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Obama, der Star von Berlin

Von rund 70.000 jubelnden Besuchern wurde der frühere US-Präsident am Brandenburger Tor empfangen. Inhaltlich war er ganz der diplomatische Politiker, der sich bei unangenehmen Fragen ein wenig wand. Aber er punktete mit seiner Ausstrahlung – und begeisterte die Massen
von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 25.05.2017
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Am Brandenburger Tor geschah Großes: Barack Obama besuchte den Kirchentag - und verzückte die Massen. (Foto: pa/westend61/Tamboly)
Am Brandenburger Tor geschah Großes: Barack Obama besuchte den Kirchentag - und verzückte die Massen. (Foto: pa/westend61/Tamboly)

Sie erwarteten ihn wie einen Erlöser: Barack Obama scheint bei den Deutschen, die sich am Donnerstagmittag bei strahlendem Sonnenschein am Brandenburger Tor versammelt hatten, so beliebt zu sein wie eh und je. Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer die jubelnden Massen sah, die euphorisch auf den ehemaligen US-Präsidenten warteten. Vor wenigen Wochen – direkt nach Bekanntgabe seines Auftritts beim Kirchentag – waren die online zu reservierenden Sitzplätze binnen Minuten ausgebucht.

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Am heutigen Donnerstag standen Scharfschützen auf den umliegenden Dächern bereit, ein Hubschrauber kreiste über dem Brandenburger Tor, und zehntausende gezückte Fotoapparate und Handykameras schossen in die Höhe, als Obama schließlich die Bühne betrat. »We miss you!« stand auf einem der Plakate, das ihm entgegengereckt wurde, »Michelle for President« und »Dump Trump« (»Stürzt Trump«) auf einem anderen. Die Menge jubelte, die Menschen strahlten. Dass neben Obama auch Angela Merkel, der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au auf der Bühne saßen, ging da fast unter.

Inhaltlich war es ein Kessel Buntes, der den Kirchentagsbesuchern da präsentiert wurde. Von der Bildung über den Terror, von der Flüchtlingspolitik über die Kunst bis zur Gesundheitsreform plauderten Merkel und Obama fröhlich; ganz das traute Politikerpaar, das sich gegenseitig seiner Zuneigung und seines Respekts versichert. Es waren viele Allgemeinplätze, die sie zum Besten gaben – Obama wie gewohnt mit einer Ausstrahlung, die die Menschen in ihren Bann zieht, auch wenn er inhaltlich gar nicht viel sagt. Die enorme Bedeutung von Bildung und dass man »jedes Kind mitnehmen muss« etwa, oder dass in den Herkunftsländern angesetzt werden muss, um die Zahl von Flüchtlingen zu begrenzen, war nichts Neues. Aus Obamas Mund aber klang es anscheinend innovativ, zumindest applaudierten die Versammelten ständig, wenn er sprach (besonders übrigens, als er betonte, er sei froh, nun mehr Zeit mit seiner Frau Michelle und den beiden Töchtern verbringen zu können).

Interessant wurde es, als es um die Rolle von Religion in der Politik ging. Obama, ein Mann, der in einer befreiungstheologischen Gemeinde in Chicago zum Glauben fand (vgl. Publik-Forum 10/2017), zeigte sich demütig, als er sagte: »Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass wir nicht die Wahrheit kennen, sondern nur einen Teil von ihr. Dass Gott nicht nur zu uns und durch uns spricht, sondern auch zu Anderen.« Er bekannte, dass er als Gläubiger durchaus auch Zweifel habe – und dass das vielleicht auch gar nicht schlecht sei. Zur Frage, ob zu viele religiöse Argumente in der Politik eher schädlich als nützlich seien, sagte Obama: »Religion ist eine große Kraftquelle. Aber eine Demokratie lebt vom Kompromiss, und im Glauben gibt es Dinge, da sind wir kompromisslos.« Das Problem sei, dass diese kompromisslose Art und Weise bisweilen Eingang in die Politik fände, und dann werde es schwierig. »Wir müssen aus unserem Glauben heraus auch denjenigen zuzuhören, die eine andere Sichtweise, einen anderen Glauben, eine andere Meinung haben als wir«, betonte er.

Als schließlich vier junge Menschen aus Chicago und aus Mannheim die Bühne betraten und ebenfalls Gelegenheit hatten, Fragen zu stellen, wurde es auch politisch interessant. Einer von ihnen, ein 21-jähriger, deutscher IT-Student, wollte von Obama wissen, wie es sein könne, dass ausgerechnet er als Christ und Friedensnobelpreisträger den Drohnenkrieg so ausgeweitet habe. Da sprach Obama plötzlich ein wenig langsamer als zuvor, suchte nach Worten, wirkte nachdenklich. Es wurde deutlich: Der junge Mann hatte einen wunden Punkt getroffen. Aber das gestand Obama nicht ein. Stattdessen verwies er auf die Terrorangriffe in Paris und Brüssel, Berlin und Manchester, und sagte, um so etwas zu verhindern, müssten Drohnen eingesetzt werden. Es sei ihm bewusst, dass es auch zivile Opfer gebe, jedoch sei die Zahl dieser deutlich geringer, als wenn Kriege mit anderen Kriegswaffen geführt werden. Organisationen wie die US-Initiative Code Pink der Aktivistin Medea Benjamin bestreiten dies. »Drohnen sind präziser«, sagte Obama, und fügte hinzu: »Das Problem sind nicht die Drohnen, sondern die Kriege an sich.« Die Gefahr im Drohnenkrieg sei jedoch, gab der Ex-Präsident zu, dass denjenigen, die am Computer Entscheidungen über Leben oder Tod träfen, schnell alles wie ein Computerspiel vorkäme.

Obama beendete seinen Auftritt mit einem Appell an die Jugend: »Engagiert euch! Mischt euch ein! Mischt mit!«, forderte er. Und erinnerte daran, dass bekannte Persönlichkeiten wie Martin Luther King jung waren, als sie gegen Ungerechtigkeit aufstanden – und dass sie nicht dem Zynismus und der Verbitterung nachgaben, sondern etwas bewegten. Die Anwesenden quittierten das mit begeistertem Beifall.

Vielleicht ist es gerade das Pathos, mit dem Obama spricht, das den Menschen in Deutschland fehlt, wenn sie hiesigen Politikern zuhören. Wenn Obama ein Plädoyer für die Menschenrechte und die Demokratie hält, wirkt es stärker, echter, emotionaler, als wenn Merkel oder Schulz das tun. Die Begeisterung für Obama mag in den USA längst verblasst sein – in Deutschland ist sie es nicht, das zeigte der heutige Tag. Sinnbildlich dafür stand ein Plakat, das junge Leute hochhielten. »Stay here, our elections are coming« war darauf zu lesen.

Eigentlich ist es seltsam, dass dem einstigen Hoffnungsträger Obama auch nach acht Jahren Amtszeit, die alles andere als nur rosig waren, noch das Charisma eines Mannes anhaftet, der fest an seine Träume glaubt – und der dafür eintritt, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Doch genau das nahm man ihm – trotz einiger Plattitüden – tatsächlich ab. Und man spürte: Die Menschen sehnen sich förmlich nach einem Mann wie Obama, der für eine liberale, weltoffene, friedliche Welt eintritt (zumindest rhetorisch) und in diesen von Unsicherheit geprägten Zeiten Mut und Hoffnung vermittelt. »Yes we can!« – sein alter Wahlkampf-Slogan zieht noch immer.

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