Franziskus und der Ruck
Der Papst ist für Überraschungen gut. Als altgedienter Fußballexperte weiß der Argentinier: Das Spiel dauert länger als gedacht. In der frühen zweiten Halbzeit ist noch nichts verloren. Mit einer entschiedenen Programmrede geht er gegen seine konservativen Kritiker in die Offensive: Er spricht über »die Notwendigkeit und Schönheit« des gemeinsamen Gehens, »die wir alle mit zunehmender Intensität« spüren. Gemeinsam Gehen – nichts anderes bedeutet das griechische Wort Syn-odos.
Franziskus erklärt: »Von Anfang meines Dienstes als Bischof von Rom an hatte ich vor, die Synode aufzuwerten.« Und so hält er seine große Ruckrede aus Anlass eines Jubiläums – fünfzig Jahre römische Bischofssynoden –, aber mit starkem Gegenwartsbezug. Seine programmatischen Sätze kommen Schlag auf Schlag, unterbrochen von kurzem Dank an heutige und frühere Synoden-Mitarbeiter. Franziskus. »Auf dieser Straße müssen wir weitergehen. Die Welt, in der wir leben, und die in all ihrer Widersprüchlichkeit zu lieben und der zu dienen wir berufen sind, erfordert von der Kirche eine Steigerung der Synergien in allen Bereichen ihrer Sendung. Es ist dieser Weg der Synodalität, den Gott von der Kirche im Dritten Jahrtausend erwartet.«
Besser Diskussion als einsame Entscheidungen
Da spricht ein völlig anderer Papst als seine Amtsvorgänger. Lieber die Durcheinander-Phasen auf einer Synode, lieber Momente von kreativem oder destruktivem Chaos, als die einsamen Entscheidungen, die die relativ monarchischen Vorgängerpäpste trafen. Dieser Führungsstil mag diejenigen verwirren, die die starke Spitze gewohnt sind. Doch Franziskus geht es mehr um Prozesse, die irreversibel sind, als um Entscheide, die vom Kirchenvolk nicht angenommen werden – wie die überkommene Ehe- und Familienlehre, um die in diesen Tagen in Rom gerungen wird.
»Das Papsttum bekehren«
»Ich bestehe auf der Notwendigkeit, über eine Bekehrung des Papsttums nachzudenken«, sagt Franziskus gegen Ende seiner Rede. Er setzt damit ein Signal nicht nur an die Synodalen, sondern auch an die Orthodoxie, die im kommenden Jahr ein Konzil abhält. Bereits in seinem Apostolischen Schreiben Freude des Evangeliums hatte Franziskus diesen Gedanken entwickelt. Er könnte dazu beitragen, die bis in die Spitze getriebene, monarchische Engführung der katholischen Kirche seit dem Ersten Vatikanischen Konzil (1870) in Zukunft zu überwinden.
Die Deutschen arbeiten an der Zukunft
Wie der Papst, so arbeitete auch der deutsche Sprachkreis in der ersten Synodenhalbzeit konzentriert an der Zukunft. Dies lässt hoffen. Anders als die zwölf anderen Sprachkreise, die eher Wunschlisten und Sammelsurien vorlegten, enthält der schriftliche Bericht des deutschsprachigen Kreises theologisch Weiterführendes. Diese theologische Arbeit könnte zu einem relativ guten Ausgang der Synode beitragen. Die anderthalbseitige deutsche Stellungnahme ist Theologie auf hohem Niveau. Sie kreist um die Fragen: Wie verhalten sich Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, Seelsorge und Lehre, konkrete Situation und allgemeine Norm zueinander?
Hohe Theologie trifft praktisches Leben: Das funktioniert!
Wer von den beiden theologischen Gegnern hat sich durchgesetzt, Kardinal Gerhard Ludwig Müller oder Kardinal Walter Kasper? Kasper ist der Vordenker des »Weges der Barmherzigkeit«, Müller pocht als Gralshüter der Lehre und Chef der Glaubenskongregation auf die strikte Anwendung des Unauflöslichkeitsprinzips für die Ehe. Erstaunlicherweise stehen beide, Kasper wie Müller, hinter der einstimmig beschlossenen Stellungnahme. In deren Zentrum wird der Heilige Thomas von Aquin (1225 – 1274) zitiert, der Champion der abendländischen Theologie des Mittelalters. Kasper hatte im Juni einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er seinen Vorschlag, im Einzelfall wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zuzulassen, just mit Thomas, dem »Doctor Angelicus«, untermauerte. Seine damalige Argumentation findet sich nun im deutschen Bericht.
Die Kernaussage lautet: Man darf nicht jede Situation nach einem allgemeinen Prinzip beurteilen, ohne die jeweiligen Umstände angemessen zu würdigen. Denn Barmherzigkeit und Gerechtigkeit seien keine Gegensätze, sondern müssten »mit Klugheit und Weisheit« angewendet werden, in der jeweiligen oft komplexen Situation. Ferner betont die deutschsprachige Arbeitsgruppe, dass ein »Spannungsverhältnis« zwischen einer notwendigen »Klarheit der Lehre von Ehe und Familie« und der Seelsorge »unausweichlich« sei.
Das sind theologische Schritte vorwärts. Kardinal Müller jedenfalls hat zugestimmt. Gescheitert ist die Synode also noch keineswegs.
