Marx, Bode – oder wer?
Die Konservativen fürchten die Zukunft. Am liebsten würden sie ihre Köpfe in den Sand stecken. Diese Bischöfe träumen von alten, kirchenherrlichen Zeiten. Während die Aufgeschlossenen den Abbrüchen an institutioneller Kirchlichkeit und dem gesellschaftlichen Wandel ins Auge blicken. Sie wollen die Zukunft energisch angehen – in der Weise, wie Papst Franziskus dies seit seiner Wahl vor einem Jahr tut. Unter den Aufgeschlossenen wird der neue Mann an der Spitze der Bischöfe gewählt. Soviel wenigstens scheint fest zu stehen.
Der Favorit heißt Reinhard Marx. Seine ins westfälische Münster zur Frühjahrs-Vollversammlung der Bischöfe mit angereisten Münchner Weihbischöfe lassen es gern die Journalisten wissen: Ja, der Münchner Kardinal will gerne Vorsitzender der deutschen Bischöfe werden. Nein, er fühle sich überhaupt nicht überfordert mit seinen zahlreichen, machtvollen Ämtern außerhalb des Erzbistums München und Freising.
Für den 60 Jahre alten Marx ist es die vermutlich letzte Chance, ins Amt des Vorsitzenden aufzusteigen. Der Mann strotzt vor Selbstbewusstsein. Marx geht auf entschiedene Art die Probleme an: Ob er nun die Benediktinermönche im bayerischen Traditionskloster Ettal attackierte, weil diese versuchten, langjährige sexuelle Gewalttaten durch Ordenserzieher im Elite-Internat Ettal zu verharmlosen. Oder wenn er – wie derzeit – die zaudernden bischöflichen Miteigentümer des angeschlagenen Medienriesen Weltbild überspielt, um mit vielen Millionen Euro aus dem prall gefüllten Münchner Bistumssäckel tausende Mitarbeiter und ihre Familien vor der drohenden Arbeitslosigkeit zu bewahren.
Marx ist sichtbar und hörbar – viele Mitbischöfe sind dies nicht. Diese Furchtsamen verstecken sich eher, als dass sie öffentlich auftreten – wie dies zum Beispiel in den Bistümern Stuttgart-Rottenburg, Eichstätt und Augsburg zu beobachten ist. Marx barocke, katholische Fröhlichkeit steckte schon vor über drei Jahrzehnten die Leute an – wenn der damalige Vikar und Religionslehrer, zuweilen mit dicker Zigarre, auf dem Motorrad durch das relativ unkatholische Bad Arolsen knatterte.
Marx engagiert sich in Gesellschaft und Wirtschaft. Er ist kein theologischer Grübler. Das Vertrauen des zupackenden Papstes Franziskus hat er – denn dieser Tage machte ihn der argentinische Pontifex zum Chef des neu geschaffenen Vatikanischen Wirtschaftsrates. In diesem neuen Finanzministerium der Weltkirche sitzen acht Finanz-Kleriker sieben Finanzfachleuten aus der Wirtschaft gegenüber. Damit besitzt Marx im päpstlichen Rom ein mächtiges Amt auf Dauer. In der noch einflussreicheren Kardinalskommission »K8« berät Marx Papst Franziskus bei den Reformen der Kirchenleitung. Kein Wunder, dass der Münchner Kandidat Kraft versprüht.
Kardinal Lehmann zieht die Strippen
Wieselflink im Kopf zieht der bald 80-jährige Mainzer Kardinal in Münster bei den Bischöfen die Fäden gegen Marx. Der sei ja schon so mächtig, ja übermächtig, so stark, ja geradezu überstark, lässt der unverdrossene und intellektuell überragende Kirchenreform-Kardinal Lehmann wissen.
Lehmann findet Marx zu beharrend, zu wenig nachdenklich, zu wenig theologisch. Er sei zu wenig Reformer, zu sehr ein Champion der (Selbst)Darstellung. Lehmanns Favorit: Bischof Franz-Josef Bode. Bode leitet das vergleichsweise problemarme Bistum Osnabrück. Möglicherweise ein allzu beschaulicher Hintergrund für das Amt des Bischofs-Vorsitzenden. Bode, ein Theologe, der bei Joseph Ratzinger seinen Doktor machte und dennoch zu den Progressiven gezählt wird, ist eher ein Mann stiller Fähigkeiten, kein großer Zampano wie Marx. Er weiß Zeichen zu setzen: Zur Buße für die sexuellen Missbrauchsverbrecher seines Bistums legte er sich auf den Boden seiner Bischofskirche – und blieb dort ziemlich lange bäuchlings liegen. Eine Geste, die Eindruck hinterlassen hat.
Und wenn ein anderer gewählt wird? Why not? Seine Wahl wird eine Richtungswahl sein. Zu wünschen ist der katholischen Kirche in Deutschland ein Mann, der im Stande und willens ist, die Aufbruchsimpulse von Papst Franziskus energisch umzusetzen. Jemand, der jedoch vor den Römern nicht in die Knie geht, sondern in Deutschland Reformen verwirklicht – zu Gunsten der kirchlich ausgegrenzten Geschiedenen und Wiederverheirateten zum Beispiel.
