Merkels Mädchen
Es gibt Leute, die behaupten, dass Reem Sahwil die Flüchtlingspolitik unseres Landes verändert hat. Dass es die Tränen der 14-Jährigen waren, die Angela Merkel letztlich dazu bewegten, 2015 die Grenzen für den großen Strom der Geflüchteten zu öffnen. Zwei Jahre nachdem die palästinensische Teenagerin als »weinendes Flüchtlingsmädchen« bekannt wurde, steht sie nun wieder in der Öffentlichkeit. Sie hat ihre Biografie geschrieben: »Ich habe einen Traum. Als Flüchtlingskind in Deutschland«.
In dem Buch beschreibt Reem auf fast malerisch-orientalische Weise ihre Kindheit im palästinensischen Flüchtlingsviertel Wavel im Libanon. Ihre Familie lebt da bereits in der vierten Generation in dem Lager. Alles ist armselig und verkommen, aber die Großfamilie mit all den Opas, Tanten und Cousinen bietet ihr doch eine warme Heimat. Reem aber kann nicht laufen, sie kam als Frühchen zur Welt, hat einen Gehfehler und sitzt im Rollstuhl. Weil sie im Lager nur unzureichend versorgt wird, legt die Großfamilie zusammen, damit sie in Deutschland behandelt werden kann. So kommt Reem mit ihren Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern nach Rostock und besucht das Schulzentrum Paul Friedrich Scheel, ein Förderzentrum für Körperbehinderte. Genau dort findet am 15. Juli 2015 der Bürgerdialog Gut leben in Deutschland mit Angela Merkel statt.
Die Szene, in der das Flüchtlingskind der Kanzlerin seine Angst vor der Abschiebung schildert, hat sie berühmt gemacht: Merkel antwortet zunächst nüchtern, dass Deutschland nun mal leider nicht alle Asylsuchenden aufnehmen könne. Reem beginnt zu weinen. Merkel sieht das, stoppt ihre Rede, streichelt das Mädchen etwas hilflos am Hinterkopf. Das anonyme Flüchtlingsproblem hat damit ein Gesicht bekommen: das weiche, kindliche Gesicht von Reem Sahwil.
Die Begegnung mit ihr hat Merkel einen Shitstorm und den Vorwurf der Kaltherzigkeit eingebracht. Reem hat die Kanzlerin jedoch nicht als kalt empfunden: »Ich habe ihre Stärke gespürt, sie wirkte freundlich und mutig.« Und kurz darauf öffnete Merkel dann die Grenzen, sagte: »Wir schaffen das!« und lud Reem noch einmal ins Kanzleramt ein. Aber auch das Flüchtlingsmädchen wurde nun zur Zielscheibe von Shitstorms und Hass. »Wegen dir haben wir nun die ganzen Fremden im Land!«, rief ein Rentner ihr auf der Straße nach.
Inzwischen ist Reem 16 Jahre alt. Sie spricht akzentfrei Deutsch, kann wieder laufen, ist Klassensprecherin, spielt Klavier und tritt auf Schulveranstaltungen als Sängerin auf. Aber noch immer muss sie zittern, ob sie dauerhaft in Deutschland bleiben darf. Ihre Duldung gilt jetzt noch bis Ende Oktober.
