Der Pflege-Gau: Nicht jammern, handeln!
So deutlich hat es noch keiner gesagt: Die evangelische Kirche könnte in Zukunft Pflegeheime und ambulante Pflegedienste schließen, wenn diese Arbeit nicht zu fairen Bedingungen erbracht werden könne. Das sagte vor Kurzem der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. Nur: Jammern allein reicht nicht. Es ist Zeit, dass sich die großen Wohlfahrtsverbände und allen voran Diakonie und Caritas politisch positionieren.
Hintergrund dieser Aussage ist das Dilemma, vor dem die Einrichtungen der Diakonie wie auch der Caritas stehen: Sie wollen eine gute Pflege anbieten und sie wollen ihre Mitarbeiter dafür angemessen, das heißt nach kirchlichem Tarif, bezahlen. Das aber wird immer schwerer: Die Pflegesätze, die die Träger der Altenheime von den Pflegekassen erhalten, reichen vorne und hinten nicht. Weder für eine qualitativ gute Pflege noch für eine faire Bezahlung der Altenpflegerinnen und -pfleger. Denn in der Pflege bieten neben den Wohlfahrtsverbänden zunehmend freie Anbieter ihre Dienste an, oft gnadenlos günstig. Nicht wenige stellen überwiegend un- oder angelernte Kräfte ein und zahlen unter Tarif. Da die Pflegeversicherung eine Teilkasko-Versicherung ist, bei der die Pflegebedürftigen immer dazuzahlen müssen, haben viele Senioren gar keine andere Wahl, als den günstigsten Anbieter zu wählen.
Opfer des Systems sind die Betagten - und ihre Pfleger
Die Politik hat diesen Wettbewerbsmarkt geschaffen - um die Preise dadurch niedrig zu halten. Doch: Der Preis, den Betagte und Pflegende dafür zahlen, ist hoch. So hoch, dass viele Altenpfleger nach wenigen Jahren aus ihrem Beruf aussteigen: Sie halten die Fließbandpflege »satt und sauber« nicht länger aus. Das ganze System funktioniert ja ohnehin nur mit den vielen ausländischen, ausgebeuteten Pflegekräften zumeist aus Osteuropa. Auf dem Altenpflegesektor führt der ökonomische Druck zu absurden Blüten: So hat vor drei Jahren das evangelische Johannesstift mit Sitz in Berlin-Brandenburg mehrere kurz vor der Insolvenz stehenden Altenpflegeeinrichtungen der Caritas in Hannover übernommen. Deren Mitarbeiter werden seitdem zum niedrigeren Ost-Tarif entlohnt. Dabei ist es schon mit den West-Tarifen für Altenpflegerinnen schwer, in Ballungsgebieten mit ihrem Gehalt auszukommen, geschweige denn, eine Familie damit zu ernähren.
Wir retten Banken - aber keine Menschen
Welche Auswege gibt es? Zum Ersten muss geklärt werden: Was sind uns als alternder Gesellschaft eine würdevolle Pflege und faire Arbeitsbedingungen in der Pflege wert? Nicht individuell, sondern als Gesellschaft? Welche Priorität hat das in einem Land, in dem ja auch Banken gerettet werden? Die Kirchen müssen mit ihren Beschäftigten gemeinsam - nicht gegen sie - für eine bessere Sozialpolitik kämpfen.
Richtige Strategie für Caritas und Diakonie: Nicht gegen-, sondern miteinander
Zum Zweiten: Statt als Konkurrenten auf dem Sozialmarkt aufzutreten, sollten Caritas und Diakonie gemeinsam mit den Pflegekassen verhandeln und politisch für eine angemessene Refinanzierung der Pflege auftreten. Der einzelne Träger hat nicht viel Gewicht. Ein Verband schon mehr. Dass solch gemeinsames Vorgehen Erfolg hat, zeigt die noch junge PflegeGesellschaft Rheinland-Pfalz. Sie ist eine Arbeitsgemeinschaft, die in Rheinland-Pfalz die Interessen des Großteils der ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen vertritt. Gemeinsames Auftreten macht stark!
Gründet Genossenschaften!
Drittens: Genossenschaften waren schon oft das Mittel der Wahl, wenn Menschen gemeinsam Not lindern wollten. Mithilfe von Senioren- und Pflegegenossenschaften können die Nutzer der Dienstleistungen oder die Beschäftigten die Sache in die eigenen Hände nehmen. Sie hätten dann alle Rechte und Einflussmöglichkeiten.
Nikolaus Schneider hat erkannt, dass das Ansehen der Kirchen leidet, wenn sie ihre Mitarbeiter ausbeuten oder eine schlechte Pflege anbieten. Doch dann hilft nur: Nicht länger jammern, sondern handeln, gemeinsam und politisch.
