Spiritueller Missbrauch
Der allmächtige Vater
Wer war Josef Kentenich? Für die Mitglieder der von ihm gegründeten Schönstatt-Bewegung schien die Antwort lange klar: ein quasi heiliger Visionär, eine der großen geistlichen Gestalten des 20. Jahrhunderts. Auf dem Sarkophag des 1968 verstorbenen ehemaligen Pallottinerpaters steht »Dilexit Ecclesiam«, »Er liebte die Kirche«. Eine Liebe, die nicht immer und von allen Teilen der Kirche auf Gegenliebe stieß – 13 Jahre war er auf Anweisung Roms von seinem Werk getrennt und musste sich in den USA aufhalten. »Exil« nennen die Schönstätter diese Zeit und sehen in ihr das Zeichen für eine rückständige Kirche, die die zeitgemäße revolutionäre Pädagogik und Theologie Kentenichs nicht verstehen wollte: Ideen wie ein »Liebesbündnis« mit Maria und neue Formen der geistlichen Gemeinschaft, die ohne formelle Gelübde auskommen. Ein ebenso missgünstiger wie aufbrausender römischer Visitator sei aus Neid oder Unverstand gnadenlos gegen Kentenich und sein Werk vorgegangen. Nach Kentenichs Tod wurde dennoch schnell ein Seligsprechungsverfahren eröffnet – 1975, und das ausgerechnet durch Bischof Bernhard Stein, der gut 25 Jahre zuvor als Weihbischof die erste Visitation der Schönstätter Marienschwestern verantwortete.
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Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de.

