Gerechtigkeit für die Opfer
Publik-Forum: Herr Fuchs, die Rede vom »Jüngsten Gericht« taucht in Predigten und kirchlichen Verlautbarungen kaum mehr auf, viele Christen glauben nicht mehr daran. Sie aber rechnen mit einem letzten Gericht durch Gott am Ende der Zeiten und glauben daran. Warum?
Ottmar Fuchs: Ich fordere es, noch bevor ich daran glaube. Denn mich treibt die Frage um, die sensibel denkende Menschen seit jeher stellen, ob die Klagen der unschuldigen Opfer der Geschichte gehört werden und ob es eine Gerechtigkeit über den Tod hinaus gibt, wenn diese Klagen in dieser Welt verhallen. Es geht auch ganz aktuell um die Frage, ob Menschen, die Böses getan haben, einfach so davonkommen oder ob sie zur Rechenschaft gezogen werden. Was mich bewegt, ist die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und nach einer »Wiedergutmachung« der schlimmen Taten, in welch unvorstellbarer Form auch immer. Andernfalls bliebe nur ein zynisches »Pech gehabt« als Antwort. Diese Grundsehnsucht, die viele Menschen haben, die sie aber oft nicht mit einer konkreten Form von Hoffnung verbinden können, verknüpfe ich mit der christlichen Hoffnung auf ein Letztes Gericht.
Als eine Art Drohbotschaft?
Fuchs: Gerade nicht. Vielfach wird bis heute das Bild vom Jüngsten Gericht – auch im Christentum – dazu benutzt, Menschen unter Druck zu setzen. Innerhalb der katholischen Kirche wird mit dem Verlust des Heils gedroht, den Menschen außerhalb der Kirche damit, dass man das Heil nur erlangen könne, wenn man Christ oder Christin würde. Das Gericht funktioniert dann als Druckmittel der Mission und trennt bis in die Ewigkeit hinein zwischen innen und außen. Mir geht es dagegen darum, dass die christliche Botschaft die Sehnsucht vieler Menschen nach Gerechtigkeit und Versöhnung aufnimmt und dass vor diesem Hintergrund die Kirchen die eigenen Vorstellungen vom Ende der Geschichte und des eigenen Lebens verändern.
In welche Richtung?
Fuchs: In die Richtung, dass kein zugefügtes Leid verloren geht, dass sich jene, die Leid zugefügt haben, für den Reueschmerz öffnen und dass alle Menschen auf Rettung hoffen dürfen. Es geht also im Gericht Gottes nicht darum, die Gläubigen von den Ungläubigen zu trennen und Letztere in die Hölle zu stoßen. Es geht nicht um Glaube oder Unglaube, sondern um die Unterscheidung von Gut und Böse. In der Rede vom Weltgericht im Matthäusevangelium werden gute Taten eingeklagt, vom Glauben ist hier nicht die Rede. Religion hat nur dann einen Wert, wenn man sie an den Früchten erkennt, an der Solidarität mit den von Not und Krankheit Betroffenen. (...)
Muss man sich das als eine Art Opfer-Täter-Ausgleich vor Gott vorstellen? Sie verweisen als weltliches Beispiel auf die politischen Wahrheitskommissionen, in denen die Täter mit den Opfern konfrontiert werden.
Fuchs: Das sind Vorausahnungen dessen, was im Gericht in unvorstellbarer Weise geschehen wird. Und das Beispiel zeigt auch, dass das nicht »billig« geht, sondern dass es schrecklich wehtun wird. Wer sagt: »Wenn das Gericht ohnehin für alle gut ausgeht, dann kann ich ja machen, was ich will«, hat davon nichts begriffen. Deshalb ist es wichtig, die Vorstellung vom Jüngsten Gericht mit menschlichen Erfahrungen zu verbinden: Wer einem geliebten Menschen Schmerz zugefügt hat, spürt früher oder später, wie sehr es ihm leidtut und wie ihn oder sie die eigene Tat wiederum selbst schmerzt. Das heißt: Die Liebe verschärft den Schmerz. Das ist eine Art heilende »Gerichtserfahrung«. Wenn ich keinerlei Liebe in mir spüre, dann spüre ich auch keinen Schmerz, da wird dann auch nichts geheilt. Meine große religiöse Hoffnung ist, dass alle Menschen angesichts dieser für uns unvorstellbaren, unendlichen und unerschöpflichen Liebe Gottes, die im Letzten Gericht ungeschützt auf uns zukommt, in ihrem Herzen weich werden. (...)
Sie schreiben, Gott habe seine eigene Schöpfung gereut, weshalb er sich in seinem Sohn Jesus von Nazareth mit dem Leid der Menschen solidarisiert habe. Aber Sie räumen gleichzeitig ein: »Das Mit-Leiden Gottes an der Geschichte hat selbst Anteil an der Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens, denn es führt zu keiner sichtbaren Veränderung.« Diese Einschätzung ist ja nun kaum zu widerlegen. Es bleibt also nur die Hoffnung?
Fuchs: Die Vorstellung, dass sich Vernunft und Glaube gegenseitig erschließen, ist zerbrochen. Es spricht so vieles gegen den Glauben an einen guten Gott. Der christliche Glaube macht nichts Sinnloses sinnvoller, ermutigt aber gegen die Vernunft und die Erfahrung dazu, mit Gott eine unendliche Dynamik zum Guten hin anzunehmen. Spirituell ereignet sich diese paradoxe Annahme im Lob Gottes um Gottes willen. Der Akt der religiösen Hingabe ist der Akt der Hoffnung, ja.
Aber diesen Schritt können viele Menschen nicht oder nicht mehr mittun. Es gibt ja auch viele Humanisten, Atheisten, Agnostiker, die sich für eine bessere Welt einsetzen. Aber an einen Gott, der noch einmal über all dem Leid steht und allmächtig ist, wie Sie argumentieren, können diese Menschen nicht oder nicht mehr glauben.
Fuchs: Das verstehe ich auch. Viele Menschen können auf einer ganz vitalen Ebene ihrer Persönlichkeit heute nicht mehr an Gott glauben. Aber auf der gleichen vitalen Ebene argumentiere ich mit Erfahrungen, die aus Liebe über das hinausgehen, was man verstehen kann und erleiden muss – etwa wenn viele Menschen mit verstorbenen geliebten Menschen Zwiesprache halten. Es ist eine Grundeinsicht der Religionen, dass es eine gute Transzendenz gibt, eine, die uns Menschen retten wird. Das Christentum geht dabei davon aus, dass Gott uns Menschen in Jesus von Nazareth ganz nahe gekommen ist und am eigenen Leib ausgehalten und erlitten hat, was auch wir erleiden müssen. Er hat am Kreuz selbst die Hoffnung verloren. Mehr »haben« wir nicht zum Beweis seiner Liebe. Aber das ist sehr viel, wenn der Ohnmächtige einmal der Allmächtige sein wird. (...)
Sie wollen das Gespräch vollständig lesen? Mit Premiumzugang – vier Wochen lang kostenlos – steht Ihnen das ganze Interview hier sofort zur Verfügung.
Zum Weiterlesen sind auch Ottmar Fuchs´Bücher »Der zerrissene Gott« (Grünewald-Verlag) und »Das Jüngste Gericht« (Pustet-Verlag) geeignet.
