Was ist heilig?
Heilig? Geht es nicht ein paar Nummern kleiner? Ratlos stehen viele Christen heute vor einem theologischen Großraumbegriff und kommen sich vor wie Besucher beim Betrachten einer mittelalterlichen Burgruine. Schön und erhaben, aber aus der Zeit gefallen. Heilige Orte? Klingt verdächtig nach Wohnstätten religiöser Eiferer und Schauplätzen ständiger Gewalt. Man denke nur an Jerusalem oder das indische Ayodhya, wo es immer wieder zu Gewaltexzessen zwischen Hindus und Muslimen kommt. Heilige Zeiten, die den Alltag unterbrechen und die Stimmung verändern? Vielleicht eine Fußballweltmeisterschaft. Heilige Menschen? Zu Lebzeiten schwer identifizierbar. Zudem ideologieverdächtig. Wenn sie selbst das Attribut für sich in Anspruch nehmen, besteht akuter Verdacht auf Machtmissbrauch. Wenn es ihnen vom Urteil der Masse verliehen wird, stellt sich die Frage nach den Kriterien. Was einer Epoche als besonders heroisch, tugendhaft und »heiligmäßig« vorkommt, kann von einer anderen möglicherweise nicht mehr nachvollzogen werden. Freilich: die katholische Kirche beansprucht immer noch, »Heiligkeit« nach festen Regeln in einem geordneten Verfahren feststellen zu können. Aber schon das zur Heiligsprechung notwendige Wunder, das auf die Fürsprache der jeweiligen Person zurückgehen soll, verrät magisches Denken. Und wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass Päpste – statistisch gesehen – die größte Chance haben, heiliggesprochen zu werden, Mütter und Ehefrauen dagegen die geringste. Diese Art, Heilige zu »erkennen« oder vorzustellen, dient wohl eher der Selbstsakralisierung der Institution Kirche, gerade in Zeiten des Bedeutungsverlustes. Im Übrigen wäre zu fragen, ob das Wort »Vorbild« nicht angemessener ist.
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Zum Weiterlesen: Hans Joas: »Die Macht des Heiligen« (Suhrkamp, Berlin 2017); Thomas Schreijäck, Vladislav Serikov (Hg.): »Das Heilige interkulturell« (Grunewald, Stuttgart 2017) und »Evolve. Magazin für Bewusstsein und Kultur« (18/2018)

