»Religionen sind wie Cousinen«
Mohammed war letzte Woche in der evangelischen Schlosskirche: »Auf dem Altar lag eine große aufgeschlagene Bibel«, berichtet der 18-Jährige seinen Mitschülern im Religionsunterricht. »Denn die ist für evangelische Christen das Wichtigste. Und dann war da noch so eine Tafel mit Zahlen drauf.« Das sei ein Liedanzeiger, erklärt er den anderen. »In der Moschee wird ja nicht gemeinsam gesungen, deswegen hatte ich so was noch nicht gesehen.«
Projekt soll die Gemeinschaft stärken
Mohammed geht in die elfte Klasse des Beruflichen Gymnasiums an der Theodor-Heuss-Schule in Offenbach und nimmt wie alle seine Mitschüler am gemeinsamen Religionsunterricht teil. Während Schüler anderer Schulen in katholische und evangelische Kinder aufgeteilt werden und nichtchristliche in den Ethikunterricht gehen, bleibt Mohammeds Klasse im Religionsunterricht zusammen. Katholische, evangelische, muslimische und konfessionslose Jugendliche werden hier gemeinsam in Religion unterrichtet. Eine evangelische Schulpfarrerin, ein katholischer Religionslehrer und eine islamische Theologin leiten den Unterricht gemeinsam. »Verschiedenheit achten - Gemeinschaft stärken« heißt dieses interreligiöse Pilotprojekt.
»Zu Beginn der Klassenstufe 11 des Beruflichen Gymnasiums kommen Jugendliche aus den verschiedensten Nationen und damit auch Religionen neu zusammen. Üblicherweise können sie sich dann in evangelischen oder katholischen Religionsunterricht oder den Ethikunterricht einwählen«, erklärt die evangelische Schulpfarrerin Carolin Simon-Winter die Geschichte des ungewöhnlichen Modells. »Das passt aber gar nicht in die Realität unserer Schule.« Denn an der Theodor-Heuss-Schule kommen rund siebzig Prozent der Schülerinnen und Schüler aus Migrantenfamilien, mehr als die Hälfte sind muslimischen Glaubens. »Wir wollten der Trennung entgegentreten, ohne die Unterschiede der Religionen zu verwischen«, ergänzt ihr katholischer Kollege Burkhard Rosskothen.
Selbst entwickeltes Curriculum
Die beiden christlichen Religionslehrer entschlossen sich, die elften Klassen gemeinsam zu unterrichten, und suchten dafür auch eine islamische Theologin. Durch die Vermittlung ihres Schulleiters fanden sie schließlich Gonca Aydin, eine junge muslimische Theologin und Imamin, die auch ein Studium in Religionswissenschaft abgeschlossen hat. »Das war ein echter Glücksfall«, sagt Carolin Simon-Winter.
Seit drei Jahren erteilen die drei nun in allen vier Klassen der Jahrgangsstufe 11 gemeinsam Religionsunterricht. Das Curriculum haben sie selbst entwickelt, es nimmt vor allem das Judentum, das Christentum, den Islam sowie säkulare Weltanschauungen in den Blick. Das entspricht auch den amtlichen Lehrplänen für den Religionsunterricht beider Konfessionen und für den Ethikunterricht. »Gerade in der 11 war es relativ einfach, die Lehrpläne auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen«, sagt Gonca Aydin.
Die Schüler dieser Jahrgangsstufe sind zwischen 16 und 19 Jahren alt - und man hat schnell den Eindruck, dass dabei alle Lebenswelten und Hautfarben vertreten sind, die eine Großstadt wie Offenbach nur hervorbringen kann. Blonde Jungen mit Gel-Frisur sitzen neben verschleierten Muslima, dunkelhäutige Schülerinnen im Minirock neben langhaarigen Deutschen mit Träumerblick und gutgelaunten türkischen Schülern im Achsel-Shirt.
»Das nennt man Kanzel«
Nachdem sich die Klasse zunächst einige Wochen mit dem Judentum befasst hat, steht jetzt das Christentum auf dem Plan. Zur Einstimmung haben sich die Schüler gruppenweise auf den Weg gemacht und unterschiedliche Kirchen in Offenbach besucht, die heute im Unterricht vorgestellt werden. Nachdem Mohammed die evangelische Schlosskirche beschrieben hat, berichtet eine andere Gruppe aus der katholischen Marienkirche: »Die sah so richtig göttlich aus: Hohe Säulen, ganz viel Gold, edle Atmosphäre.« Ein deutscher Schüler sucht nach dem richtigen Begriff: »Da gab es so ein Rednerpult. Wie hieß das noch?« Er pufft seine türkische Nachbarin freundlich in die Seite: »Du kannst dir doch immer alles so gut merken!« - »Das nennt man Kanzel«, sagt das verschleierte Mädchen.
Dilek, eine quirlige Muslima in Jeansjacke und Sportschuhen, stellt die russisch-orthodoxe Kirche vor: »Ich konnte erst gar nicht glauben, dass das eine Kirche ist«, sagt sie. »Denn die war rund, wie eine Moschee! Und das Kreuz war auch anders, es hatte oben und unten noch zusätzliche Querbalken.« - »Kannst du das mal anzeichnen?«, fragt eine Mitschülerin, und so geht Dilek an die Tafel und malt ein orthodoxes Kreuz darauf. »Ich fand die Ikonen dort sehr schön«, sagt sie noch. »Nur diese komischen Kerzen, die haben so seltsam gerochen.« Die evangelische Lehrerin schaltet sich ein und erklärt: »Wir reagieren oft negativ auf Gerüche, die wir nicht kennen. Gläubige, die den Weihrauch gewöhnt sind, bringen ihn mit Gott in Verbindung und lieben seinen Duft.«
Unterschiede der Religionen herausstellen
Verunglimpfende Äußerungen sind in diesem Unterricht verboten. »Wir lassen kein Ranking zu«, erläutert Gonca Aydin die Regeln des interreligiösen Pilotprojekts. »Und wir führen hier keinen Kampf der Kulturen.« - »Aber wir werfen auch nicht alles in eine Suppe«, ergänzt Burkhard Rosskothen. »Ganz bewusst werden auch die Unterschiede herausgestellt. Meinungsunterschiede dürfen bleiben.«
Dass dies weitgehend gelingt, hat auch mit den drei Lehrern zu tun, die freundschaftlich und gleichberechtigt zusammenarbeiten: »Dass wir drei hier zusammen vor der Klasse stehen, ist schon eine Botschaft an sich«, sagt Carolin Simon-Winter. Mit religiösem Fundamentalismus haben sie kaum zu kämpfen, »denn in Offenbach gibt es keine fundamentalistischen Gemeinden«, berichtet Gonca Aydin. In den Klassen träfen sie zwar vereinzelt auf fundamentalistische Schüler. »Aber die verhalten sich meistens still. Wir wissen nicht, was der Unterricht in ihnen bewirkt.«
Nach der 11. Klasse ist das Projekt abgeschlossen, danach müssen die Jugendlichen sich wieder in Religion oder Ethik einwählen. Aydin, Rosskothen und Simon-Winter bedauern das nicht: »Es ist auch wichtig, dass es konfessionellen Religionsunterricht gibt. Dieses eine gemeinsame Jahr hat den Blick bereits deutlich verändert.«
Ein preisgekröntes Modellprojekt
Das bestätigen auch die Jugendlichen selbst. Eine der verschleierten Schülerinnen sagt leise: »Ich habe immer geglaubt, dass meine Religion ganz anders ist als alle anderen. Aber hier erfahre ich, dass sich die Religionen doch ähneln.« Judentum, Christentum und Islam seien eben Verwandte, sagt eine andere, »so wie Cousins und Cousinen«. Mit drei Lehrern aus verschiedenen Religionen zu diskutieren sei zudem viel interessanter, erklärt ein Schüler: »Man lernt definitiv mehr.«
Dass es sich bei dem Offenbacher Pilotprojekt um ein wegweisendes Modell handelt, glaubte auch die Jury, die ihm 2011 den Hildegard-Hamm-Brücher-Preis verliehen hat. Mit diesem Preis werden Initiativen ausgezeichnet, die das Engagement für Demokratie und eine vitale Bürgergesellschaft fördern. Bei der feierlichen Preisverleihung in Tutzing hielt Schulpfarrerin Carolin Simon-Winter die Dankesrede. »Meine Damen und Herren, wir kommen aus Offenbach«, sagte sie. »Wir kommen von der Theodor-Heuss-Schule, der Schule, die oft ein wenig abfällig als ›die Schule mit all den Ausländern‹ betitelt wird.« Und sie fügte hinzu: »Ich hoffe, dass genau dies eines Tages unser Qualitätsmerkmal sein wird.«
