Familie und Sex: Ein Bischof kritisiert die römische Lehre
Es entflammt im Vatikan ein Kampf um die Kirche. High Noon ist demnächst im Oktober. Denn Papst Franziskus lädt vom 4. bis 19.Oktober zu einer weltweiten Bischofssynode nach Rom. Heikles Thema: Familie, Sexualität, sexuelle Minderheiten sowie der Ausschluss der geschiedenen und wieder verheirateten Katholiken von der Kommunion und anderen Sakramenten.
In keinem anderen Bereich ist die römische Kirchenlehre so unbarmherzig hart, wie bei der Ehe- und Familienlehre. Und zugleich so weit entfernt vom Leben und Glauben der Christen.
Die Konservativen sammeln ihre Bataillone
Es wird auf der Versammlung der Oberhirten heiß gestritten werden. Seit Monaten sammeln die konservativen Beton-Kardinäle ihre Bataillone. Diese Weltfremden wollen keinerlei Änderung am strengen Kurs der Verbote. Gegen sie meldet sich nun kräftig ein belgischer Bischof zu Wort. Er stellt sich auf die Seite all der Reform-hungrigen Gläubigen: Johan Bonny (59), der Diözesanbischof von Antwerpen.
Johan Bonny zieht eine »vernichtende Bilanz«, so das Urteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hinsichtlich Humanae Vitae, der »Pillen«-Enzyklika von Papst Paul VI., und des fatalen Lehrschreibens Familiaris consortio des Polen Johannes Paul II. Denn zerstörerisch seien viele darin enthaltenen moralischen Weisungen der Päpste. In einer 23-seitigen Denkschrift hält Bischof Bonny Paul VI. und Johannes Paul II. vor, in Fragen von Ehe, Sexualität, Familie und Beziehung mit der auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil praktizierten Kollegialität von Bischofskollegium und Papst gebrochen zu haben.
Wider die päpstliche Verbotskultur
Die päpstlichen Alleingänge begannen – so Bischof Johan Bonny – mit der »Pillen«-Enzyklika, die Paul VI. im Jahr 1968 gegen das Votum der von ihm selbst berufenen Experten, sowie gegen die Voten vieler Bischöfe in die Welt setzte. Papst Wojtyla setzte die Alleingänge 1981 fort. Am Ende stand eine Naturrechts-fixierte, allzu simple und verbietende Ehe- und Sexualitäts-Lehre. Zu diesem vatikanischen Monstrum gingen fast alle Gläubigen in der westlichen Welt und in Lateinamerika auf Abstand, während die Bischöfe und Moraltheologen von Rom eingeschüchtert wurden und schwiegen -oder zustimmten.
Papst Franziskus will dies ändern. Deshalb ließ er weltweit die Katholiken befragen, wie sie zur kirchlichen Ehe-Lehre stehen. Klare Ablehnung bei den meisten Befragten aus den freien Gesellschaften im Westen. In den autoritär geleiteten Kirchen Osteuropas und Afrikas antworteten die Oberhirten zumeist für die – von ihnen nicht befragten – Gläubigen.
Johan Bonny: Das Gewissen stärken
Bischof Bonny, der seit 1997 über ein Jahrzehnt lang im Päpstlichen Ökumene-Einheitsrat in Rom eng mit Kardinal Walter Kasper zusammenarbeitete, der heute als der aufgeschlossene »Lautsprecher« von Papst Franziskus auftritt, will eine menschliche Kirche, nahe bei den Leuten. Wenn er Pfarrgemeinden besucht, besucht er stets auch Familien, die in besonderen Notlage sind. Bonny weiß, wovon er spricht. Er will den Rang des Gewissens der Einzelnen stärken. Und er will Barmherzigkeit anstatt amtskirchlicher Unbarmherzigkeit. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen Bischöfen und vielen Kardinälen. Die Auseinandersetzung kann beginnen.
