Keine Zeit für Ausreden
Am 30. April 1989, auf den Tag genau vor 25 Jahren, ging in Dresden die Ökumenische Versammlung in der DDR zu Ende. Das kalendarische Zusammentreffen erinnert an die erstaunliche Dynamik der ökumenischen Bewegung. Sie lebt nicht von kurzatmigen Kampagnen, sondern aus langfristigen Kontinuitäten. 1989 sprachen Christen und Kirchen in der DDR von der geforderten »Umkehr in den Schalom«. Die Trias »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« wurde situationsbezogen interpretiert. Genau dies geschieht in Mainz unter dem Motto »Die Zukunft, die wir meinen – Leben statt Zerstörung«. Immer wieder neu fragen Christinnen und Christen nach lebensdienlichen, zukunftsfähigen Antworten auf die Krisen ihrer Zeit, orientiert am biblischen Schalom.
Die Dresdener Versammlung 1989 war wegweisend
Ökumenische Versammlungen sind Zusammenkünfte, bei denen engagierte Menschen mit nüchternem Blick auf unhaltbare Zustände reagieren. Sie haben ihre Themen, ihren »Kairos«, jene unwiederbringliche Gelegenheit, die nicht ungenutzt verstreichen darf. So ist »Dresden« für viele bis heute eng mit dem demokratischen Aufbruch der DDR-Gesellschaft verbunden, der in die Friedliche Revolution des Herbstes 1989 mündete. Das ist Geschichte.
Aber die Versammlung von 1989 ist kein alter Hut, bloß weil die DDR weg ist. Wer fragt, was davon geblieben ist, macht eine interessante Entdeckung: Einsichten, die vor 25 Jahren formuliert wurden, gehören heute zum Kernbestand ökumenischer Friedensethik. Das betrifft auch eine 1989 noch wenig beachtete Passage des theologischen Basistextes aus Dresden: »Die Menschheit muss sich in ihrer Verflochtenheit als Überlebensgemeinschaft organisieren in einer verbindlichen Rechtsgestalt, die den Schwächeren schützt und Konflikte politisch löst«, heißt es da.
In der DDR fehlten im April 1989 nahezu alle Voraussetzungen, dieser Aussage politische Geltung zu verschaffen. Der Text war seiner Zeit voraus. Er benennt eine fundamentale Überzeugung ökumenischer Friedensethik: Frieden muss auf der uneingeschränkten Geltung des Rechts und der Abwesenheit von Gewalt in den internationalen Beziehungen basieren.
Die Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren ist eine Mahnung, auf jegliche Rechtfertigung militärischer Gewalt zu verzichten und die zivile Konfliktbearbeitung vorzuziehen. Es gibt heute keine Situation, die den Einsatz von Gewalt rechtfertigen könnte.
Lehre vom »gerechten Frieden« statt vom »gerechten Krieg«
Nachhaltige Wirkungen entfaltete die Position der Ökumenischen Versammlung von 1989 zur »Lehre vom gerechten Krieg«. Sie müsse überwunden werden; stattdessen müsse »eine Lehre vom gerechten Frieden entwickelt werden, die zugleich theologisch begründet und dialogoffen auf allgemein-menschliche Werte bezogen ist. Dies im Dialog mit Andersdenkenden und Nichtglaubenden zu erarbeiten ist eine langfristige Aufgabe der Kirchen«.
Dies wurde zum Ausgangspunkt für die Diskussion über das ökumenische Leitbild »Gerechter Frieden«. Sie bewahrt nicht nur eine Verpflichtung aus dem konziliaren Prozess der 1980er-Jahre, sondern öffnet ihn weit für Allianzen mit zivilgesellschaftlichen Akteuren, die ebenfalls an der Frage nach den Bedingungen eines gerechten Friedens arbeiten. Die Schwerpunkte der Versammlung 2014 – Heimat Erde, Solidarisches Wirtschaften, Klimawandel und Gewaltüberwindung – markieren Aufgaben, an denen gearbeitet werden muss, damit das Leitbild Gerechter Frieden vom Kopf auf die Füße kommt.
25 Jahre nach Dresden besichtigen wir weltweit »im Vollbild«, was uns 1989 in Umrissen klargeworden war: die Untauglichkeit der gegenwärtigen wissenschaftlich-technischen Zivilisation, ihrer ökonomischen Strukturen und politischen Mechanismen, eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden für möglichst viele Menschen dieser Erde zu schaffen und zu erhalten. Die Mainzer Versammlung kann dazu 2014 analytisch genauer, politisch entschiedener und ökumenisch überzeugender arbeiten, weil die »Zeichen der Zeit« von heute – Ausbeutung von Mensch und Natur, Vergötzung des Geldes, ungebremster Klimawandel, Zerstörung der Sozialsysteme und menschlichen Beziehungen, Militarisierung der Konflikte – keine Ausreden mehr zulassen.
Infos zur Ökumenischen Versammlung finden Sie auf: www.oev2014.de
