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Karfreitag: Darf der Staat Stille einfordern?

In zwei Wochen ist Karfreitag. Mit diesem Feiertag erinnern Christen an Jesu Tod am Kreuz. Der Staat verlangt, darauf Rücksicht zu nehmen und verbietet etwa öffentliche Tanzveranstaltungen. Darf er das? Gegner dieser Regelung protestieren jedes Jahr aufs Neue dagegen. Was ist angemessen am Karfreitag? Ein Pro und Contra
von Johanna Haberer , Armin Grunwald vom 30.03.2017
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Am Karfreitag gilt das Stillegebot auch außerhalb von Kirchen, öffentliche Tanzveranstaltungen etwa sind verboten. (Foto: epd/Schulze)
Am Karfreitag gilt das Stillegebot auch außerhalb von Kirchen, öffentliche Tanzveranstaltungen etwa sind verboten. (Foto: epd/Schulze)

»Seit Jahren kommt es an Karfreitagen zu Protesten. Vor Kirchen finden Kundgebungen statt, die das Recht auf Vergnügen an diesem Tag für alle reklamieren, denen der Tod Christi ziemlich egal ist. Ihr Argument ist, dass in einem säkularen Staat die Gefühle einer Religionsgemeinschaft nicht zur Maxime allgemeiner Verhaltensregeln werden dürften.

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Da wird deutlich, wie unterschiedlich Menschen in der pluralistischen Gesellschaft sind. Karfreitag ist nicht einfach ein normaler gesetzlicher Feiertag, also arbeitsfrei. Es gelten bestimmte Regeln. Die entstammen seinem christlichen Sinn. Am Gedenktag des Kreuzestodes Christi sind öffentliche Vergnügungsveranstaltungen untersagt. Staatliche Vorschrift macht diesen Tag zu einem stillen Tag – für alle Bürger. Das kritisieren die Demonstranten. Sie wollen nicht den Christen verbieten, den Tag in Stille zu verbringen, fordern aber, alle anderen damit nicht zu behelligen. Mit Recht weisen sie auf die Spannung zwischen der weltanschaulichen Neutralität des säkularen Staates und der Privilegierung einzelner, wenngleich großer Religionsgemeinschaften hin. Dies tritt immer offener zutage, je weniger bekennende Christen es in Deutschland gibt.

An den Protesten gegen die staatlich verordnete Rücksichtnahme auf ein christliches Fest ist mehreres interessant. Es fällt auf, dass der Karfreitag in manchen Ländern mit reicher christlichen Tradition und auch Gegenwart kein staatlicher Feiertag ist. In Italien ist dieser Tag ein Arbeitstag, von Stille keine Spur. Karfreitagsliturgien finden daher häufig erst am Abend statt. In den USA gibt es gar keine religiösen Feste, die gesetzlich arbeitsfrei gestellt sind. In diesen Ländern müssen Christen offenbar nicht arbeitsfrei haben, um den Karfreitag oder auch andere ihnen wichtige Tage würdig zu begehen.

Ein genauer Blick auf die Karfreitagsproteste zeigt: Sie richten sich nicht dagegen, dass er ein gesetzlicher Feiertag ist. Ihr Problem ist, dass an diesem Tag nicht alles erlaubt ist. Für Ostermontage oder Christi Himmelfahrt, die frei von Regeln und freizeitorientiert sind, sind solche Proteste nicht bekannt. Das ist aber scheinheilig und verlogen: Denn die Alternative zu einem gesetzlich für still erklärten Karfreitag ist nicht ein freier Tag mit Spaß für alle, sondern ein Werktag in Büro oder Firma.

Drittens: Freizeitcharakter führt zu Freizeitverhalten. Man nimmt Weihnachts- und Osterurlaub und freut sich, dass man für viel Freizeit nur wenige Urlaubstage beantragen muss. Man nutzt Christi Himmelfahrt und Fronleichnam mit den anschließenden Freitagen zum Kurzurlaub. Das halten auch viele Christen so. Der Sog der Freizeitgesellschaft ist groß, sodass viele nicht in ihren Gemeinden das christliche Fest mitfeiern und dies vermutlich auch auswärts nicht tun. Vermutlich schadet die Tatsache, dass viele christliche Feste gesetzlich arbeitsfrei sind, den Kirchen selbst.

Dennoch wäre der Aufschrei groß, wenn der Staat die christlichen Feiertage abschaffen würde. Manch einer wird sich noch an die Diskussion zum Buß- und Bettag erinnern, der einer Wirtschaftsflaute geopfert wurde. Dieser Feiertag war damals das schwächste Opfer. Die zweiten Feiertage nach Weihnachten, Ostern und Pfingsten zu streichen, den Karfreitag oder Christi Himmelfahrt, das wäre eine andere Dimension. Mit Sicherheit wäre die Empörung groß. Koalitionen von Kirchen, Gewerkschaften und Freizeitindustrie würden sich mit unterschiedlichen Interessen, aber unter dem gemeinsamen Ziel des Erhalts der Feiertage bilden.

Es wäre aber ein Akt der Stärke und Ausdruck von Selbstbewusstsein, wenn die Kirchen in Deutschland von sich aus zur Abschaffung der Feiertage aufrufen würden. Das Signal wäre: Wir brauchen diese Art der künstlichen Beatmung durch den Staat nicht. Wir leben unsere Feste aus der Stärke unseres Glaubens heraus. Wir brauchen nicht arbeitsfrei zu haben, um des Todes Jesu Christi zu gedenken oder an Fronleichnam in feierlicher Prozession durch Stadt und Land zu ziehen. Wir werden immer Wege finden, dies zu tun, ganz einfach weil es uns wichtig ist. Trauen wir uns diese Stärke im Glauben zu?«

Johanna Haberer: »Ja! Die Zumutung eines stillen Tages ist wichtig«

»Eine schräge Koalition: Da vereinigen sich der atheistische »Bund für Geistesfreiheit«, die Jugendorganisationen einiger Parteien, allen voran die Piraten und die FDP, vermutlich unter stiller Zustimmung der Arbeitgeberverbände, um aus dem stillen Karfreitag einen Heidenspaß zu machen und mit dröhnenden Discobässen die an diesem Tag schweigenden Glocken zu ersetzen.

Die Feiertage anzugreifen ist keine gute Idee. Wo soll man anfangen? Und wo soll es enden, das Streichkonzert? Am Karfreitag? An Himmelfahrt? An Fronleichnam? Mit den Oster- und Pfingstmontagen? Kann man dann nicht gleich das ganze Kirchenjahr oder die religiöse Wochenaufteilung, nach der der siebte Tag der Ruhe gehört, als einer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zumutbar proklamieren?

Das christliche Kirchenjahr ist so etwas wie der Blutkreislauf unserer Kultur. Es beginnt mit der Siebentagewoche, die schon in der Tausende Jahre alten Geschichte unserer Bibel festgehalten ist: Am siebten Tage seiner Schöpfung ruhte Gott. Deshalb soll auch der Mensch ruhen und allen Fragen der ökonomischen Effizienz entzogen sein. Der jüdische Sabbat ist im 1. Buch Mose festgehalten. Diese ersten Bücher der Bibel richten sich nicht an die Adresse einer religionspluralen Welt, auch an keine jüdische. Sie erheben Anspruch auf Allgemeingültigkeit: Es wird an das Menschsein des Menschen erinnert an diesem freien Tag. Ein Tag in der Woche nur Mensch sein und nichts anderes – nicht vermessen und verrechnet.

Wir Christen haben diesen heiligen Rhythmus der sieben Tage beibehalten. Nur haben wir aus dem siebten Schöpfungstag den Tag der Auferstehung, also der Neuschöpfung der Welt gemacht. Es gab etliche Versuche, die Kultur von diesem religiösen Rhythmus zu reinigen. Der sowjetische Staat zum Beispiel hat versucht, dieses jüdisch-christliche Weltkulturerbe durch den Revolutionskalender zu ersetzen, bei dem achtzig Prozent der Arbeiter wechselnd im Rhythmus arbeiteten, während zwanzig Prozent ruhten und sozusagen eine Jahresschichtarbeit abbildeten. Resultat: Die Produktivität sank und die Menschen blieben neben ihren freien Tagen auch am Sonntag zu Hause, bis man nach elf Jahren 1940 wieder zur Siebentagewoche zurückkehrte.

Wir begehen mit dem christlichen Festkalender nicht nur die Erinnerungsgeschichte des Christentums – von der Geburt Christi bis zum Geburtstag der Kirche –, wir begehen im wahrsten Sinn des Wortes in jedem Kirchenjahr die Erinnerung an die menschliche Lebensspanne von der Schwangerschaft im Advent bis zum Tod am Ewigkeitssonntag. Jeder Mensch, egal welcher Kultur oder Religion, kann sich dort einschwingen. Das wird evident, wenn man sieht, mit welcher Freude muslimische Familien Weihnachten feiern und wie sich asiatische Städte von Singapur bis Peking in Weihnachtsdekoration mit Sternen und Kerzen hüllen.

Auch die Zumutung eines stillen Tages, der mit dem Tod Christi alljährlich auch an alle unschuldigen Opfer von Unrecht und Gewalt erinnert, hat in einer nachdenklichen Gesellschaft ein Bleiberecht. Es geht also nur oberflächlich um gesellschaftliche Privilegien einer Religionsgemeinschaft oder einer Konfession. Auch wenn viele Menschen nicht mehr genau buchstabieren können, welches christliche Ereignis welchem Feiertag zugrunde liegt, so atmet unsere Kultur seit Jahrtausenden in diesem Puls.

Ich kann der Alternative Werktage statt Feiertage nichts abgewinnen. Nicht nur als Christin, sondern als Bürgerin dieser Gesellschaft. War es nicht ein Fehler, ausgerechnet den Buß- und Bettag abzuschaffen? Diesen Tag, an dem sich die Christen und Bürger gemeinsam ihrer öffentlichen Schuld und Verantwortung erinnern, an dem sie über Ehrlichkeit versus Korruption, Gleichheit versus Machtmissbrauch oder Bürgerpflicht versus Bürgerrecht nachdenken und Gott danken für Frieden und Wohlstand? Und war es nicht ein Fehler, den Reformationstag ökonomischen Belangen zu opfern? Dieser Tag, an dem wir die Geburt einer Gesellschaft feiern, die sich nicht mehr mit unhinterfragbaren Autoritäten abspeisen lässt? Und ist vor diesem Hintergrund die Disco am Karfreitag ein Signal der Freiheit – oder vielleicht eher eines der kulturellen Gleichgültigkeit oder gar der Dummheit?

Unsere Verfassung regt an, den Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage als »Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung« zu achten. Hier wird nicht an religiöse Pflichten gemahnt, hier wird auch kein Konfessionsbewusstsein vorausgesetzt, hier wird »Ruhe« und »seelische Erhebung« als Freiraum für alle Menschen geöffnet. Lassen wir es dabei.«

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Personalaudioinformationstext:   Armin Grunwald, geboren 1960, lehrt Technikethik und Technikphilosophie an der Universität Karlsruhe und leitet dort das Institut für Technikfolgenabschätzung (ITAS).
Johanna Haberer, geboren 1956, ist evangelische Theologin, Journalistin und Professorin für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen.
Schlagwörter: Karfreitag Religionsfreiheit
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