Religion, nicht Nation
»Es gibt keinen Gott außer Gott«, lautet der erste Satz des islamischen Glaubensbekenntnisses. Er richtet sich gegen Götzendienst. Er richtet sich gegen Arroganz. Er erteilt jeder menschlichen Hybris eine klare Absage: Kein Führer, kein Volk, kein Staat, auch nicht das eigene Ego sollen an die Stelle Gottes gesetzt werden.
Doch bei der Moschee-Eröffnung im Kölner Stadtteil Ehrenfeld ist davon wenig zu spüren: Jubelnde Fans vergöttern den türkischen Präsidenten geradezu, es wehen türkische Fahnen, es herrscht politische Aufregung darüber, wer eingeladen wurde, wer abgesagt hat, wer sprechen darf, über die Verhältnisse in der Türkei unter dem zunehmend autoritär regierenden Präsidenten und über die Integration der Deutschtürken. Religiöse Menschen stehen ratlos am Rand und fragen sich: Worum ging es hier noch mal?
Die Architektur der Moschee drückt Offenheit aus
Die von der Ditib höchst undiplomatisch organisierte Eröffnungsfeier der neuen Moschee in Köln-Ehrenfeld wurde von dem erwarteten Fest für alle zu einem Erdogan-Fest, das entsprechend abgeschottet werden musste. Dabei drückt die Architektur der Kölner Ditib-Zentralmoschee das Gegenteil aus: sie ist transparent, offen zum Himmel, atmet den Geist der Freiheit und des Dialogs mit der Um- und Mitwelt. Nicht nur der Architekt ist enttäuscht über die Umstände der Eröffnung, auch die Kölner Zivilgesellschaft und die Lokalpolitiker, die sich gegen rechten Widerstand für den Bau eingesetzt hatten, sind vor den Kopf gestoßen. Vor allem fromme Muslime muss es schmerzen, dass dieses Sinnbild islamischer Frömmigkeit zur Kulisse einer politischen Show verkommt.
Der Anteil der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland liegt bei etwa vier Prozent; und von denen sind längst nicht alle glühende Erdogan-Fans. Doch für etliche, gerade auch junge Deutschtürken ist Erdogan eben der Mann, der sie nicht im Stich lässt, bei dem sie was gelten. Ähnliches gilt für die Ditib. Das Bundesamt für Verfassungsschutz macht deutlich, dass es die Ditib als »langen Arm Erdogans« am liebsten beobachten lassen würde. Dabei hat die Ditib türkischstämmigen Muslimen lange Zeit eine religiöse und kulturelle Heimat geboten, die sie offenbar nirgendwo sonst fanden, hat Jugendarbeit, Seelsorge, religiöses Leben ermöglicht. Doch auch sie hat sich verändert. Ihre Abhängigkeit von der türkischen Religionsbehörde Diyanet ist heute offenkundig. Diese ist seit der Verfassungsreform zu Beginn des Jahres Erdogan direkt unterstellt.
Debatte über einen »deutschen Islam«
Da scheint es gut gemeint, wenn etwa das Bundesinnenministerium einen »deutschen Islam« beschwört, zumindest, wenn er so verstanden wird: Musliminnen und Muslime sollen in Deutschland Gotteshäuser bauen, islamische Theologie an Universitäten erforschen, Religion in Schulen unterrichten und sich an nationalen Debatten beteiligen. Doch als »Gegenmittel« zum »türkischen Islam« taugt ein »deutscher Islam« nicht, wenn eine nationale Ideologie die andere ersetzt. Religiöse Menschen sollte es bekümmern, dass ihr religiöses Leben überhaupt mit einem nationalen Etikett versehen wird. Denn Nationalismus hat in Religion nichts verloren, wenn sie wirklich Gottes-Dienst und nicht billiges Identitätsetikett sein soll, das für jede politische Agenda instrumentalisiert werden kann.
Ein Land, eine Gesellschaft ist der Kontext einer religiösen Praxis, nicht ihr Inhalt. Es gibt den deutschen Islam ebenso wenig, wie es ein deutsches Christentum gibt. Es gibt Christinnen und Musliminnen in Deutschland, religiöse Menschen, die selbstverständlich das Land prägen. Sie müssen sich wehren, wo ihre Religion zu nationalistischen Zwecken missbraucht wird.
Es bleibt zu wünschen, dass jetzt, wo der Spuk vorbei ist, wieder Ruhe einkehrt in der Moschee in Köln-Ehrenfeld. Damit alle, die in ihr zusammenkommen; sich auf das dort Wesentliche besinnen können, auf Religion. Und das religiöse Bekenntnis lautet: Es gibt keinen Gott außer Gott. Das eint Musliminnen und Muslime auf der ganzen Welt. Es eint sie auch mit Christen und Jüdinnen.
