Zur mobilen Webseite zurückkehren

Streitfrage
Soll man den strafenden Gott vergessen?

Nein, das verkürzt die Botschaft Jesu, sagt der Theologe Markus Zehetbauer. Die Spannung zwischen Vergebung und Vergeltung darf nicht vorschnell aufgelöst werden.
von Markus Zehetbauer vom 01.03.2021
Artikel vorlesen lassen
Jesus und die Zwölf glaubten an ein baldiges Weltende und Gericht Gottes: Aus Pasolinis Film »Das Evangelium nach Matthäus« (Foto: Photo 12 / Alamy Stock Photo)
Jesus und die Zwölf glaubten an ein baldiges Weltende und Gericht Gottes: Aus Pasolinis Film »Das Evangelium nach Matthäus« (Foto: Photo 12 / Alamy Stock Photo)

In den Kirchen ist derzeit nur noch vom barmherzigen und gütigen Gott die Rede, nichts hört man mehr von Endgericht und Verdammnis. Das klingt erfreulich, doch ist zu fragen, ob Jesus das auch so gesehen hat. Als Kaplan in München habe ich mir diese Frage nicht gestellt. Für meine Predigten bediente ich mich unbekümmert aus den Büchern von Eugen Drewermann. Seine These von der Angst als Wurzel des Bösen faszinierte mich, und seine Forderung, in der Religion auf moralische Urteile zu verzichten, wirkte befreiend. Als ich später als Seelsorger nach Ecuador ging, musste ich erleben, wie Rechtsunsicherheit, Korruption und Ausbeutung eine Gesellschaft belasten: Wer reich war, konnte sich Polizei und Richter kaufen, aber unter den Armen mangelte es oft an Solidarität. Da wurde mir klar, dass die Antwort auf gemeinschaftschädigendes Verhalten nicht die Verkündigung eines Gottes sein kann, der allen alles verzeiht. Die Gerichtspredigt Jesu wurde mir immer wichtiger und damit auch die Frage, wie Jesus selbst in seiner Botschaft den Widerspruch zwischen Vergebung und Vergeltung aufgelöst hat. Zurück in Deutschland wollte ich dieser Frage nachgehen, musste aber feststellen, dass es in der Theologie schon an der Wahrnehmung des Widerspruchs mangelte. Barmherzigkeit ist nicht einfach die größere Gerechtigkeit. Und eine Gerechtigkeit, die der Barmherzigkeit widerspricht, ist keinesfalls eine »Pseudogerechtigkeit«, wie Kardinal Walter Kaspar meint. Die Rechtsphilosophie weiß es besser. Gustav Radbruch, der Justizminister der Weimarer Republik, hat es einmal auf den Punkt gebracht: »Wie das Wunder die Gesetze der physischen Welt durchbricht, so ist die Gnade das gesetzlose Wunder innerhalb der juristischen Welt.« Gnade ist die Ausnahme von der Regel und bedeutet Rechtsverzicht, weshalb das »Gnadenrecht« auch kein Recht auf Gnade ist, sondern nur regelt, wer rechtswirksam gnädig sein darf. Das ist immer nur der Souverän, und der schuldet in der Ausübung dieses Rechts niemandem Rechenschaft. So sagt JHWH: »Ich bin gnädig, wem ich gnädig bin, und ich bin barmherzig, wem ich barmherzig bin« (Exodus 33,19). Nun ist JHWH aber nach den Zeugnissen der Bibel in erster Linie für die ausgleichende Gerechtigkeit zuständig, er »vergilt jedem Menschen, wie sein Tun es verdient« (Sprüche 24,12; Jesaja 59,18). Die Propheten bestätigen diesen Zusammenhang und deuten Exil, Seuchen und Niederlagen stets als göttliche Strafen für Gesetzesbruch.

  Gedruckt + Digital  
  Digital  

Hören Sie diesen Artikel weiter mit P F plus:

4 Wochen freier Zugang zu allen P F plus Artikeln inklusive ihh Payper.

Jetzt für 1,00 Euro testen!

Schlagwörter: Jesus Vergebung
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0