Gott will im Dunkel wohnen
Wenn Pfarrerin Susanne Jensen ihre Kirche betritt, geht sie ganz bewusst auf das Kreuz zu und verneigt sich tief und lange. »Das erfasst meinen ganzen Körper«, sagte sie im Interview. »Dort, wo ich am allerschrecklichsten gelitten habe.«
Seit dem schweren sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit leidet sie unter einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung. Obwohl sie nicht religiös erzogen war, baute sie sich schon als Kind ihr eigenes Kreuz und hatte das »tiefe Gefühl, dass es für mich etwas bedeutet, dass Gott am Kreuz gestorben ist.«
In aller Dunkelheit erfährt Susanne Jensen Gott als ein Du: »Es ist nicht so, dass er mit seinem Licht alles Dunkle vertreibt. Sondern er kommt selbst in meine Dunkelorte hinein. Dadurch ist mein Leid ein anderes. Weil es in Resonanz mit ihm ist«.
Dass Gott gerade im Dunkel des Leids bei den Menschen wohnt, steht bis heute im Mittelpunkt der Theologie und Gotteserfahrung von Pfarrerin Jensen. Sie postuliert eine Seelsorge, die vor allem in der Compassion mit den Leidenden besteht und auf allzu raschen himmlischen Trost verzichtet. In diesem Sinne begeht sie auch den Karfreitag bewusst als einen Tag des Leidens und kritisiert eine Kirche, die das Kreuz und die Auferstehung Jesu »einfach zusammendampft«.
Die unzerstörbare Beziehung dieses göttlichen Du zum Menschen prägt auch ihr Verständnis von Auferstehung: »Dieses Du hat mich großgemacht, nicht ausgelöscht! Deshalb gehe ich davon aus, dass mein ich auch nach dem leiblichen Tod nicht ausgelöscht wird, sondern wieder mit meinem Gott zusammen ist.«
