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Und der Mensch schuf das Netz

Aber muss er sich deshalb gleich von ihm vereinnahmen lassen? Johanna Haberer, Theologin und Publizistin, schreibt über die Versuchungen des Ichs in der digitalen Welt. Die Titelgeschichte im neuen Publik-Forum
von Johanna Haberer vom 10.04.2015
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Und der Mensch schuf das Netz: Aber muss er sich deshalb gleich von ihm vereinnahmen lassen? (Foto: pa/AKG-images/mod.)
Und der Mensch schuf das Netz: Aber muss er sich deshalb gleich von ihm vereinnahmen lassen? (Foto: pa/AKG-images/mod.)

Vier Mal in der Menschheitsgeschichte hat sich unser Leben durch Erfindungen oder – vielleicht besser – Entdeckungen grundlegend kulturell verändert. Und alle diese Veränderungen hatten mit Kommunikationsmitteln zu tun – mit Medien. Als wir das Sprechen lernten, lernten wir zu lügen. Als wir das Schreiben lernten, lernten wir zu planen. Mit dem Buchdruck lernten wir das Kritisieren. Und mit dem Internet lernen wir heute, uns miteinander zu vernetzen. Wir überwinden medial Raum und Zeit, die Grenzen der Länder und des Leibes. Wir lernen neue Sprachen und neue Worte, wir leben in neuen Horizonten und in einem neuen Takt. Wir denken neu, wir arbeiten neu, wir lernen anders, wir begegnen uns anders.

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Wie schief historische Vergleiche auch immer sein mögen: Es liegt nahe, die umwälzende Ära der Erfindung des Buchdrucks im Zeitalter der Reformation mit der Entdeckung des weltweiten Netzes zu vergleichen. Und ebenso die Performance eines Martin Luther – der sich allein gegen alle Mächtigen mit seiner Wahrheit über den Verrat seiner Kirche an ihrem Auftrag in die Öffentlichkeit begab – mit der eines Edward Snowden, der zwar nicht das Seelenheil, aber unsere Privatsphäre vor der »heiligen Kirche Google« oder dem amerikanischen Geheimdienst retten will.

Es gilt als historisch ausgemacht, dass erst die Technik des Buchdrucks die Reformation ermöglichte. Martin Luther wurde auch nicht müde, diese Erfindung als »Gottes Werk« zur Verbreitung des wahren Evangeliums zu loben. Tatsächlich aber war es eine theologische Idee, die dem Buchdruck zur Blüte verhalf. Bereits seit 1450 war die Technik des Druckens mit beweglichen Lettern bekannt. Die lutherische Idee des »Priestertums aller Getauften« jedoch trieb diese neue Technologie siebzig Jahre später in ihre kulturumstürzende Blüte. Wohlgemerkt: Nicht die Technik trieb die Reformation, sondern der neue Gedanke der Befähigung und Beteiligung aller Christen an der Suche nach dem Heil und der Wahrheit Gottes.

Wir befinden uns heute mitten in einer ähnlichen kulturellen Revolution. Dabei geht es letztlich um Fragen des Überlebens der Menschengemeinschaft und um eine neue digitale Zivilisation. Ähnlich wie in der Reformationszeit können wir Phänomene beobachten, die einerseits bewusstseinserweiternd und befreiend sind, zugleich aber auch gefährdend auf die Kommunikationskultur wirken können: die Globalisierung der Kommunikation, die Transparenz unserer Beziehungen und die Prognostik über unser künftiges Verhalten.

Wer darf unsere Geheimnisse kennen?

Alle diese Phänomene, die das Leben in den vergangenen Jahren radikal verändert haben, bedürfen einer theologischen Reflexion, einer kirchlichen Begleitung und einer spirituellen Durchdringung. Denn die Art, wie wir miteinander kommunizieren, ist ein zutiefst theologisches Thema: Es geht um Macht und Beteiligung, um Kritik und Freiheit, um Deutungsherrschaft und die Gefahr der Manipulation unserer Gedanken; es geht um unsere intimsten Geheimnisse und die Frage, wer sie kennen darf. Und es geht um unser Menschenrecht zu wissen, was andere über uns wissen (...).

Die Zehn Gebote für die digitale Welt

Nichts ins verführerischer als das Netz. Denn die Vorteile blitzschneller Informationszugänge liegen offen zu Tage. Die Gefahren aber schlummern in der Abhängigkeit von einer neuen Wissenselite, die wie eine Priesterkaste Programmierungen gestaltet und verwaltet und damit viel mehr über uns weiß als wir selbst. Deshalb braucht es neue Gebote für diese neue Herausforderung:

1. Du brauchst dich nicht vereinnahmen zu lassen!

2. Du sollst keine Unwahrheiten verbreiten!

3. Du darfst den netzfreien Tag heiligen!

4. Du musst ein Datentestament machen!

5. Du sollst nicht töten!

6. Du brauchst keine schwachen Beziehungen eingehen!

7. Du sollst nicht illegal downloaden!

8. Du darfst nicht digitalen Rufmord betreiben!

9. Du hast Verantwortung für persönliche Daten anderer!

10. Du gestaltest die Gesellschaft, wenn du dich im Netz bewegst! (...)

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Personalaudioinformationstext:   Johanna Haberer, geboren 1956, ist evangelische Theologin, Professorin für christliche Publizistik in Erlangen und Mitherausgeberin von Publik-Forum. Ihr Essay erscheint in der heutigen Ausgabe von Publik-Forum. Sie können Ihnen aber hier auch vollständig online lesen.
Johanna Haberers Buch »Digitale Theologie. Gott und die Medienrevolution der Gegenwart« ist im Publik-Forum-Shop erhältlich; Best.-Nr. 1544.
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