Am Anfang eine Irritation
Am Morgen sitze ich noch in einer WG-Küche in Berlin-Kreuzberg. Hubschrauber kreisen knatternd über dem Viertel, in der Straße verzweifeln Polizisten daran, ihren schwerfälligen Mannschaftswagen in eine Parklücke zu bugsieren – es ist der 1. Mai.
Nach gut zwei Stunden im Zug bin ich in Hamburg angekommen, bereit für meinen ersten Evangelischen Kirchentag. Ich bin gespannt, was mich bei dem überbordenden Programm erwartet und wie sich die Stimmung in einer Stadt anfühlt, in der 150.000 neugierige und enthusiastische Menschen zusammenströmen.
Den Lärm der Hubschrauber noch im Ohr, bin ich aber auch etwas irritiert. War es nötig, die Eröffnung des Kirchentags just auf diesen Tag zu legen? Den Deutschen Evangelischen Kirchentag gibt es seit 1949; der 1. Mai als Tag der Arbeiterbewegung geht auf einen Streik im Jahr 1886 zurück. Diese Tradition bei der Terminwahl einfach zu ignorieren, wirkt mindestens unsensibel –, zumal wenn man von der Gesellschaft Respekt für die eigenen Feiertage einfordert, wie es die Kirchen immer wieder tun.
Mag sein, dass für viele der 1. Mai nicht mehr bedeutet als die Möglichkeit eines Ausflugs ins Grüne. Und zugegeben: Die vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisierten Bratwurst- und Schunkel-Feste sind auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Dennoch ist der Tag der einzige staatlich anerkannte Feiertag einer sozialen Bewegung und hat seine eigene Würde. Von seiner inhaltlichen Brisanz ganz abgesehen: Ein Freund, der mich in Hamburg vom Bahnhof abholt, erzählt mir, dass bei der Demonstration am Mittag viel mehr Griechen und Italiener mitgelaufen sind als im letzen Jahr. Viele davon sind hier, weil sie vor der Arbeitslosigkeit in ihren Herkunftsländern geflohen sind. In Griechenland und Spanien zum Beispiel ist die Arbeitslosigkeit auf einem Rekordhoch, nahezu 30 Prozent der Menschen sind ohne Job, bei den unter 25-jährigen sind es bis zu 60 Prozent.
Am Abend höre ich in den Nachrichten aus Athen, Neapel und Barcelona von Demonstrationen und Protestmärschen. Was davon wird beim Kirchentag ankommen? Sicher: Mittags fand eine so genannte Brückenveranstaltung zwischen Kirchentag und DGB am Fischmarkt statt, um die beiden verschiedenen Ereignisse dieses Tages zu versöhnen. Das Motto des DGB für seine eigene Veranstaltung sprach eine andere, trotzigere Sprache: »Unser Tag: Der 1. Mai.«
Aber auch abseits des Respekts vor dem Datum sind die Themen »Armut« und »Arbeit« im Kirchentagsprogramm alles andere als gut vertreten. Angesichts von gefühlten 500 Kabarettveranstaltungen und Lachgottesdiensten mit Seemannsgarn wäre der Ausdruck »Feigenblatt« für das schmalbrüstige Angebot mit gerade mal einer Veranstaltung (»Podium Arbeit«) fast eine Übertreibung.
Zum Abschluss eines Eröffnungsgottesdienstes verteile ich Programme für das Kirchentagszentrum von Publik-Forum. Und ich bin froh, dass wenigstens hier die Frage der Arbeitsverhältnisse prominent vertreten sein und kontrovers diskutiert wird – und ihre Brisanz auch innerhalb der Kirche zur Sprache kommt.
