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Terror hat keine Religion

Zwölf Anschläge weltweit werden seit Jahresbeginn islamistischen Terroristen zugeschrieben. Sie wollen Hass wecken, weil der ihren Zielen nützt. Den Gefallen dürfen wir ihnen nicht tun
von Markus Dobstadt vom 24.03.2016
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»Gegen Terrorismus und Hass«: Belgier trauern um die Opfer des Anschlags in Brüssel und zeigen, dass sie den Hass der Terroristen nicht mit Hass beantworten wollen  (Foto: pa/Kalashnikova)
»Gegen Terrorismus und Hass«: Belgier trauern um die Opfer des Anschlags in Brüssel und zeigen, dass sie den Hass der Terroristen nicht mit Hass beantworten wollen (Foto: pa/Kalashnikova)

Mehr als 200 Menschen kamen weltweit seit Januar bei Anschlägen durch den sogenannten Islamischen Staat, durch Al-Quaida und durch die militante islamistische Bewegung Al-Shabaab ums Leben. Die Islamisten mordeten in zehn verschiedenen Ländern. Die Gründe mögen bei jedem Attentat andere sein. Doch die Absicht, die dahinter steckt, ist immer ähnlich. Hass auf Muslime säen, Feindbilder aufbauen, Fronten schaffen, Angst und Schrecken verbreiten. Denn wenn die Gesellschaften den Muslimen misstrauen, ist es leichter für die Dschihadisten, friedliche muslimische Gläubige auf ihre Seite zu ziehen und sie davon zu überzeugen, dass es in ihrem Kampf um alles oder nichts geht.

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Ein totalitäres Konzept

Es ist ein totalitäres Konzept, dass die militanten Islamisten in aller Welt verfolgen. Stelle dich auf meine Seite, ordne dich mir unter, übernehme meine Ideologie – oder sei mein Gegner, dann werde ich dich bekämpfen bis zum Tod. Mit Religion hat das nichts zu tun, sie ist nur das Vehikel. Für diese Zwecke ist sie ideal, denn so lassen sich auf einen Schlag Millionen Menschen in Bewegung setzen, weil Religion sehr vielen Menschen etwas bedeutet.

Relgion lässt sich leicht missbrauchen, denn sie ist auslegbar. Die Anführer können glaubhaft machen, es ginge ihnen um die Wahrheit. In Wirklichkeit geht es ihnen um die Durchsetzung ihrer Ideologie, um die Macht. Islamisten ziehen zur Begründung ihres Terrors daher wahllos alles heran, was für sie greifbar ist: Die christlichen Kreuzzüge im Mittelalter, die US-Invasion im Irak, den Werteverfall durch den globalen Kapitalismus. Mit all dem haben Christen der Welt und den Muslimen tatsächlich geschadet und tun es noch. Aber das ist keine Rechtfertigung für den Terror. Der hat keine Religion. Religion ist menschenliebend. Terror ist menschenverachtend.

Die Belgier stemmen sich mutig und mit Humor gegen die Aggression. Mit Bildern wie dem von den Pommes frites, die einen Stinkefinger nachbilden, oder dem Manneken Pis, das die brennende Zündschnur einer Bombe auspinkelt. Sie zeigen: Wir lassen uns nicht unterkriegen, wir nehmen den Terror nicht einfach so hin, wir versuchen ihn wegzulachen, so gut das in der Situation geht.

Sind Atomkraftwerke gefährdet?

Gleichzeitig herrscht große Trauer um die 34 ermordeten Menschen und die Angst vor weiteren Attentaten. Die Diskussion dreht sich auch darum, was als nächstes passieren könnte. Sind die Terroristen in der Lage, auch Atomkraftwerke anzugreifen oder sich nukleares Material anzueignen? Atomexperte Mycle Schneider sagt klar: Das sei zu befürchten. Auf die Frage: »Ist es schwer, ein Kraftwerk so zu sabotieren, dass es zu einem GAU kommen könnte?«, antwortete er in der taz: »Ich sage das nicht gern, aber technisch ist das nicht sehr schwer«. Welch gruselige Vorstellung. Und was wäre das für ein Triumph in den Augen der Terroristen.

Auf Seiten der Politik herrscht dagegen Hektik in Sachen Sicherheitspolitik. Doch was hilft gegen den Terror? Außer akribischer, grenzüberschreitender europäischer Polizeiarbeit? Letztlich nur Friedenspolitik – im Kleinen und im Großen. Was Friedenspolitik im Kleinen bedeuten kann, erklärt das Katholische Forum Dortmund anlässlich der Terroranschläge in Belgien: »Mancher Verunsicherung zum Trotz möchten wir auch erzählen, was wir hier in Dortmund wahrnehmen: Hier leben religiöse und nichtreligiöse Menschen ganz selbstverständlich miteinander; hier wohnen Christen mit Juden, mit Muslimen und Andersgläubigen Tür an Tür nebeneinander. Sie alle respektieren sich und achten den jeweils anderen. Das sind konkrete Schritte zum Frieden. Das heißt nicht, dass wir hier in Dortmund keine Integrationsprobleme mehr hätten. Es heißt nur, dass diese nicht Folge einer bestimmten Religion sind.« Europäische Vielfalt, religiös wie ethnisch, verbunden mit Toleranz und Interesse am Fremden, das ist ein Rezept gegen den Terror.

Papst wäscht Flüchtlingen die Füße

Wie schwierig das ist, lässt sich aber auch beobachten: Bei Versammlungen, in denen deutsche Kommunen über neue Flüchtlingsunterkünfte informieren, sind Angst und Misstrauen gegenüber den Flüchtlingen mit Händen zu greifen. Es lässt sich an den jüngsten Wahlerfolgen der AfD ablesen und dem Zulauf, den Pegida erfährt. Dabei sollte klar sein: Flüchtlinge sind Menschen in Not. Welcher Religion sie angehören, sollte keine Rolle spielen. Natürlich können sich Islamisten unter sie mischen, das staatliche Hilfenetz ausnützen und die wirklichen Flüchtlinge diskreditieren. Aber ist das ein Grund, all den anderen nicht zu helfen?

Papst Franziskus setzt heute in dieser Hinsicht ein eindeutiges Signal: Er wird im Ort Castelnuovo di Porto nahe Rom zwölf jungen Asylbewerbern die Füße waschen und dabei vor ihnen niederknien. »Franziskus will uns damit sagen, dass wir in diesem historischen Moment unsere Aufmerksamkeit den Schwächsten schenken müssen. Wir alle sind aufgerufen, ihnen ohne Ausflüchte ihre Würde zurückzugeben«, schreibt Kurienerzbischof Rino Fisichella am Dienstag in der Vatikan-Zeitung L´Osservatore Romano.

Muslimische Organisationen verurteilen Anschläge

Auch die Stellungnahmen der muslimischen Organisationen in Deutschland sind hilfreich. Für den Islamrat sagte der Vorsitzende Burhan Kesici: »Die menschenverachtenden Anschläge in Brüssel zeigen erneut, dass die Terroristen kein Respekt vor dem Leben haben und bewusst die Menschen in Angst und Schrecken versetzen. Die Anschläge sind ein Akt gegen die Menschlichkeit. Wir dürfen uns durch Gewalt und Terror nicht spalten lassen. Gerade in solchen Zeiten müssen wir zeigen, dass wir gemeinsam am friedlichen Zusammenleben festhalten und entschieden gegen jegliche Art von Extremismus und Gewalt sind«. Auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) verurteilt die Attentate in Brüssel »aufs Schärfste«, ebenso die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB). Diese Worte der in Deutschland lebenden Muslime sind wichtig.

Aber zur Integration der Menschen muss auch Friedenspolitik im Großen dazu kommen. Und die kann nur bedeuten, sich mit allen Mitteln der Diplomatie international für Frieden einzusetzen. Dazu gehört, Saudi-Arabien nicht mehr als Verbündeten zu hofieren und mit Waffen zu versorgen. Das wahabitische Königshaus vertritt einen Steinzeit-Islam, der Ehebruch mit Steinigung bestraft und der Nährboden für den islamistischen Terror ist.

Nötig wäre ein Europa-Zentrum für zivile Konfliktlösung

Es bedeutet, um einen Frieden in Syrien zu ringen und schon jetzt über den Konflikt hinauszudenken, etwa ein immenses Wiederaufbauprogramm vorzubereiten und dadurch die Sehnsucht nach Frieden in der Region zu stärken. Es bedeutet, in Israel die Kräfte zu stärken, die einen Frieden mit den Palästinensern wollen. Letztlich bedeutet es, dass Europa sich darüber klar wird, wie generell mit dem militanten Islam umgegangen werden kann, der sich in Afrika und im Nahen Osten festgesetzt hat.

Es müsste bedeuten, ein europäisches Zentrum für zivile Konfliktlösung aufzubauen und großzügig auszustatten. Denn Frieden zu schaffen ist ein schwieriges Geschäft. Dafür braucht es viel Expertise und Beratung der Politik. Aber wenn dadurch Anschläge wie in Paris oder Brüssel verhindert werden könnten, wäre das den Aufwand nicht wert?

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