Diese Seelsorge empört mich!
Ende Juli flatterte »in den synodalen Gremien« arbeitenden Menschen Post von Weihbischof Manfred Grothe ins Haus. Der Apostolische Administrator des Bistums Limburg bietet den Empfängern darin in »herzlicher Verbundenheit« an, »bedrückende Erfahrungen« der vergangenen Monate und Jahre aufzuarbeiten.
Gemeint ist unzweifelhaft die Zeit unter Franz-Peter Tebartz-van Elst, dem vom Vatikan zum Rücktritt vom Amt gezwungenen Bischof. Tebartz-van Elst wird in Grothes Brief – den ich bei Bekannten lesen konnte – nicht namentlich erwähnt. Aber der Zusammenhang ist überdeutlich. Der Weihbischof bietet an, im Gespräch »persönliche Verletzungen und Kränkungen« anzusprechen. Das Bistum Limburg mache dafür ein »seelsorgliches Angebot«. Die Federführung habe man dem Institut für Geistliche Begleitung im benachbarten Bistum Mainz übertragen, »um in vollem Umfang Unabhängigkeit und Diskretion zu gewährleisten«. Aber auch »das Team des Refugiums in Hofheim« werde »zur seelsorglichen Aussprache zur Verfügung stehen«.
Die Opfer werden jetzt als Patienten empfangen
Nun, das empört mich: Seelsorgliche Aussprache kann keine Aufarbeitung und Wiedergutmachung ersetzen. Es kann nicht sein, dass die Täter nun die Opfer als Patienten empfangen. Und es kann auch nicht sein, dass sich die Opfer nun selbst melden und um ein seelsorgliches Gespräch bitten sollen.
Mitarbeitern, die eingeschüchtert, abgemahnt, versetzt oder gekündigt wurden, muss Recht geschehen. Die Einschüchterungen, Denunziationen, Drohungen und Abmahnungen müssen zurückgenommen werden, die Versetzten zurückgeholt und die Gekündigten wieder eingestellt werden. Das wären Taten, die Vertrauen schaffen!
Es reicht nicht aus, nur die Traumatisierung durch Bischof Tebartz und seinen damaligen Generalvikar Franz Kaspar zu sehen. Denn das System selbst hat dies alles erst ermöglicht. Das System der Spitzelei, des Duckmäusertums, des Wegsehens und der willigen Helfer.
Es fehlt daher auch an sichtbaren Konsequenzen für jene, die mit Eifer und Sorgfalt am Tebartz-Kaspar-Unrechtssystem mitgewirkt haben. Sie haben bewiesen, dass sie in der Verantwortung um Menschen nicht die nötige Reife haben. Sie sind daher nicht geeignet, weiterhin in ihren Positionen tätig zu sein.
Litt ich unter einem »mangelnden Frühwarnsystem«?
Nach wie vor wird die Wirklichkeit umgedeutet. So wird meine fristlose Kündigung als Leiter des kirchlichen Hauses der Begegnung in Frankfurt a. M. heute in Briefen des Bischöflichen Ordinariates so dargestellt, als hätte ich »meine Position im Sommer 2012 verlassen und das Bistum fühlt sich an den Schlichtungsspruch der Arbeitsrichterin gebunden«.
Es wird verkannt, dass die Schlichtung in dem damals herrschenden System für mich der einzige Ausweg war, mich den Angriffen zu entziehen, die ich erlebte. Mir wurde vorgeworfen, schlecht über den Bischof zu sprechen, illoyal und feindselig zu handeln. Die interne Schlichtungsverhandlung im Bistum war abgebrochen worden. Der Justiziar drohte mir, dass ich im Falle eines Erfolges der Kündigungsschutzklage »keinen Fuß mehr in meine Einrichtung setzten werde«. Mein Büro wurde durchsucht, mein Schreibtisch geöffnet, meine ehemaligen Mitarbeiter wurden stundenlang befragt und instruiert. Einer der Mitarbeiter erhielt später eine Abmahnung wegen illoyalen Verhaltens. Ich erhielt dann eine zweite fristlose Kündigung wegen Anstreicharbeiten im Haus. Dafür sollte die Genehmigung gefehlt haben. Das Projekt war hinreichend bekannt und von meinen Vorgesetzen genehmigt.
Litt ich unter einem »mangelnden Frühwarnsystem«, wie es mir der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz heute vorwirft? Wäre all das, was geschah, nicht gesehen, hätte ich es gehabt? Ich sehe das anders. Ganz offensichtlich gab es Kräfte, denen meine Arbeit ein Dorn im Auge war. Und die die Immobilie, in der ich arbeitete, unbedingt mobil machen wollten.
Ob mir ein Gespräch helfen würde? Mir verschlägt es die Sprache
In der letzten Woche rief mich die Dezernentin für Familie und Jugend an. Sie hatte einst an meiner Kündigung mitgewirkt. Nun fragte sie mich, ob mir ein Gespräch »helfen würde«. Mir verschlug es die Sprache. Können tatsächlich die Täter zu Therapeuten werden und die Opfer zu deren Klienten?
Was bleibt zu tun? Wir brauchen einen Stil- und Stabwechsel: vom Bestimmen und Herrschen hin zum Sehen und Dienen. Wir brauchen eine neue Gehorsamsdiskussion. Der »heilige Ungehorsam« kann da der Weg sein. Ein Gehorsam gegenüber dem »Willen Gottes« – und nicht gegenüber dem eines Generalvikars.(Lesen Sie weiter auf S. 2)
Die fristlose Kündigung vor zwei Jahren hat mein Leben völlig verändert. Nicht nur mein Bild von der katholischen Kirche ist tief erschüttert worden. Ein neues Vertrauen in kirchliche Personen und Strukturen kann ich nur gewinnen, wenn diese umkehren, Verantwortung übernehmen und wiedergutmachen. Heilen, was zu heilen ist. Das lässt sich nicht an Institute delegieren. Es sind jene gefordert, die den Stab in der Hand haben.
