Die Spekulation eindämmen
Hanna Margret Hillers, Frankfurt: Man liest in den Medien, dass sich die Lebensmittelpreise in der Welt auf einem Rekordniveau befinden. Und dass die Spekulation mit Lebensmitteln wie Mais und Weizen zu einem Gutteil dafür verantwortlich ist. Trägt sie also zum Hunger in der Welt bei?
Antje Schneeweiß: Es gibt eine Reihe von Studien, die den Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Nahrungsmittelpreise und dem Zustrom von Geldern institutioneller Investoren wie Stiftungen, Pensionsfonds und Lebensversicherungen nahelegen.
Zwar tragen auch andere Faktoren wie die zunehmende Verwendung von Agrotreibstoffen zu höheren Nahrungsmittelpreisen bei. Doch gibt es im Zuge des stark gestiegenen Engagements institutioneller Investoren an den Warenterminbörsen Veränderungen an diesen Börsen, die auch von der Finanzwelt nicht angezweifelt werden.
Preisschwankungen wie bei Aktien
Dazu gehört, dass sich die Wertentwicklung dort der Wertentwicklung an den Aktienbörsen angeglichen hat und die Preise auch von allgemeinen Volkswirtschaftsdaten abhängen, die mit den jeweiligen Rohstoffen in keinem Zusammenhang stehen.
Wenn man davon ausgeht, dass die Fundamentaldaten des Angebots und der Nachfrage in diesen beiden Märkten sehr unterschiedlichen Faktoren unterworfen sind, so kann hier etwas nicht stimmen. Ein gutes Beispiel ist, dass die Kakaopreise einmal drastisch fielen, nachdem bekannt wurde, dass in den USA mehr Menschen arbeitslos waren, als gedacht. Die Arbeitslosigkeit in den USA beeinflusst die Nachfrage nach oder das Angebot von Schokolade aber nicht. Zu erklären ist das damit, dass sich bei schlechten allgemeinen Wirtschaftsdaten große institutionelle Anleger von ihren Papieren trennen. Dann fallen die Kurse.
Schwierigkeiten für Landwirte und Bäcker
Eine zweite, auch in der Finanzwelt nicht widersprochene Veränderung an den Warenterminbörsen ist: Seitdem vermehrt institutionelle Investoren dort ihr Kapital investieren, sind bei den Rohstoffpreisen größere Schwankungen zu verzeichnen. Das bringt für Erzeuger und Verarbeiter von Rohstoffen, also Landwirte und Bäcker etwa, einen negativen Effekt mit sich. Ursprünglich hatten diese Börsen den Sinn, dass sich beide gegenüber Preisschwankungen absichern und im Vorhinein den Kauf oder Verkauf bestimmter Waren zu einem festgelegten Preis vereinbaren konnten. Diese Versicherung wird für sie nun teurer.
Landwirte und Bäcker müssen angesichts der Schwankungen höhere Sicherheiten an den Börsen hinterlegen, wenn sie Planungssicherheit haben möchten. Es gibt Berichte, dass Banken ihnen den dafür nötigen Kredit nicht mehr gewähren. Landwirte und Bäcker, für die diese Warenterminbörsen also eigentlich bestehen, werden damit zum Teil aus diesen Märkten verdrängt, dadurch, dass große institutionelle Investoren dort investieren.
Mehr Regulierung nötig
Viel deutet also darauf hin, dass die Anwesenheit institutioneller Investoren an den Warenterminbörsen diesen Börsen schadet und sie in ihrer Funktionsfähigkeit stört. Da Rohstoffpreise aber das Leben so gut wie jedes Erdbewohners beeinflussen, muss hier dringend dagegen gearbeitet werden. In den USA ist man hier schon deutlich weiter. Die Londoner Warenterminbörse, die in Europa dominant ist, ist sehr schlecht reguliert. Sinnvoll wäre es, dort Höchstlimits für Investoren einzuführen, die nicht an den realen Gütern interessiert sind. Dann dürften sie nur mit bestimmten Mengen von Rohstoffen handeln. Noch wichtiger aber wäre es, die institutionellen Investoren von den Warenterminbörsen ganz zu verbannen.
Weitere Informationen
Antje Schneeweiß: »Spekulation im Schatten. Nachhaltigkeit und Investitionen in Rohstoffe«
