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Vom Berner Wunder zum »Kader unser«

Heute bestreitet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr erstes WM-Spiel gegen Portugal. Millionen Deutsche fiebern mit. Für viele ist Fußball weit mehr als nur ein Spiel. Der Sport inszeniert sich wie eine weltweite Pop-Religion, manchmal auf lustvoll-spielerische Weise, manchmal aber auch geschmacklos
von Lutz Lemhöfer vom 16.06.2014
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Für Fans geht es beim Fußball immer "ums Ganze": Spielertrikots werden behandelt wie Reliquien, bei einem  unerwarteten Sieg reden alle gleich von einem "Wunder". Der Fußballsport kommt der Religion manchmal ganz schön nahe  (Foto: Paul Prescott/Fotolia)
Für Fans geht es beim Fußball immer "ums Ganze": Spielertrikots werden behandelt wie Reliquien, bei einem unerwarteten Sieg reden alle gleich von einem "Wunder". Der Fußballsport kommt der Religion manchmal ganz schön nahe (Foto: Paul Prescott/Fotolia)

Wunder, so weiß es der katholische Volksglaube, können herbeigebetet werden. Das dachte sich im Mai dieses Jahres wohl auch der evangelische Pastor Patrick Klein von der Hamburger St.-Jacobi-Kirche. Gegen den drohenden erstmaligen Abstieg des Hamburger Sportvereins (HSV) aus der Ersten Fußball-Bundesliga formulierte er fürs Privatradio ein »Kader-unser«-Gebet zum »Fußball-Vater im Himmel«. Beschworen wurde darin das Schicksal des Bundesliga-Dinos: »Geheiligt werde deine Erstklassigkeit« – erfolgreich, wie wir inzwischen wissen. Der Fußballgott ist offenbar gnädig gegenüber grober Geschmacklosigkeit.

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Über den konkreten Anlass hinaus ist diese grenzwertige Morgenandacht ein Beleg dafür, wie unerwartet nahe sich Sport und Religion bisweilen kommen. Neu ist das freilich nicht, wie ein kleiner Rückblick auf ein anderes fußballerisches Wunder vor sechzig Jahren beweist. Damals, 1954 in der Schweiz, wurde eine Fußballweltmeisterschaft zu einer Art Erweckungserlebnis für die Deutschen: das »Wunder von Bern«.

Die Metapher des Wunders war urplötzlich in aller Munde. Schon frühe Siege des Außenseiters Deutschland während des Turniers wurden so bezeichnet: Das »Wunder von Genf« (2 : 0 gegen Jugoslawien) und das »Wunder von Basel« (6 : 1 gegen Österreich) gingen dem ultimativen »Wunder von Bern« (3 : 2 im Endspiel gegen Ungarn) voraus, sodass der Sporthistoriker Arthur Heinrich in seinem Buch »3 : 2 für Deutschland« spöttisch notierte: »Wunder über Wunder waren über das Land gekommen, in einer selbst der christlichen Heilslehre unbekannten Häufung.«

»Toor! Toor! Toor! Tor für Deutschland«

Noch heute kann man beim Hineinhören in die alte Rundfunkreportage von Herbert Zimmermann das faszinierende, zugleich erschreckende und erhebende Geheimnis spüren, das nach dem Religionswissenschaftler Rudolf Otto die Erfahrung des Heiligen ausmacht (»mysterium tremendum, fascinosum et augustum«); zwischen dem Abgrund der drohenden Niederlage zu Beginn bis zum Triumph-Ruf des »Toor! Toor! Toor! Tor für Deutschland« am Schluss, durchaus himmlischen Mächten geschuldet (»Toni, du bist ein Fußballgott!«).

Was damals schon in den Anfängen zu beobachten war, gilt heute umso mehr: Die Selbstinszenierung des Fußballs hat religiöse Züge. Erinnert sei an die nahezu liturgischen Rituale beim Einlaufen (»Introitus«) der Mannschaften, bei dem die eigene Mannschaft in elffachem Antwortgesang (»Responsorium«) begrüßt wird: Vorbeter: »Mit der Nummer eins unser Manuel« – Gemeinde: »Neuer«! Die Vereinshymne von Borussia Dortmund wird auf die Melodie des alten Spirituals »Amazing Grace« gesungen und beerbt auch inhaltlich das Genre des religiösen Hymnus: »Leuchte auf, mein Stern Borussia! Leuchte auf, zeig mir den Weg! Ganz egal, wohin er uns auch führt, ich will immer bei dir sein.«

Glücklich ist, wer Reliquien ergattert wie die in triumphaler Geste in die Zuschauermenge geworfenen Spielertrikots. Die Fanshops, in denen man die entsprechenden Devotionalien kaufen kann (Schals, Mützen, Trikots mit Spielernamen), tragen wesentlich zur Finanzierung des Sportbetriebs bei und dürften den vergleichbaren Umsatz an katholischen Wallfahrtsorten mittlerweile übertreffen.

Zehn Gebote des Kölner Fanclubs »Tora et labora«

Dass man auch Aufnäher kaufen kann, auf denen es explizit heißt: »St. Pauli ist eine Religion« (so gesehen im Stadion am Millerntor in Hamburg), passt ins Bild: Ein Bekenntnis braucht der Mensch, der Gegenstand kann wechseln. Und Wortspiele wie das »Kader unser« (»der Anpfiff komme, die Tore geschehen, wie zu Hause so auch auswärts«) oder die zehn Gebote des Kölner Fanclubs »Tora et labora« (»Du sollst nicht begehren deines Nächsten Spieler, Stadion, Trainer«) werden heutzutage kaum als blasphemisch wahrgenommen, sondern als Teil der lustvoll-spielerischen Inszenierung einer Pop-Religion.

Vielleicht hat ja der israelische Historiker und HSV-Fan Moshe Zimmermann recht, der unlängst auf einer Tagung der Schwaben-Akademie Irsee konstatierte: »Fußball ist eine Weltreligion, die sich in die Konfessionen von einzelnen Klubs ausdifferenziert.« Und diese Weltreligion feiert jetzt ihren nächsten »Weltjugendtag«: die Weltmeisterschaft in Brasilien.

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Schlagwörter: Fußball Religion
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