Kinder brauchen starke Lehrer
Bildungsdebatte, das bedeutet hierzulande meist Streit – über das Schulsystem. In Baden-Württemberg geriet kürzlich jedoch der Unterricht selbst ins öffentliche Visier. Die grün-rote Landesregierung hatte nämlich als Berater für die künftige Lehrerausbildung den Schweizer Privatschulunternehmer Peter Fratton engagiert, der Lehrer entlang von vier »pädagogischen Urbitten« eichen möchte: »Erzieh mich nicht, sondern begleite mich. Erkläre mir nicht, aber gib mir Zeit zu erfahren. Bring mir nichts bei, sondern lass mich teilhaben. Motiviere mich nicht, aber dich selber.«
Klingt irgendwie zeitgeistig, fast wie im außerschulischen Alltag. »Du entscheidest selbst, wann Sommer ist« – so der Slogan eines neuen Erfrischungsgetränks. Oder auf einem Naturlehrpfad für Kinder: »Können Bäume Heimweh haben? Das kannst nur du selbst beurteilen.« Und eine Bank preist ihre Top-Kredite mit der Formel »Günstich« an. Das Ich ist anscheinend Trumpf, ohne Selbst läuft offenbar wenig.
Lehrerverbände und Wissenschaftler, aber auch überregionale Medien waren indes von Frattons eigentlich antipädagogischer Haltung so wenig erbaut, dass dieser es vorzog, sich aus der Arbeit im Ländle vorerst zurückzuziehen. Ob das Risiko ungünstiger Unterrichtsentwicklung damit gebannt ist, muss sich allerdings noch zeigen. Schließlich hat der Erziehungswissenschaftler Siegfried Uhl der »Pädagogik der Grünen« schon früh eine hochgradige Autoritätsskepsis attestiert.
Bei freier Arbeit weichen Schüler schweren Aufgaben aus
Aber, so mag man einwenden, das Frattonsche Credo klingt doch ganz human und kindgemäß – wo ist die Gefahr bei solchem »smart learning«? Tut es Kindern nicht gut, wenn der Lehrer sich auf freundliche Begleitung beschränkt, nur Moderator von Lerngelegenheiten ist? Lassen nicht heute schon viele Pädagogen ihre Schüler häufig selbst bestimmen, ob sie Texte schreiben, Rechenprobleme lösen oder ihre Lesefähigkeit verbessern wollen, ob sie dies alleine oder mit anderen zusammen tun – und wie tief gehend sie sich mit einem Thema oder Fach beschäftigen mögen? Seine eigenen Lernwege zu finden, seine »Lernbiografie selbst zu gestalten« – fördert das nicht die Selbständigkeit junger Menschen, kommt ihrer Individualität entgegen, bringt nicht zuletzt Leben in die gerne abwartende oder abschweifende Schülerschaft?
Nun liegt die Tücke im Detail – in diesem Fall in voreiliger Verallgemeinerung. Pädagogische Zurückhaltung mag Abiturienten beflügeln, Pubertierende aber entgeht dabei wichtige Orientierung. Bei freier Arbeit weichen viele Schüler schwereren Aufgaben öfter als nötig aus, mit engerer Anleitung hätten sie die vielleicht lösen können. Und beim so genannten »Stationenlernen« sind die Jugendlichen zwar ständig beschäftigt, stellen aber ohne ergänzendes Unterrichtsgespräch zu wenig gedankliche Zusammenhänge zwischen den Lernportionen her.
Eines ist besonders pikant: Dass die pädagogische Selbstlern-Euphorie zu Lasten gerade derjenigen Schüler geht, von denen man vorgeblich jeden mitnehmen möchte – der schwächeren. Strukturarmer Unterricht benachteiligt nämlich Kinder aus bildungsferneren Schichten in besonderem Maße: Sie entstammen einem kulturellen Milieu, in dem Selbstbestimmung eher wenig gilt. Deshalb bedürfen sie eines direkt angeleiteten, aber auch geduldigen und ermutigenden Unterrichts, um die immense Kluft zwischen Herkunft und Zukunft zu überbrücken. Soeben hat eine Längsschnittstudie an der Universität Siegen gezeigt: Die Fähigkeit zu orthografisch und grammatikalisch normgerechter Schreibweise hat vor allem bei Kindern aus bildungsfernen Schichten stark abgenommen. Kinder aus Mittel- und Oberschicht hingegen produzieren heute teilweise längere, differenziertere und lebendigere Texte.
Kritik von Psychoanalytikern am lehrerarmen Lernen
Aber es geht nicht nur um die leistungsschwächeren Schüler. Psychoanalytiker wie Neurobiologen kritisieren am lehrerarmen Lernen etwas Prinzipielles: Dass es die Heranwachsenden des menschlichen Gegenübers beraube und damit oft genug Überforderung und Verarmung zugleich sei. Die Person des bildenden Erziehers verkörpert in einer Weise Echo, Ermutigung und Herausforderung, wie dies ein Arbeitsblatt oder ein Aufgabenkatalog niemals leisten könne – auch kein gleichaltriger Mitschüler.
Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen sei der Mensch, sagt der Neurobiologe Joachim Bauer, der das Phänomen der Spiegelneuronen populär gemacht hat. Indem ein Lehrer einem Kind sowohl Vorbild ist als auch seine Potentiale spiegelt, stimuliert er nicht nur Interessen und Bemühungen, sondern bietet ihm auch Halt in Entwicklungswirren, befördert seine gesamte seelische Reifung. Andernfalls bleiben Jugendliche zu sehr auf sich gestellt, müssen vorwiegend aus der begrenzten und häufig auch egozentrischen Welt der Gleichaltrigen schöpfen.
Pädagogischer Kitsch
Eigenverantwortliches Arbeiten ist höchstens dann lernwirksam, wenn man die Lernmaterialien so gestaltet, dass nun sie Lenkung und Echo übernehmen. Aber auch bei optimaler Papiersteuerung sinkt die Lernlust bei längerer Selbständigkeit schnell, den Schülern fehlt die personale Resonanz auf ihre Bemühungen. Junge Menschen wollen eben spüren, dass sie als Einzelne dem Erwachsenen etwas wert sind – als Paula oder Paul, nicht als Teil eines Haufens von Arbeiterameisen. Dann mögen sie sich auch für ein uninteressantes Fach erwärmen, stellen sich auch einer anstrengenden Aufgabe, akzeptieren auch eine schlechte Note.
Insofern scheitert das konstruktivistische Paradigma der Selbstsozialisation schlichtweg an den Menschen, bleibt »antipädagogische Hoffnungslogik«, so der Pädagoge Dieter Neumann. Natürlich ist der Gedanke verführerisch, dass sich Selbständigkeit am besten durch Selbständigkeit erreichen lasse – und sei es, weil die täglichen Disziplin- und Motivationsmühen starke Entlastungswünsche beim Lehrer erzeugen. In Wirklichkeit handelt es sich bei solch »erzieherischem Münchhausentum«, wie der Schweizer Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach das nennt, um einen gedanklichen Kurzschluss, um pädagogischen Kitsch: In Bildungs- und Erziehungsfragen ist der Weg eben nicht das Ziel.
Womöglich hat die Eigenverantwortlichkeitspädagogik auch noch eine andere Seite: Winkt nicht der Bildungsindustrie bei neuen Lernformen ein phantastisch schöner neuer Markt – den Schulbuchverlagen, den Produzenten von Lernsoftware, den Computerherstellern? Und dieser »pädagogisch-industrielle Komplex«, wie der Erziehungswissenschaftler Hermann Giesecke sagte, reicht ja noch viel weiter. Je selbständiger Schüler lernen, umso häufiger muss man ihre Lernleistungen auch testen. Ständig neue Tests entwickeln, durchführen und auswerten – ein Profitfeld mit riesigen Wachstumschancen.
Das rechte Maß finden zwischen Anleitung und Selbstgestaltung
Aber kann Lernen »ohne Selbst« denn überhaupt funktionieren? Natürlich nicht: Ohne innere Beteiligung wird der Schüler vom Stoff höchstens gestreift, wenn nicht ganz verfehlt. Das Selbst gehört mit ins Boot, nur soll man es dabei nicht unnötig alleine lassen. Das Selbst kann auch bei einer spannenden Erzählung des Lehrers beteiligt sein, bei einer interessanten Erklärung, bei einer von ihm gelenkten Klassendebatte. Eigenverantwortliches Lernen ist beileibe kein Teufelszeug – es geht um das rechte Maß zwischen Anleitung und Selbstgestaltung. Bei Testsiegern wie Japan oder Finnland sind nicht nur die Schüler weitaus lernaktiver als hierzulande, sondern auch die Lehrer enorm steuerungsaktiv.
Auch der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hat in seiner XXL-Metastudie nicht den selbst bestimmenden Schüler als besonders wirkungsmächtige Faktoren des Unterrichts ausgemacht, sondern den differenziert steuernden, gut gelaunten und ermutigenden, individuell nachjustierenden Lehrer. Gebraucht werden Pädagogen mit Führungsfreude und Feingefühl, die Mutlosen Brücken bauen und Verzweifelte verständnisvoll bändigen können. Bleibt zu hoffen, dass sich die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg künftig an diesem evidenzbasierten Lehrerbild orientiert.
Hilbert Meyer, lange ein Papst der Lehrerausbildung in Deutschland und Verfechter freier Arbeitsformen, hat sich jedenfalls schon vor Jahren bemerkenswert selbstkritisch vom schulischen Selbständigkeitstaumel distanziert. »Ich muss auf meine alten Tage umlernen«, schrieb er: »Über positive Effekte von Freiarbeit und offenem Unterricht findet sich in den vorliegenden Studien eher wenig. Und das wenige führt zu keinen eindeutigen Ergebnissen.« Es geht nicht darum, die Schule neu zu denken, sondern das Wesentliche im Unterricht besser zu machen.
Zum Hintergrund: Wann und wie gelingt lernen? Um diese Frage zu beantworten, hat der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie über 800 Meta-Analysen ausgewertet. Für 138 Faktoren hat er gesammelt und untersucht, ob sie – statistisch gesehen – für den Lernerfolg relevant sind. Diese XXL-Studie, an der er 15 Jahre lang gearbeitet hat, gilt als Meilenstein der empirischen Bildungsforschung. Unter dem Titel »Lernen sichtbar machen« liegen die Ergebnisse seiner Untersuchung nun auch in deutscher Sprache vor. Wichtigste Aussage der Hattie-Studie: Auf den Lehrer kommt es an; die Qualität des Unterrichts hat anscheinend den größten messbaren Einfluss auf die Lernerfolge der Schüler. Dagegen scheinen strukturelle Merkmale wie etwa die Klassengröße erstaunlicherweise unwichtig. Die Studie wird heftig diskutiert: Während sich die Befürworter eines lehrerzentrierten Unterrichts nun ebenso bestätigt sehen wie die Anhänger des gegliederten Schulsystems, wenden Kritiker ein, Hattie habe lediglich das anglo-amerikanische Schulsystem berücksichtigt, das sich vom deutschen doch stark unterscheide. Zudem habe er lediglich Fortschritte im Fachwissen bewertet. Andere Bildungsziele kämen in der Studie dagegen nicht vor.
