarkt. Die Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften liegen dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich höher als in Europa, nicht nur dank der zahllosen Manga-Titel. Kohlbacher zufolge gab es deshalb trotz starker Konkurrenz eine Nische für die Iku-Men-Kampagne.
Sogar die japanische Regierung ist auf den Trend aufgesprungen. In Onlineauftritten und Anzeigen sowie einem WLB Hand Book, einem Ratgeber zur Work-Life-Balance, wirbt sie für eine stärkere Beteiligung der Männer. Unternehmen der Privatwirtschaft unterstützen die Initiative »Fathering Japan«, schulen Arbeitgeber in väterbewusster Personalpolitik und gründeten die Ikuboss Company Alliance. Dennoch verbringen japanische Männer weniger Zeit mit ihren Kindern als westliche Väter, sie leben deutlich familienferner.
Wichtiger als Imagekampagnen sind offenbar konkrete gesetzliche Verbesserungen. Die Regierung in Tokio könnte zum Beispiel die Babypause mit einem großzügigen Lohnersatz attraktiv machen – oder den überlangen Arbeitstagen mit subventionierten Teilzeitangeboten entgegen steuern. Erst dann würde sich herausstellen, ob das Werbephänomen »Iku-Men« einer Realitätsprüfung stand hält.
Wer sorgt für Gerechtigkeit? Werbefachleute oder Gerichte?
In Deutschland sitzen derweil Bundesverfassungsrichter über das Betreuungsgeld zu Gericht. In einer ersten mündlichen Verhandlung soll am heutigen Dienstag geklärt werden: Ist die als »Herdprämie« verschriene Unterstützung von monatlich 150 Euro für Eltern, die ihre Kleinstkinder daheim betreuen, statt sie in die Kita zu geben, verfassungswidrig oder nicht? Schließlich bekommen Kita-Befürworter kein Geld und müssen Kita-Gebühren bezahlen – während »Herdprämien«-Eltern – faktisch zumeist die Mütter – 150 Euro erhalten. Das könnte – so ist der klagende Stadtstaat Hamburg überzeugt – gegen die Gleichbehandlung aller Eltern durch den Staat verstoßen.
Eine solcher Streit ist Japanerinnen und Japanern (noch) fremd. Doch ob es die Iku-Men richten? Wie gesagt: Noch machen nur zwei Prozent der japanischen Männer eine Babypause. Vielleicht liegt es daran, dass sie Werbung nur in ihrer Freizeit erreicht. Und die ist ja knapp bemessen.
