Wie klärt die EKD den Missbrauch auf?
Publik-Forum: Lange Zeit hieß es, sexueller Missbrauch sei vor allem ein Problem der katholischen Kirche. Nun hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nach anfänglichem Zögern die zentrale Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in ihren Einrichtungen beschlossen. Woher kommt dieser Umschwung?
Christine Bergmann: Umschwung ist vielleicht ein bisschen zu gewaltig gesagt, aber man nimmt das Thema sehr viel ernster.
Wie kam das?
Bergmann: Wichtig war das Hearing mit der katholischen und der evangelischen Kirche im Juni dieses Jahres, das unsere Kommission organisiert hat. Da haben Betroffene öffentlich über ihre Erfahrungen berichtet. Das war schmerzhaft für beide Kirchen. Die Betroffenen haben die Kritik am Umgang mit ihnen sowohl in der Zeit des Missbrauchs als auch später geäußert. Da ist auch in der evangelischen Kirche so manches schlecht gelaufen. Seitdem hat sich eine Menge getan. Nun liegen konkrete Maßnahmen auf dem Tisch – und wir werden das kritisch begleiten.
Was ist konkret von der EKD beschlossen worden?
Bergmann: Zwei Studien werden in Auftrag gegeben. Eine soll sich mit den begünstigenden Faktoren des Missbrauchs beschäftigen. Eine zweite wird die Zahl der Fälle erfassen und das Dunkelfeld ausleuchten. Es soll auch eine unabhängige zentrale Ansprechstelle eingerichtet werden. Das halte ich für sehr wichtig, weil viele Opfer sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht in ihrer Landeskirche melden wollen. Wichtig ist, dass sie an der Studie beteiligt werden. Betroffene dürfen nicht als Bittsteller behandelt werden.
Gibt es für die Studien Vorbilder?
Bergmann: Ausgangspunkt war die große Studie, die von der katholischen Bischofskonferenz in Auftrag gegeben wurde. Sie förderte erschreckende Zahlen zutage: 3700 Missbrauchs-Fälle, 1600 Priester, die zu Tätern geworden waren. Deshalb hat die Unabhängige Kommission der evangelischen Kirche empfohlen, auch eine solche Studie in Auftrag zu geben. Bisher sind – eher zufällig – 480 Fälle bekannt geworden.
Repräsentanten der EKD haben gesagt, die Situation in der evangelischen sei mit der in der katholischen Kirche nicht vergleichbar. Sehen Sie das auch so?
Bergmann: Ich möchte das nicht vergleichen und halte es lieber mit Brecht: »Mögen die anderen von ihrer Schande reden, ich rede von meiner.« Natürlich gibt es Unterschiede in den Strukturen, das wissen wir doch. Die evangelische Kirche hat kein Zölibat und auch nicht so einen starken Klerikalismus. Aber wir wissen schon seit 2010/2011, dass es auch in der evangelischen Kirche genug aufzuarbeiten gibt.
Gibt es typisch evangelische Muster?
Bergmann: Nein. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen beiden Kirchen: Leugnen, Vertuschen, Intransparenz. Missbrauch ist in der evangelischen Kirche häufiger bei Freizeiten oder bei Konfirmandenunterricht passiert. Die Opfer sind älter.
Was ist in der evangelischen Kirche bislang an Aufklärung passiert?
Bergmann: Es ist nur punktuell aufgearbeitet worden. Ich kenne nur den Aufarbeitungsbericht der Nordkirchen, der wirklich sehr gründlich ist.
Was erhoffen Sie sich jetzt?
Bergmann: Alle Punkte, die die Betroffenen gefordert haben, wurden von der EKD aufgegriffen. Ich hoffe, dass die Opfer besser unterstützt werden, bei der Finanzierung von Therapien etwa. Es ist wichtig, dass das jetzt EKD-weit koordiniert wird.
