Zur mobilen Webseite zurückkehren

Meisners Männerfreundschaft

Mit dem heutigen Tag ist der letzte Amtsmonat des umstrittenen Kölner Kardinals Joachim Meisner angebrochen. Weshalb stieg dieser Mann, der in der Gegenwart der Kirchenmitglieder kaum zu Hause scheint, so weit auf?
von Thomas Seiterich vom 01.02.2014
Artikel vorlesen lassen
Kardinal Joachim Meisner, auf dem Weg in seinen letzten Amtsmonat: Am 28. Februar wird er emeritiert. (Foto: pa/Berg)
Kardinal Joachim Meisner, auf dem Weg in seinen letzten Amtsmonat: Am 28. Februar wird er emeritiert. (Foto: pa/Berg)

Tag für Tag zündet der Mann seine Böller. Ende Februar muss er, der nun Achtzigjährige, aus dem Amt weichen. Zuvor veranstaltet er aber noch ein schwefliges Abschiedsfeuerwerk. So erklärte er jüngst, eine »zehnköpfige christliche Familie« sei besser »als drei muslimische Familien«. Wegen dieses rassistischen Unfugs hat er Tage später bei den Muslimen um Entschuldigung bitten müssen.

Anzeige
loading

Im Rückblick auf 25 Jahre Meisner in Köln, auf zahlreiche Fettnäpfchen, Taktlosigkeiten und rude Angriffe auf geistige Gegner stellt sich die Frage: Wie konnte dieser Mann in der Kirche eine Spitzenkarriere machen?

Karol und Joachim: Eine Schicksals-Begegnung

Es war in der DDR in den 1960er Jahren. Herbstwallfahrt in Erfurt. Der junge Erfurter Weihbischof Joachim Meisner, ein stattlicher Mann mit sonorer, wohl klingender Predigerstimme, hält eine Wallfahrtspredigt für die vielen versammelten frommen Gemüter. »Maria Muttergottes«, so ruft Meisner aus, sei »der Transmissionsriemen des Heiligen Geistes«.

Der »Transmissionsriemen des Heiligen Geistes«: Die Wortkombination ist typisch für Meisner. Er wählt ein Begriffsungetüm aus der techniklastigen Alltagswelt im real existierenden Sozialismus und kombiniert es mit dem positiv emotionsgeladenen Begriff. Einem prominenten Gast bei dieser Wallfahrt gefällt die Predigt und der Prediger jedenfalls sehr gut: Karol Wojtyla, dem damaligen Erzbischof von Krakau und späteren Papst.

Der polnische Kirchenmann geht nach dem Gottesdienst auf Meisner zu. In der Sakristei lobt Wojtyla: »Schöne Predigt, sehr gut!«. Und damit beginnt eine klerikale Männerfreundschaft, die lebensbestimmend wird und vier Jahrzehnte währt, bis zum Tod Papst Johannes Paul II. im April 2005.

Der mächtige Pate lenkt die Dinge von Krakau aus

Von Krakau aus fördert Wojtyla den jungen Meisner in jeder Weise. Denn wer so gefällig predigen kann, ist nach Ansicht des Polen – der sehr gut Deutsch versteht und spricht und deshalb auch die Zwischentöne in Meisners Predigten und öffentlichen Debattenbeiträgen versteht – ein Schatz für die kleine, personell ausgezehrte Katholikenschar in der damaligen DDR. Meisner muss aufsteigen, so ist Wojtyla überzeugt – ungeachtet der Tatsache, dass der Deutsche jede Menge theologischer Schwächen aufweist.

Meisners Doktorarbeit ist bis heute unter Verschluss. Es heißt, für das Werk habe er bloß etwa zwei Dutzend Seiten Text geliefert – mitsamt ähnlich vielen Seiten Bildmaterial, vorzugsweise Tafelbilder. Das Thema laut Munzinger-Archiv: »Die nachreformatorische katholische Frömmigkeit in Erfurt«.

Nichtsdestotrotz: Der einflussreiche Kardinal Karol Wojtyla wirbt in der Bischofskongregation, der Personalabteilung für Führungskräfte im päpstlichen Rom, für Meisner. Mit Erfolg. Meisner steigt weiter auf. Er wird Bischof und später Erzbischof von Berlin, Kardinal und Vorsitzender der Bischofskonferenz der katholischen Kirche in der damaligen DDR.

Dass Meisner eine auffällige Schwäche für Antiquitäten hat, fällt der Stasi der DDR auf. Doch Meisner ist keine Zusammenarbeit nachzuweisen. Legendär sind Erzählungen, der Kardinal habe mit seinem Diplomaten-Auto unkontrolliert historische Andachtsfiguren vom Ostberliner Sitz seines Erzbistums in aller Stille nach Westberlin gebracht, in seinen dortigen Bischofssitz.

Was – zumindest für die Betroffenen – viel schwerer wiegt, ist die von Meisner in der so genannten Ordinarienkonferenz durchgeführte Praxis, kritische und kirchenreformerische Katholiken »ohne Schutz« gegenüber den DDR-Staatsorganen – im Klartext: der Stasi – zu stellen. Dies widerfuhr beispielsweise dem couragierten Aktionskreis Halle (AKH) oder Einzelpersonen wie den ostdeutschen Theologen Klaus Herold oder Willi Versteege.

Zugleich jedoch half Meisner diskret, aber effizient vielen Verfolgten oder von der Geheimpolizei bedrängten Ordensleuten und Geistlichen im Ostblock, insbesondere in der Tschechoslowakei und Ungarn. Wer von den seinerzeitigen Empfängern der Hilfe Meisners in Osteuropa noch lebt, ist dem Kardinal in der Regel dankbar, so hört man.

Der Krakauer Kardinal Wojtyla fördert sein »Patenkind« in jeder Weise. Und Meisner vergilt diese Förderung seines »Paten« mit absoluter Gefolgschaftstreue. Als Papst Johannes Paul II. Meisner im Jahr 1988 nach Köln befiehlt, um – trotz des Widerstandes von Kirchenvolk und Domkapitel – mit Meisner vom mächtigsten Bischofsthron Westdeutschlands aus die als kritisch und unruhig geltenden Katholiken der Bundesrepublik zu deckeln, gehorcht dieser.

Die Kölner Katholiken fordern vom neuen Mann ein neues Profil

Doch 25 Jahre Meisner in Köln haben gezeigt: Wenn Spitzenposten nach Männerfreundschaft und absoluter Gefolgschaftstreue vergeben werden, gerät die Kirche in die Sackgasse. Stattdessen kommt es auf Gegenwartskompetenz, theologische Weite, Herz und Verstand sowie auf einen engagiert heutigen Christenglauben an. Ein solches Profil fordern die Kölner Katholiken für ihren neuen Erzbischof.

Bleibt abzuwarten, ob der in Gesten vielversprechende, an kirchenrechtlichen Reform-Taten jedoch noch arme Papst Franziskus die Wünsche der von Meisners Irrgängen arg gebeutelten Kirchenbasis aufgreift.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Thomas Seiterich ist Publik-Forum-Redakteur und Vatikan-Experte.
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0