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Nahost: »Missbrauch der Religion«

Der Nahost-Konflikt ist ein Perpetuum Mobile: Die Konfliktparteien halten ihn selbst am Laufen. Gerade ist das erneut zu beobachten. Die Religionen wirken als Kräfte, die den Konflikt schüren und nicht befrieden. Warum ist das so? Und was könnte das ändern? Fragen an den Historiker Michael Wolffsohn
von Johanna Jäger-Sommer vom 11.12.2012
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Michael Wolffsohn: »Die Religion muss Maßstab sein, aber nicht politischer Akteur.« (Foto: www.wolffsohn.de)
Michael Wolffsohn: »Die Religion muss Maßstab sein, aber nicht politischer Akteur.« (Foto: www.wolffsohn.de)

Im Nahen Osten kämpfen unterschiedliche Völker um ihr Existenzrecht, um Land, Wasser und Grenzen. Warum wirken bei diesen handfesten Konflikten Religionen als Brandbeschleuniger?

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Michael Wolffsohn: Weil die vorhandenen Konflikte immer noch einen zusätzlichen Legitimationsfaktor brauchen und der Legitimationsfaktor Religion immer auf Gott zurückgeführt wird. Das entzieht den Konflikt der irdischen Kontrolle. Dabei wird übersehen, dass die Religion sich in ihrem Kern höchste ethische Maßstäbe setzt, die über den jeweiligen irdischen sind. Das heißt: Wer für irdische Konflikte die Religion instrumentalisiert, kämpft nicht etwa für sie, sondern führt zur Perversion der Religion.

Sowohl orthodoxe Juden wie Islamisten finden in ihren Heiligen Schriften immer Stellen, die ihnen sagen, dass sie in diesem und jenem konkreten Falle Recht haben, dass zum Beispiel dieses Stück Land ihnen gehört.

Wolffsohn: Das Problem der gegenwärtig offensiven Orthodoxie in den verschiedensten Religionen – zurzeit vor allem im Judentum und im Islam – besteht darin, dass ihre Anhänger den Charakter ihrer Heiligen Schriften nicht wirklich begreifen. Die Heiligen Schriften sind nicht wortwörtlich zu verstehen, denn in ihrer Wortwörtlichkeit widersprechen sie sich oft. Und das führt dazu, dass man sich A herauspicken kann und auch B – und dass A und B eigentlich nicht zueinander passen. Die Heiligen Schriften schildern die Vielfalt und zeigen die Wirklichkeit so wie sie ist: Sie lässt sich nicht auf Eindeutigkeit zurückführen.

Sollten sich dann also Religionen ganz aus dem politischen Leben heraushalten? Ist Religion Privatsache?

Wolffsohn: Religion soll sich nicht aus der Politik heraushalten. Aber sie soll nicht Akteur der Politik werden. Die Religion muss Maßstab sein. In dem Augenblick, wo die Religion zum Akteur der Politik wird, verliert sie den Maßstab-Charakter. Um es in einem Bild zu sagen: Sie können die 22 Akteure auf dem Fußballfeld von der Tribüne aus beobachten, aber Sie können natürlich auch einer von 22 Spielern sein. Derjenige, der auf der Tribüne sitzt, hat den Überblick. Und das ist der Maßstab. Ein konkretes Beispiel, auf die bundesdeutsche Politik bezogen: In dem Augenblick, wo eine kirchliche Institution sich in die Hartz-IV-Debatte einmischt und etwa über den Satz diskutiert, der zu bezahlen wäre, ist sie einer von 22 Akteuren und nicht der Zuschauer auf der Tribüne, der sagt: Das sind die Proportionen, auf die zu achten wäre.

Wäre dann also eine Theologie der Befreiung oder eine kritische Politische Theologie für Sie nicht akzeptabel?

Wolffsohn: Ich sage es mal ganz traditionell: Die ethische und die literarische Substanz des Alten und des Neuen Testamentes ist in der Literatur und Ethik vom Mittelalter bis in die Moderne nicht wirklich erreicht worden. Ich muss nicht das Beste durch das nicht ganz so Gute ersetzen. Wenn man die Ethik und auch die literarische Qualität der Bibel, des Alten und des Neuen Testaments, zugrunde legt, fährt man nicht schlechter – um es zurückhaltend zu formulieren –, als wenn man zu modernen Autoren greift, die oft auch im Strom der jeweiligen Zeit schwimmen.

Die Propheten haben sich aber auch eingemischt …

Wolffsohn: Die Propheten haben sich eingemischt, sie waren Zeitzeugen. Und sie waren diejenigen, die ihre Zeit am Maßstab des Zeitlosen und Zeit-Übergreifenden gemessen haben. Wenn die Zeitpartner das ewig Gültige, also die religiöse Substanz, verletzt haben, dann haben sie sich eingemischt. Aber sie sind nicht politische Akteure in eigenem Interesse gewesen. Sie haben immer das Übergeordnete im Auge gehabt, konkret in kriegerischen Situationen. Zum Beispiel hat vor der unmittelbaren Auflösung des judäischen Gemeinwesens, als die Babylonier vor den Toren Jerusalems standen, der Prophet Jeremias den jüdischen Bürgern empfohlen, die Waffen niederzulegen. Nicht nur aus militärischen Gründen, sondern vor allem, weil er ihnen sagte: »Ihr gebt zwar vor, für das Judentum zu kämpfen, aber ihr seid nur formell Juden, ihr habt das Judentum nicht in euren Herzen, nicht in euren Köpfen. Doch die Art des Judentums, die uns von der Substanz her notwendig erscheint, die könnten wir auch unter babylonischer Herrschaft leben.« Gerade die Propheten haben sich also eingemischt, wenn und weil die zeitlosen Maßstäbe verloren gegangen sind.

Heute befeuern die Religionen zwar die Konflikte, aber andererseits haben sie auch sehr viel Friedenspotenzial, alle Religionen eigentlich. Könnte das nicht nutzbar gemacht werden?

Wolffsohn: In Bezug auf »alle Religionen« bin ich eher skeptisch, vor allem in Bezug auf den Islam. Bei aller politischen Zurückhaltung kann ich dieses Friedenspotenzial nicht wirklich erkennen. Es war eine kriegerische Religion von Anfang an, und das Kriegerische, Expansive wird in dieser Tradition und Religion auch ganz eindeutig theologisch begründet. Aber bleiben wir beim Christentum und Judentum: Ja, da ist ein enormes Potenzial. Das Christentum als eine politische Konflikte anfeuernde Religion vermag ich heute nicht zu erkennen. Und in Bezug auf das Judentum bedaure ich einerseits einen Rückfall der Orthodoxie in die Wortwörtlichkeit und andererseits eine Entfernung der weltlichen Juden vom Judentum als Reaktion auf die Orthodoxie. Aber beide haben sich – also weltliche Juden ebenso wie orthodoxe – vom Kern der jüdischen Ethik und Metaphysik entfernt. Und das ist bedauerlich, weil hier tatsächlich sowohl ein innergesellschaftliches als auch ein friedenspolitisches Regulativ entfällt.

Sind Ihre Erwartungen für den Nahost-Konflikt dann also eher pessimistisch?

Wolffsohn: Unter den gegenwärtigen Voraussetzungen: Ja. Theologisch und auch demografisch. Weil auf der jüdisch-fundamentalistischen ebenso wie auf der muslimisch-fundamentalistischen Seite die Geburtenrate deutlich die Geburtenrate der Gemäßigten beider Seiten übersteigt. Auf die Zukunft projiziert heißt das, dass die extremen Kräfte im wahrsten Sinne des Wortes Zugang und Zulauf haben. Und das verheißt nichts Gutes.

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Personalaudioinformationstext:   Michael Wolffsohn wurde als Sohn einer aus Deutschland nach Palästina geflüchteten Familie 1947 in Tel Aviv geboren. 1954 übersiedelte er mit seinen Eltern nach West-Berlin, wo er nach seinem Abitur 1966 mit dem Studium begann. Von 1967 bis 1970 diente er als Wehrpflichtiger in der israelischen Armee. Danach Rückkehr nach Berlin. 1975 Promotion in Geschichte an der FU Berlin, anschließend fünf Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität des Saarlandes und Habilitation. 1981 bis 2012 Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Unter anderem schrieb er die Bücher »Juden und Christen« (2008) und »Wem gehört das Heilige Land?«, das 2011 in der 10. Auflage erschienen ist.
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