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Rennefanz: »Ich wollte nur weg«

Sie sollte zur sozialistischen Elite erzogen werden. Dann fiel die Mauer, als sie 15 war. Die Journalistin und Buchautorin Sabine Rennefanz zählt sich zu den ›Eisenkindern‹ der 1990er Jahre – wie Beate Zschäpe. Lange war Rennefanz auf der Suche nach Zugehörigkeit. Und doch war sie beseelt von dem Wunsch, etwas zu tun, »was die Gesellschaft schockt«. Ein Gespräch über die deutsche Einheit in zwei Welten
von Bettina Röder vom 02.10.2013
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Sabine Rennefanz, Berliner Journalisitin,1974 in der DDR geboren, beim Mauerfall 15 Jahre alt, Autorin des in diesem Jahr erschienen Buches ›Eisenkinder‹, sagt über ihre Generation: »Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe haben mich ein wenig an mich selbst erinnert. An diese Suche nach Zugehörigkeit, aber auch an den Wunsch, was zu machen, was die Gesellschaft schockt.« (Foto: pa/ Kalaene)
Sabine Rennefanz, Berliner Journalisitin,1974 in der DDR geboren, beim Mauerfall 15 Jahre alt, Autorin des in diesem Jahr erschienen Buches ›Eisenkinder‹, sagt über ihre Generation: »Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe haben mich ein wenig an mich selbst erinnert. An diese Suche nach Zugehörigkeit, aber auch an den Wunsch, was zu machen, was die Gesellschaft schockt.« (Foto: pa/ Kalaene)

Frau Rennefanz, was ist Heimat für Sie?

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Sabine Rennefanz: Wenn ich heute in Richtung Eisenhüttenstadt fahre und die Wiesen und Kiefernwälder sehe, dann geht mir das Herz auf und ich fühle mich zu Hause. Ich verbinde heute Heimat eher mit Landschaften als mit Menschen. Das hat sich verändert. Die Heimat, in der ich aufgewachsen bin, wurde entwertet. Es war mir viele Jahre lang peinlich, aus dem Osten zu kommen. Ich wollte nur noch weg.

Von diesem Gefühl, nach 1990 schlagartig keine Heimat mehr zu haben und nur schwer eine neue zu finden, handelt Ihr Buch »Eisenkinder«. Es ist eine Art Autobiografie Ihrer Generation. Warum dieser Titel?

Rennefanz: Der hängt mit Eisenhüttenstadt zusammen. Eisen: Das Wort gefiel mir vom Klang her, Eisen steht auch für Brüchigkeit. Wie bringe ich das mit Heimat zusammen? Eisen verändert sich sehr in seiner Konsistenz. Und so ist es auch mit uns, den Eisenkindern. Wir mussten nach der Wende plötzlich auch andere sein. Und sind doch dieselben geblieben.

Wenn es Ihnen jahrelang peinlich war, sich zu Ihrer Herkunft zu bekennen, gab es dann einen Zeitpunkt, an dem sich das geändert hat?

Rennefanz: Ja, als ich vor fünf Jahren aus London zurückgekehrt bin. Ich habe dort als Korrespondentin für die Berliner Zeitung gearbeitet. In London habe ich ein ganz anderes Selbstbewusstsein als Kind des Ostens bekommen. Die Menschen dort interessieren sich nicht so für den Westen, dafür aber sehr für den Osten. Manche Leute in England kennen die Ostbands besser als ich. Die Briten sind zudem viel geschichtsbewusster als wir. Sie fragen offen und ohne Vorurteile. Hier ist jede zweite Frage: Was gab es nicht? Waren deine Eltern bei der Stasi? Das war in England nicht so. Die Menschen haben mich einfach erzählen lassen.

Wie erklären Sie sich das?

Rennefanz: Individualität hat bei den Briten einen viel größeren Wert als hier. Hier heißt es dauernd, wir müssten werden wie der Westen. Alle sollten möglichst gleich sein. Der Anpassungsdruck war und ist sehr groß. Dort gilt es eher als interessant, wenn man anders ist. Das hat mich ermutigt, offener über meine Geschichte zu reden, und es hat mir auch gezeigt: Wir müssen uns nicht verstecken. Es ist auch interessant, was in der DDR passiert ist. (…)

Sie waren 1990 16 Jahre alt, Schülerin der »Erweiterten Oberschule Clara Zetkin« …

Rennefanz: Ja, für mich war es sehr wichtig, auf diese Schule in Eisenhüttenstadt zu gehen, wo ich Französisch lernen konnte und in einem Internat war. Das wurde plötzlich geschlossen, wir kamen in so ein Lehrlingsheim und wussten nicht, ob wir das Abitur machen konnten. Die Lehrer hatten mit sich zu tun, wir hatten keine Ansprechpartner mehr.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es in dieser Situation zu einer Radikalisierung kam. Nicht nur bei Ihnen, sondern bei vielen Leuten aus Ihrer Generation. Warum?

Rennefanz: Da war diese Haltlosigkeit, das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wo man hingehört. Die Heimat war plötzlich so peinlich. Man wäre lieber jemand anderes gewesen.

Sie haben sich dann einer missionarischen christlichen Sekte angeschlossen. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe sind Neonazis geworden. Aus demselben Grund? Aus Sehnsucht nach fundamentaler Eindeutigkeit? Nach Radikalität?

Rennefanz: Die haben mich ein wenig an mich selbst erinnert: An diese Suche nach Zugehörigkeit, aber auch an den Wunsch, was zu machen, was die Gesellschaft schockt. (…) Ich habe mich dafür gehasst, dass ich mich in der DDR so angepasst habe. Ich wollte für eine andere Welt kämpfen, das war mein Ausweg.

Ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Sekte hatte aber bald ein Ende.

Rennefanz: Ja. Wir gingen nach Russland, sollten missionieren. Ich habe mich danach in Hamburg in einen Nichtchristen verliebt. Als das rauskam, wurde ich ausgeschlossen, ich sollte mich trennen. Das hat mich geschockt. Weil ich gedacht hatte, das wären meine Freunde. Das war der Punkt, wo ich beschlossen habe, nicht so leben zu wollen. (…)

Sie haben über den Mauerfall geschrieben, dass Sie damals, 1989, keinerlei Gefühle von Freiheit hatten. Wie kam das?

Rennefanz: Für mich wurden die Begriffe Frieden und Sozialismus plötzlich gegen Freiheit und Toleranz ausgetauscht. Das alles war so wenig mit Leben gefüllt.

Hat sich da inzwischen etwas verändert?

Rennefanz: Mit dem Begriff Freiheit habe ich bis heute Probleme. Weil er so oft missbraucht wird, um die eigene Freiheit gutzuheißen und die Freiheit des anderen zu beschneiden. Meinungsfreiheit ist was Tolles. Und doch trauen sich viele Leute nicht. Es wird stattdessen viel rumgelogen. Vielleicht merke ich das stärker, weil ich mit meiner Ost-Biografie andere Erwartungen hatte.

Meinen Sie nicht, dass es diese ganze Ost-West-Diskussion bald nicht mehr gibt?

Rennefanz: Man hat ja immer gesagt, dass das meine Generation abschließen würde; wir würden die Einheit vollenden. Also, ich bin da sehr skeptisch. Ich glaube, dass das viel länger dauert. Neulich hatte ich da so ein komisches Erlebnis.

Welches?

Rennefanz: Als ich bei einer Lesung in einem brandenburgischen Dorf war, waren viele Westdeutsche da, die nun in Brandenburg auf irgendwelchen Anwesen leben. Aber auch die Dorfbevölkerung kam. Die Westler bestritten die komplette Diskussion, die Ostler sagten kein Wort. Und die Westler interessierten sich zwar für mein Buch, aber konnten gar nicht verstehen, wie stark uns die DDR geprägt hat. Sie meinten, das müsste endlich abgeschlossen sein, wir seien doch alle gleich. Wie merkwürdig. Saßen nicht allein in diesem Saal Menschen, die komplett unterschiedlich waren?

Verändert sich etwas?

Rennefanz: Ja, natürlich. Was inzwischen gewachsen ist, ist ein ostdeutsches Selbstbewusstsein. Meine Hoffnung ist, dass es künftig in Deutschland mehr Vielfalt gibt. Auch durch die Migranten. Man braucht eine andere Erzählung darüber, was das heißt, deutsch zu sein.

Was heißt es denn?

Rennefanz: Da gibt es diese schlimmen Momente, aber auch die schönen Seiten in unserer Geschichte. Es ist ja was Positives, dass 1989 keine Panzer rollten. Wir hätten über eine gemeinsame Verfassung abstimmen müssen, stattdessen bekamen wir eine Nationalhymne übergestülpt. Das ist auch so das Ding, das mit Heimatverlust zu tun hat. Alles musste aus dem Westen übernommen werden. Es wurde viel zu wenig darauf geachtet, gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Dass sich der Osten immer nur nach dem Westen richten muss, hat für mich etwas hoffnungslos Altmodisches. Das ist so eine Unfähigkeit, sich etwas Neues auszudenken.

Sie sind Umwege gegangen, um die zu werden, die Sie heute sind. Welchen Wert hat es für Sie gehabt, dass Sie sich nicht nur einmal geirrt haben?

Rennefanz: Es hat mir geholfen, so viele Mechanismen zu verstehen. Wie es zum Beispiel passieren kann, dass Menschen Terroristen werden. Ich habe ein Gefühl dafür bekommen, wie dünn die Wand zwischen Normalität und Radikalität ist. Für viele Leute, die sich eigentlich total normal finden.n

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Personalaudioinformationstext:   Sabine Rennefanz, geboren 1974, wuchs in Eisenhüttenstadt auf und studierte nach 1989 Politikwissenschaften in Berlin und Hamburg. Seit 2001 ist sie Redakteurin der Berliner Zeitung. 2010 erhielt sie den Theodor-Wolff-Preis, 2012 wurde sie für ihren Essay »Uwe Mundlos und ich« mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. Ihr Buch »Eisenkinder. Die stille Wut der Wendegeneration« erschien 2013.
Die Langfassung des Interviews mit ihr lesen Sie im aktuellen Publik-Forum EXTRA »Heimat. Alles, was der Mensch zum Leben braucht«. Publik-Forum-Bestellnummer 2986.
Schlagwörter: Heimat Identität
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