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Wie die Sparpolitik Griechenland verändert

Am 17. Juni haben die Griechen ihr Parlament neu gewählt. Doch die Krise ist damit nicht beendet. Welche Auswirkungen hat die radikale Sparpolitik auf das Land und wie ist Rolle der Kirche zu sehen? Fragen an die griechisch-orthodoxe Theologin Katerina Karkala-Zorba
von Thomas Seiterich vom 16.06.2012
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Die Mittelschicht in Griechenland verarmt, die Kirche bekommt viel Zulauf, sagt Katerina Karkala-Zorba, griechisch-orthodoxe Theologin und Sprachwissenschaftlerin. (Foto: Daniel Barton/CEC)
Die Mittelschicht in Griechenland verarmt, die Kirche bekommt viel Zulauf, sagt Katerina Karkala-Zorba, griechisch-orthodoxe Theologin und Sprachwissenschaftlerin. (Foto: Daniel Barton/CEC)

Was macht die Krise mit den Griechen?

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Katerina Karkala-Zorba: Sie leiden. Viele Menschen sind infolge von rabiaten Lohn- und Rentenkürzungen, des Ausbleibens von Arbeitslohn oder aufgrund von Arbeitslosigkeit mittlerweile stark verschuldet. Das gilt für viele Einzelne wie für ganze Familien. Neben dieser sichtbaren Krise gibt es unsichtbare Krisen. Zum Beispiel: In den Grundschulen häufen sich Fälle, in denen Kinder ohnmächtig umfallen, weil sie von ihren verarmten Eltern ohne Frühstück zur Schule geschickt wurden. Unter den Studierenden und jungen Erwachsenen wächst die Verzweiflung, denn sehr viele Eltern können ihre Kinder finanziell nicht mehr unterstützen. Die Arbeitslosigkeit der unter Dreißigjährigen liegt offiziell bei 55 Prozent. Viele junge Leute verzweifeln an der Chancenlosigkeit. Viele sind nach hundert und mehr Bewerbungen entmutigt und ziehen sich zurück. Andere spielen mit dem Gedanken der Auswanderung - nach Australien, Amerika oder in die Golfstaaten. Griechenlands Jugend, die für die Krise überhaupt nichts kann und völlig unschuldig ist, droht kaputtzugehen.

Welche Dynamik prägt die Gesellschaft?

Karkala-Zorba: Familien, die generationenlang zur Mittelschicht zählten, rutschen jetzt ab in die Unterschicht. Das belastet sozial sowie psychologisch gerade die Personen, die die Nation bislang getragen haben. Die Zahl der Selbstmorde ist stark gestiegen. In den Familien ist man dünnhäutig, gestresst und geht leicht aufeinander los. Der Jobverlust Hunderttausender sorgt dafür, dass sie nun entmutigt zu Hause sitzen. Bei Jugendlichen nehmen die Verhaltensstörungen zu. Davon bekommen die Lehrer einiges ab. Weshalb soll ich lernen, wenn alles Lernen doch nichts nützt für einen späteren Beruf? So fragen viele Schüler - und die Lehrkräfte tun sich schwer, überzeugend zu antworten. Die wirtschaftliche Krise bildet die Spitze eines Eisbergs. Sie hat vielerlei andere, stille Notsituationen in der griechischen Gesellschaft losgetreten.

Wie fühlen sich die Griechen?

Karkala-Zorba: Ohnmächtig. Denn sie sollen gegen ein anonymes Monster ankämpfen, gegen eine Mega-Staatsverschuldung, und deren Folgen ausbaden. Wir Griechen sind konfrontiert mit bestürzenden Vorgängen, die die meisten kaum durchschauen und die sie selbst als Angehörige der Mittel- oder Unterschicht auch nicht verursacht haben. Was immer man tut, um sich zu wehren - das Gehalt wird dennoch gekürzt. Diese Erfahrung machen viele. Sie führt zu Verzweiflung und Frustration. Das schlug sich bei der Parlamentswahl nieder in der massiven Abstrafung der beiden früheren Großparteien, der rechten Nea Demokratia und der sozialdemokratischen Pasok.

Wie wirkt sich die Not auf die zwischenmenschlichen Beziehungen aus?

Karkala-Zorba: Einerseits wächst die materielle Nothilfe, in den Großfamilien oder gegenüber Altersheimen. Die Spenden der Leute an die Kirche, damit diese helfen kann, vervielfachten sich. Andererseits tun sich Abgründe von Misstrauen auf, speziell gegenüber den Politikern.

Welche Erfahrungen macht die Kirche?

Karkala-Zorba: Die Leute rennen ihr die Bude ein, weil sie Hilfe suchen oder weil sie helfen wollen. Die großen städtischen Diözesen haben sich in Windeseile auf die neue Lage eingestellt und Sozialbüros eingerichtet. Zugleich wurden die staatlichen Sozialämter ausgedünnt und viele Leistungen der Sozialhilfe, etwa für Kinderreiche, gestrichen. Ein Teil der bisher staatlichen Sozialberatung und der Jobvermittlung findet neuerdings in diesen kirchlichen Notbüros statt. Wichtig sind die Volksküchen und die Nahrungsmittelausgaben. Die Zahl der Spenden an die Kirche steigt, doch der Spendenbetrag sinkt infolge der Krise. Viele Geber bringen Naturalien aus dem Garten, die dann an Bedürftige verteilt werden.

Und die orthodoxe Kirchenleitung?

Karkala-Zorba: Der Athener Erzbischof hat gleich zu Beginn der Krise dem damaligen Ministerpräsidenten erklärt: Was immer von der Kirche verlangt wird, das wird sie für Griechenland in der Not tun. Diese hohe Zusage setzen die Gemeinden nun um, vor allem in der Erzdiözese Athen, wo eigens dafür die Apostoli-Mission gegründet wurde, aber auch in anderen Diözesen, wie zum Beispiel in meiner Heimatstadt Volos.

Verändert sich der Glaube?

Karkala-Zorba: Ja. Viel mehr Menschen als früher gehen beichten. Immer mehr Griechen suchen seelsorgerlichen Rat bei den Priestern, denn sie fühlen sich nahezu am Ende ihrer Kräfte. Der Kirchenbesuch, auch außerhalb der Messen, steigt. Viele von der Krise Gebeutelte gehen nun in die stillen orthodoxen Kirchen, um dort Trost zu finden und spirituelle Kraft zu tanken.

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Personalaudioinformationstext:   Katerina Karkala-Zorba ist griechisch-orthodoxe Theologin und Sprachwissenschaftlerin. Ihre Schreibtische stehen in Volos und Brüssel. Sie ist Vize-Moderatorin der Kommission Kirche und Gesellschaft der »Konferenz europäischer Kirchen« (KEK) und Ko-Moderatorin der Revisionsgruppe der KEK. Karkala-Zorba ist verheiratet und Mutter von drei Kindern im Studierenden-Alter.
Thomas Seiterich ist Redakteur von Publik-Forum
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