Küng: Radikaler Wandel mit Franziskus
Herr Professor Küng, der neue Papst punktet mit bescheidenem Auftreten und Einsatz für die Armen. Wird dies ein Pontifikat des radikalen Wandels?
Hans Küng: Es ist bereits nach den ersten Tagen ein radikaler Wandel zu sehen. Das gibt Hoffnung, dass der neue Papst auch noch zu weiterem Wandel fähig ist.
Die Wahl Jorge Mario Bergoglios hat signalisiert: Die römisch-katholische Kirche löst sich vom Eurozentrismus. Kann das einem europäischen Reformtheologen wie Ihnen eigentlich recht sein?
Hans Küng: Das ist mir selbstverständlich sehr recht. Ich bin schon zwischen 1962 und 1965 als Konzilstheologe ständig mit den Fragen der Weltkirche und der Weltreligionen beschäftigt gewesen. Im Verlauf meines Lebens bin ich mehrmals rund um die Welt gereist und habe mich früh – unter anderem in meinem Buch »Christ sein« von 1974 – für die Befreiungstheologie eingesetzt und eine gesellschaftskritische Theologie praktiziert.
Sie sagen also: Gut, dass mit einem Papst aus Lateinamerika ein Signal für die Weltkirche gesetzt ist?
Hans Küng: Ja. Andere, die für das Papstamt vorgeschlagen wurden, haben mir Angst gemacht. Diese Papabili aus Mailand, aus Kanada, aus den USA hätten die Restauration fortgesetzt. Schon die ersten Auftritte von Papst Franziskus haben gezeigt, dass er mit dem Papstpomp Schluss machen will, der den Pontifikat Benedikts charakterisiert hat.
Jorge Mario Bergoglio ist aus europäischer Sicht eine ambivalente Persönlichkeit. Einerseits faszinieren seine Bescheidenheit, Offenheit und klare Kritik am entfesselten Kapitalismus. Andererseits hat er, was ethische und theologische Fragen angeht, durchaus Ansichten, die man als konservativ bezeichnen kann. Ist er der richtige Mann zur richtigen Zeit?
Hans Küng: Das wird sich in der Zukunft zeigen. Wenn er auf dem Weg voranschreitet, den er in den ersten Tagen als Papst gegangen ist, wird er sich bald auch den schwierigen Fragen stellen müssen, die mit der traditionellen Moraltheologie verbunden sind. Als Papst aus Lateinamerika kennt er viele Metropolen, die gekennzeichnet sind von Armut und Überbevölkerung. Wenn er sich zum Beispiel programmatisch gegen die Pille wenden würde, verlöre er sofort die Sympathien vieler Frauen auf der ganzen Welt. Ich hoffe, dass er diesen Fehler nicht begeht. Ja, ich hoffe, dass er es überhaupt vermeidet, sich sofort wieder ganz auf die traditionelle Moraltheologie festzulegen, wie es Karol Wojtyla und auch Joseph Ratzinger leider getan haben.
Sie sagen also: Was der Papst jetzt tut, ist ausbaufähig?
Hans Küng: Ja, das ist sehr ausbaufähig! Ich hoffe, dass er als gut geschulter Jesuit die Weitsicht hat zu erkennen, dass Frommsein nicht reicht. Und dass er gut daran tut, kompetenten Rat einzuholen, etwa wenn er sich jetzt als Papst zu Fragen der Moraltheologie lehramtliche äußern will.
Wie beurteilen Sie Bergoglios Rolle in den Zeiten der argentinischen Militärdiktatur? Hat er sich so verhalten, dass es eines heutigen Papstes würdig ist?
Hans Küng: Ich bin in dieser Frage kein Experte und kann nur versuchen, mich in die Situation eines Jesuitenprovinzials hineinzuversetzen, der Bergoglio damals war. Wenn ich sie mit den Erfahrungen meines Spirituals aus jungen Jahren vergleiche – Pater Wilhelm Klein, der während der Nazizeit Provinzial der Jesuiten in Köln war –, dann ahne ich, wie schwer es ist, sich unter einem diktatorischen Regime richtig zu verhalten. Es ist eine große Herausforderung, sich da hindurchzufinden. Es muss die Kunst beherrscht werden, einerseits widerständig zu sein, andererseits aber so klug zu handeln, dass man anderen effektiv helfen kann. Ob Bergoglio da alles richtig gemacht hat, ist eine offene Frage, die natürlich diskutiert werden kann und darf. Aber man sollte sich jetzt nicht auf seine Vergangenheit konzentrieren, sondern sehen, dass der Mann ungeheure und schwierige Aufgaben vor sich hat.
Wenige Wochen vor dem Konklave haben Sie öffentlich eine berufliche Altersgrenze für Päpste gefordert: Wenn der Ruhestand für alle katholischen Bischöfe der Welt mit 75 Jahren beginnen könne, solle beim Bischof von Rom keine Ausnahme gemacht werden. Der »Neue« ist aber schon 76. Hätten Sie ihn nicht gewählt?
Hans Küng: Im Grundsatz meine ich: Die Altersgrenze von 75 Jahren für Bischöfe, die durch Beschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils eingeführt wurde, aber aus taktischen Gründen den Bischof von Rom ausgenommen hat – sonst wäre der Beschluss nämlich nicht zustande gekommen –, ist eine gute Grenze. Hätte sie von Anfang an auch für den Papst gegolten, wäre zum Beispiel der Pontifikat Benedikts vermieden worden. Bei der Wahl des jetzigen Papstes musste man aber einfach auf die Kandidaten zurückgreifen, die man hatte. Natürlich gab es einige jüngere Kardinäle –, die mir aber sehr viel weniger Freude gemacht hätten, das sage ich ehrlich. Man hat den genommen, der eine gute Wahl schien und der zur Verfügung stand. Viel Auswahl an wirklich guten Kandidaten gab es nicht. Für mich geht Kompetenz vor Alter. So gesehen, war die Entscheidung für Bergoglio richtig.

Hans Küng