Rente in Gottes Hand
Von einem »Sanierungsfall« und einem »Milliarden-Loch« schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) am Donnerstag vergangener Woche, und sah gar die Zahlungsunfähigkeit einzelner Bistümer am Horizont drohen. Grund der Besorgnis ist die Kirchliche Zusatzversorgungskasse (KZVK) in Köln, die für 1,2 Millionen Arbeitnehmer von Kirche und Caritas die betriebliche Altersversorgung verwaltet. In diese Kasse zahlen die kirchlichen Arbeitgeber 4,8 Prozent des Bruttolohnes ihrer Beschäftigten ein; dafür sollen diese im Alter eine Zusatzrente zur staatlichen Rente bekommen. Träger der Kasse ist der Verband der Diözesen Deutschlands, letztlich haften die deutschen Bistümer für die KZVK.
Wenn man sich nun die Zahlen anschaut, auf die die FAZ sich bezieht, dann versteht man nicht ganz den Alarmismus, mit dem hier die Veröffentlichung begleitet wird: In der vermutlich länger anhaltenden Niedrigzinsphase nach der Finanzkrise mussten viele Pensionskassen und Versicherungen ihre Erwartungen nach unten korrigieren. Genau das hat die KZVK im Jahr 2014 gemacht, was man seit einem halben Jahr im Geschäftsbericht für 2014 nachlesen kann: Der Rechnungszins, der den Prognosen über die Wertentwicklung zu Grunde gelegt wird, wurde von 5,25% auf 3,25% gesenkt: Langfristig wird man mit angelegtem Geld weniger verdienen können. Dabei bewegt sich ein Rechnungszins von 3,25 Prozent noch im Rahmen des derzeit Üblichen. Schon eher könnte man fragen, wie es die Anleger-Fachpresse tut, ob man in Köln früher zu optimistische Erwartungen hatte.
Durch das Senken der Gewinnerwartung sinkt auch die sogenannte Kapitaldeckung, also der Teil der Pensionsansprüche, der mit Kapitalanlagen hinterlegt ist: Im Kölner Fall sinkt er von knapp 95% Kapitaldeckung auf rund 74,4% – oder in Zahlen: Für eine hundertprozentige Kapitaldeckung fehlen noch circa 5,5 Milliarden Euro.
Die protestantischen Pensionskassen wiegeln ab
Das klingt nach viel Geld, einer klaffenden Lücke eben. Diese Optik entsteht aber nur, wenn man die Ansprüche aller Beschäftigten jetzt schon komplett mit Kapital hinterlegen will. Dazu besteht aber keine Not.
Die meisten Betriebskassen oder kommunalen Versorgungskassen sind Mischmodelle: Dort wird ein Kapitalstock gebildet, der einen Teil – aber selten 100 Prozent – der künftigen Forderungen abdeckt; dazu kommt eine Umlagefinanzierung, wie wir sie von der gesetzlichen Rente kennen: Die heutigen Beiträge finanzieren die heutigen Rentner. Ein ökumenischer Vergleich hilft: Von Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) empfiehlt man den protestantischen Pensionskassen eine Kapitaldeckung von 70% der Versichertenansprüche – was man schon als sicheres Polster verstehen darf.
Da man aber bei der KZVK den Anspruch hat, eine kapitalgedeckte Kasse zu sein, will man zügig wieder eine höhere Kapitaldeckung erreichen und hat deswegen eine schrittweise Beitragserhöhung von 4,8% auf 7,1% im Jahr 2024 beschlossen.
Zahlen die Arbeitnehmer künftig mit?
Da macht sich die FAZ traditionsgemäß die Sorgen der Arbeitgeber und sieht das Insolvenzrisiko steigen: »Wie sich diese Erhöhung auf die Wirtschaftlichkeit vor allem der Caritas-Unternehmen auswirkt, ist schwer vorherzusagen.« Aber die FAZ kennt auch eine Lösung: »So wird seit langem darüber diskutiert, ob sich auch die Arbeitnehmer an den Beiträgen für ihre Zusatzversorgung beteiligen sollten, um den finanziellen Druck auf die Arbeitgeber etwas zu mindern.«
Von da weht der Wind, darum die Alarmstimmung! Die Arbeitnehmer möchten doch bitte bei den nächsten Abschlüssen in den Arbeitsrechtlichen Kommissionen, in denen die kirchlichen Löhne ausgehandelt werden, sich bereit erklären, nun auch in die betriebliche Altersvorsorge einzuzahlen. Vermutlich machen die Arbeitnehmervertreter das sogar. Außerdem wünscht sich die FAZ – und ist darin wohl Sprachrohr einiger deutscher Bistumsgrößen – eine Minderung des Einflusses der Arbeitnehmervertreter im Verwaltungsrat der Kasse.
Die katholischen Bischöfe berieten gestern – und schwiegen
Darüber haben die deutschen Bischöfe am Montag beraten – ohne aber schon Ergebnisse zu verraten.
Müssen die Arbeitnehmer sich also in Zukunft an ihrer Betriebsrente beteiligen? Hier weitet ein Blick nach Bayern den Horizont: Dort zahlen Kirche und Caritas für die betriebliche Altersvorsorge nicht in die Kölner KZVK ein, sondern in die Zusatzversorgungskasse der bayerischen Gemeinden, einer Kasse für die Beschäftigten des öffentlichen und kirchlichen Dienstes. Die Beiträge für die Arbeitgeber liegen bei 7,75% des Bruttolohnes; damit scheinen die immer noch konkurrenzfähig zu sein neben den privaten Anbietern.
Man könnte aber auch die derzeitig schwache Lage auf dem Kapitalmarkt für eine grundsätzliche Besinnung nutzen: Als man bei der KZVK zum Jahreswechsel 2001/2002 auf das System der Kapitaldeckung umgestiegen ist, war man nach dem Boom der 1990er Jahre von den Hoffnungen auf den Kapitalmarkt beflügelt, unterstützt von Steuervorteilen für kapitalgedeckte Altersvorsorge. Das lag in den Schröder-Jahren im neoliberalen Trend. Nun kann man sehen, dass die Hoffnungen und Prognosen auf das ewige Kapitalwachstum zu optimistisch waren. Vielleicht wäre jetzt die Zeit, darüber nachzudenken, ob man nicht mit einer Mischung von Umlage- und Kapitaldeckungsmodell langfristig besser fährt.
