Appetit auf Nachhaltigkeit
Martin Heimers, Bonn-Bad Godesberg: Die Energiewende ist nicht nur eine Angelegenheit der Politik: Wie gelingt der Umstieg privat? Kann ich zum Beispiel auch durch den Lebensmitteleinkauf meinen Beitrag leisten?
Markus Dobstadt: Der Hunger ist in den industrialisierten Ländern riesengroß. Schier unstillbar ist der Appetit nach Waren, Dienstleistungen, gutem Essen, nach einem angenehmen Lebensstandard. Doch während wir satt werden, darbt die Erde. Würden alle Menschen so leben wie die Deutschen, bräuchten wir rund zweieinhalb Planeten, um den Bedarf zu decken.
Ökologischer Fußabdruck
Grundlage dieser Berechnung ist das Modell, das 1994 von Mathis Wackernagel und William E. Rees entwickelt wurde, der ökologische Fußabdruck. Darunter wird die Fläche verstanden, die zur Verfügung stehen muss, um alle benötigten Güter zu produzieren und die Rückstände aufzunehmen. Er wird in Global Hektar pro Person und Jahr angegeben. Ein Europäer braucht danach, um seinen Lebensstandard zu halten, 4,7 Global Hektar, ein Amerikaner 8,0, ein Chinese dagegen nur 2,2 und ein Inder 0,9 Global Hektar.
Wenn es gerecht auf der Welt zuginge, dürfte jeder Weltbürger eigentlich nur 1,8 Hektar für sich beanspruchen. In Deutschland beträgt der Fußabdruck 5,1 Hektar. Das ist zwar weniger als in den USA, aber fast drei mal so viel, wie für die Welt erträglich ist. Mit anderen Worten, wir verzehren die Ressourcen unseres Planeten und plündern ihn aus. Ein nicht geringer Teil dieses Missstandes hat mit unserem Essen zu tun.
Klimakiller Rindfleisch
Denn manche Lebensmittel benötigen besonders viele Ressourcen. Rind- und Kalbfleisch hat mit 157 globalen Quadratmetern pro Kilogramm den schlechtesten Wert. Schaf- und Lammfleisch kommt auf 76, Geflügel und Schweinefleisch auf 32 globale Quadratmeter pro Kilogramm. Für eine nachhaltige Ernährung bieten sich dagegen Kartoffeln, Obst und Gemüse mit einem Wert von 1,2 bis 2,2 globalen Quadratmetern pro Kilogramm an.
Möglichkeiten, gegenzusteuern, haben wir im Kleinen alle. Generell gilt: Gering verarbeitete regionale Erzeugnisse der jeweiligen Saison sind in Hinblick auf die Nachhaltigkeit besser als aufwendig verarbeitete Produkte, die von weit entfernten Gegenden herbeigeschafft werden. Am unökologischsten ist der Transport per Flugzeug.
Biowende in der Landwirtschaft nötig
Biolandwirtschaft schneidet erwartungsgemäß besser ab als herkömmliche, weil sie auf Pestizide, chemische Düngemittel und Gentechnik verzichtet. Dass Bio-Fleisch einen höheren Footprint aufweist als herkömmlich erzeugtes Fleisch, ist nur scheinbar ein Widerspruch. Artgerechte Tierhaltung benötigt mehr Platz als die industrielle.
Insgesamt wird deutlich, dass Deutschland - entsprechend der Energiewende - eine Biowende in der Landwirtschaft einläuten müsste, damit das Land nicht weiter auf Kosten der Welt lebt. Davon sind wir jedoch noch weit entfernt: Ende 2009 gab es in Deutschland rund 21.000 Biobauernhöfe, die 947.115 Hektar Fläche ökologisch nach EU-Bestimmungen bewirtschafteten, das sind nur 5,6 Prozent der Betriebe.
Eine Fläche der Größe Österreichs für den Futteranbau
Um das zu ändern, ist der Verbraucher gefragt - und ein Einkauf mit Köpfchen nötig. Es geht nicht darum, nur noch Biolebensmittel einzukaufen. Verhaltensänderungen sind auch in kleinerem Rahmen möglich. Wir könnten weniger Fleisch essen. Einer Studie des WWF zufolge sind 8,42 Millionen Hektar Land nötig, als Weideland oder zur Futtermittelproduktion, um den Fleischkonsum in Deutschland zu decken. Das ist eine Fläche von der Größe Österreichs.
Als Futtermittel wird häufig Soja verwendet. »Mehr als Dreiviertel der deutschen Soja-Einfuhren stammt aus Südamerika. Dort bedroht der Anbau inzwischen einmalige Ökoregionen, wie etwa die brasilianische Savanne, den Cerrado mit seinem enormen Artenreichtum«, sagte die Referentin für Ernährung beim WWF Deutschland, Tanja Dräger de Teran, bei der Veröffentlichung der Studie »Fleisch frisst Land« in Berlin. Der WWF rät, »nicht nur weniger, sondern auch besseres Fleisch zu essen. Empfehlenswert seien Produkte, die nach den Kriterien des EU-Biosiegels, der Bio-Anbauverbände und dem Produktionsverband Neuland hergestellt wurde«, so der WWF, der auch die Fleischindustrie und die EU-Agrarpolitik zu mehr Nachhaltigkeit ermahnt.
»Niemand isst für sich allein«
Weniger Fleisch zu essen, ist auch für den Einzelnen gesünder. »Im Durchschnitt isst jeder Bundesbürger rund 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr - und damit fast doppelt so viel wie von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlen«, schreibt der WWF.
Auch das Hilfswerk Brot für die Welt macht mit seiner Kampagne »Niemand isst für sich allein« deutlich, wie jeder einzelne den »Wandel im Handel« befördern kann.
Als Zweites könnten wir gezielter einkaufen, um weniger wegzuschmeißen. Rund ein Viertel der Lebensmittel landet in Deutschland ungenutzt in der Mülltonne. Beim Austüfteln der Menüs könnten wir den Saisonkalender zu Rate ziehen. Und regionale Produkte bevorzugen. Allerdings ist den Etiketten der Hersteller nicht immer zu trauen, wie die Verbraucherzentrale Hessen festgestellt hat. Ernährungsberater Hartmut König fordert daher »eindeutige, am besten einheitliche Vorgaben für die Regionalkennzeichnung«.
Schließlich sollte uns bewusst sein, dass Tiefkühlprodukte und stark verarbeitete Lebensmittel wie zum Beispiel Tütensuppen eine schlechtere Klimabilanz haben als frische Ware.
Krabben - in Marokko gepult, in Deutschland gegessen
Nicht selten ist allerdings auch Protest angebracht gegen den irrsinnigen Umgang mit Lebensmitteln. Dagegen, dass Krabben von der Nordsee nach Marokko geflogen werden, damit sie dort bei geringen Lohnkosten gepult und danach wieder zurückgeflogen werden. Dass gewaltige Mengen an Getreide und Mais an Börsen von Spekulanten gehandelt werden, um Profit zu erzielen, ohne dass die Händler Interesse an den Rohstoffen haben. Die Organisation Foodwatch hat dazu eine Kampagne ins Leben gerufen.
Dass auf riesigen Flächen in Deutschland Mais angebaut wird zur Stromerzeugung in Biogasanlagen, ist ebenfalls unsinnig. Das gleich gilt für die Tatsache, dass etliche Lebensmittel viele hundert Kilometer mit Lastern durchs Land gefahren werden und sie dennoch billiger sind als die in der Region erzeugten.
Fisch fliegt um die halbe Welt
Schließlich können uns auch Lebensmittel, die per Flugzeug transportiert werden, den Appetit verderben, angesichts der Umweltschäden, die damit verbunden sind. Nach Angaben der Verbraucherzentrale liegt der Anteil der durch die Welt geflogenen Essensgüter am Gesamtangebot zwar nur bei unter einem Prozent. Diese Fracht verursache aber zehn bis 16 Prozent »aller durch Lebensmitteltransporte entstandenen Treibhausgase«, heißt es in einer Broschüre. Dabei entstünden pro Kilogramm Lebensmittel bis zu 220 mal mehr klimaschädliche Emissionen als beim Transport per Schiff. Die Verbraucherzentrale fordert daher Kennzeichnungen für Luftfracht-Lebensmittel. Bislang kann der Verbraucher nur erahnen, was alles hergeflogen wird; Wahrscheinlich zählen dazu unter anderem Fisch aus Afrika, Bohnen aus Ägypten, Kenia und Thailand sowie Ananas aus afrikanischen Ländern.
Fatale Macht der Gewohnheit
Wenn wir all das wissen, dürften wir eigentlich nicht weiterleben wie zuvor. Wir machen es natürlich dennoch. Denn es ist schwer, festgefahrene Gewohnheiten zu ändern. Bei der Ernährung spielen außerdem Einkommen und andere Lebensumstände auch eine gewichtige Rolle. Wenn es im Ort keinen Supermarkt mehr gibt, muss man mit dem Auto zum nächstgelegenen fahren, was Benzin verbraucht und die Luft verschmutzt. Wer seine Arbeit verloren hat, geht für den Einkauf nicht als Erstes in den Bioladen. Und dennoch lässt sich manches leicht verändern, mit etwas Appetit auf nachhaltige Ernährung. Eine Ersatzerde haben wir schließlich nicht.
Weitere Informationen:
Viele Tipps und Hinweise für eine nachhaltige Ernährung bietet die Seite der Verbraucherzentrale
Greenpeace Broschüre zum ökologischen Fußbabdruck
