Gott suchen in Auschwitz?
Polen im Januar. Wenn man hinter dem Nebel die Sonne sehen könnte, stünde sie wohl tief. Das Thermometer zeigt Minusgrade. Ich stehe dort, wo vor 71 Jahren das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war. In meinem Rücken das riesige Mahnmal mit den Gedenktafeln. Ich sehe das Haupttor, die Gleise, die Ruinen der unzähligen Baracken, die Trümmer der Gaskammern und Krematorien. Ich, vierte Generation nach dem deutschen Massenmorden, bin zum ersten Mal dort. Und höre auf Deutsch: »Im Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes …« Am Mahnmal steht eine Gruppe junger Menschen im Kreis, die Köpfe andächtig gesenkt. Gebetsformeln reihen sich aneinander. Das erschüttert mich. Das kilometerweite, ordentlich strukturierte Lager – Im Namen des Vaters? Wie können wir hier zu Gott reden, ein Gebet in der Sprache der Täter sprechen? Wenn es schon barbarisch ist, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, wie Adorno sagt, wie soll man dann beten? Als würde Gott sich davon rühren lassen? Müssten Täterkindeskinder nicht anders beten? Oder besser nur schweigen?
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Alina Dabrowska (92): »Ich habe immer diese Haufen von Toten gesehen. Weil kein Platz war, wurden die Menschen auf den Wiesen verbrannt.
Ich sah das alles. Ich konnte nicht helfen«
Marian Majerowicz (90): »Als ich nach Hause kam, fragten sie: ›Was machst du hier?‹ Ich hatte keine Familie mehr. Ich musste das Leben so nehmen,
wie es war. Ich musste irgendwie versuchen, wieder glücklich zu werden«
Zdzislawa Wlodarczyk (82): »Freiheit – ich habe gedacht, man muss die Drähte doch zerschneiden. Als das Lager befreit wurde, hab ich nicht gewartet, bis sich uns jemand annahm. Ich nahm meinen Bruder und wollte nur weg«
Leon Weintraub (90): »Ich hörte keine Stimmen, keine Klage, keinen Protest. Wir waren geschockt. Im Augenwinkel sah ich Zaun, Stacheldraht.
Wo haben die mich hingebracht? Ich bin zugeklappt wie eine Muschel«
