Ein Bischof, der ein Lügner war?
Irgendwie ist im Bistum Limburg alles vorläufig. Sogar die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit wird von einem Kommissarischen Leiter wahrgenommen. Jener Martin Wind gab am Montagabend um 20.17 Uhr eine dürre Meldung heraus. Im Betreff der Mail die Worte: »Kostenrahmen des Diözesanen Zentrums steht fest«. Wer die Mail öffnete, las ungläubig: »Die Summe des gesamten Bauvorhabens im Zusammenhang mit der Errichtung und den Sanierungsmaßnahmen des Bischöflichen Hauses wird auf rund 31 Millionen Euro beziffert. Das ergab die von Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst angekündigte verwaltungsinterne Kostenrechnung.«
Zu eben jener Kostenrechnung hatte den Bischof ein vatikanischer Besucher gedrängt: Giovanni Kardinal Lajolo, der dem Bistum Limburg im September einen mehrtägigen Besuch abgestattet hatte. Ganz freundschaftlich, ganz auf einen Ausgleich zwischen dem Bischof und seinen immer wütender werden Katholikinnen und Katholiken bedacht. Im Bistum Limburg hatte es zu diesem Zeitpunkt schon monatelang heftig gebrodelt. Immer wieder war der Bischof öffentlich kritisiert worden: Er sei verschwendungssüchtig, kommunikationsunfähig, autoritär.
Nun hat Tebartz-van Elst noch ein weiteres Problem: Die Staatsanwaltschaft Hamburg beantragt Strafbefehl geben den Limburger Bischof. Das wurde am Morgen des 10. Oktober bekannt. Hintergrund ist sein Rechtsstreit mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. In einem Interview hatte Tebartz, befragt nach der Preisklasse eines Indienflugs, nach Aussagen des Spiegel zugegeben, Business-Klasse geflogen zu sein – auf dem Weg in ein Armenviertel. Tebartz wiederum leistete daraufhin eine eidesstattliche Erklärung, er sei – anders als der Spiegel es abgedruckt habe – weder Business-Klasse geflogen noch habe er dies im Interview so gesagt.
Schon seit Monaten wenden sich im Bistum Limburg Priester, profilierte Katholiken von der Basis und aus den katholischen Räten gegen ihren Bischof. Das hatte schließlich den Vatikan auf den Plan gerufen. Tebartz wurde ins Gebet und in die Mangel genommen: Er solle sich ändern, sein Amt künftig anders führen. Und: Er solle eine Kostenrechnung erstellen für sein großes Bauprojekt am Fuße des Limburger Domes. 5,5 Millionen Euro Baukosten wurden kolportiert; Genaues wusste niemand. Aber allein die angedeutete Summe ließ vielen Kirchenmitgliedern den Atem stocken.
5,5 Millionen Euro: Die Portokasse wäre das gewesen, wie man nun feststellen muss. Denn der Bischof hat endlich genauer rechnen lassen – und ist bei 31 Millionen Euro gelandet. Die Unterlagen gehen an eine Prüfungskommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Sie hat den Auftrag, »die verschiedenen Einzelprojekte der gesamten Baumaßnahme hinsichtlich der Kosten und der Finanzierung zu überprüfen«, heißt es bei Martin Wind. »Das Ergebnis wird anschließend dem Bischof und der Öffentlichkeit vorgelegt.«
Und was macht der Vermögens- und Verwaltungsrat des Bistums? Er geht nicht nur auf Distanz zu Tebartz-van Elst. Nein, er wütet öffentlich darüber, dass der Bischof die Summe selbst verkündete, während er selbst dies hätte tun wollen. Nun fehle der Verweis des Rates darauf, »dass für die Jahre 2012 und 2013 kein Haushaltsplan vorgelegt worden« sei. Das aber schrieben die Statuten des Bischöflichen Stuhls in Limburg vor. Jochen Riebel, Mitglied des Kontrollgremiums, verstieg sich im SWR sogar dazu zu sagen: »Der Bischof ist ein Lügner. Ich bin so erbost über diesen Mann.«
Andere Menschen im Bistum Limburg sind mindestens ebenso erbost. Viele fordern den Rücktritt des Bischofs. Aber bei nachdenklichen Zeitgenossen – wie zum Beispiel bei Pfarrer Ludwig Reichert, dem Initiator des Hofheimer Kreises, der im Kern aus rund 20 leitenden Priestern besteht – trifft die Wut nicht nur den Mann an der Spitze des Bistums. Reichert etwa fragt sich, wie das Limburger Kontrollgremium über so lange Zeit darauf verzichten konnte, eine Kostenrechnung zu erzwingen: »Wir sind davon ausgegangen, dass dieses Gremium über jeden Schritt informiert ist.«
Stattdessen ist offenbar der »Wind of Change« im Vatikan dafür verantwortlich, dass nun endlich Bewegung in den Fall Limburg kommt. Papst Franziskus schickte Lajolo, um einen Überblick über das Ausmaß der Katastrophe zu bekommen. Den hat er nun.
Was folgt daraus? Ob sich Tebartz noch so lange auf seinem Bischofsstuhl halten kann, bis seine deutschen Bischofskollegen die Finanzaffäre geprüft haben? Möglich wäre es, denn die Mühlen der römisch-katholischen Kirche mahlen seit jeher langsam. Allerdings: Unter dem neuen Papst ist Zug in den Laden gekommen. Franziskus ist handlungsfreudig und nicht für Zögerlichkeit bekannt. Die Vatikanbank zwang er, erstmals in ihrer Geschichte eine Bilanz vorzulegen. Intransparent agierende Banker kippte er; in Finanzaffären verwickelte Geistliche setzte er – auch außerhalb des Vatikans – ab.
Wo sein Vorgänger Benedikt XVI. akademisch die Augen verschloss, sieht Franziskus mit den Augen des intelligenten Praktikers hin: Wie sonst auch sollte er sein Projekt einer »Kirche der Armen« verwirklichen? Für diese Idee brennt er. Tebartz-van Elst brennt für die Schönheit der katholischen Liturgie und der Baukunst. Limburg hat er ein großes Diözesanes Zentrum St. Nikolaus geschenkt, das ihn auf jeden Fall überdauern wird. Ein Bau für die Ewigkeit, das Gegenteil von vorläufig. Schloss Neuschwanstein hätte es ohne König Ludwig II. auch nicht gegeben.
