Eine Dienstpflicht für alle?
»Klar: Die Debatte ist unausgegoren und juristisch unreflektiert. Dennoch ist sie wichtig. Denn: Eine allgemeine Dienstpflicht könnte dem immer weiteren Auseinanderdriften der Gesellschaft entgegenwirken. Die wachsende Ungleichheit teilt die Menschen immer stärker in Gewinner und Verlierer, die aneinander vorbeileben: hier die Reichen, dort die Mittelschicht, da die Ärmeren. Die an sich positive Vielfalt der deutschen Gesellschaft verengt sich zu Parallelgesellschaften. Die Menschen leben nicht miteinander. Viele kennen die Lebenswirklichkeit der anderen nicht. Nie war der Abstand zwischen Kindern aus gut situierten und weniger gut situierten Familien größer als heute. Das ergab eine Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung. Die (a)sozialen Medien verstärken diese Trennung. Viele User kommunizieren vor allem mit ihresgleichen und lassen sich die eigene Meinung bestätigen, ohne je eine andere wahrzunehmen. Eine allgemeine Dienstpflicht, die alle jungen Leute wahlweise in sozialen, ökologischen, zivilgesellschaftlichen Projekten oder bei der Bundeswehr ableisten, könnte sie mit anderen aus den verschiedensten Milieus, Kulturen und Religionen in Kontakt bringen. So wachsen Verständnis und Solidarität. Vor Jahrzehnten erzählten mir Klassenkameraden, dass ihr Wehrdienst wenigstens einen Vorteil hatte: nämlich Gleichaltrige aus Schichten zu treffen, denen man sonst nicht begegnet wäre. Gleichzeitig wäre bei der Einführung der Wehrpflicht die deutsche Militärpolitik wieder Thema in der Gesellschaft. Und zum Zwang: Wer auf Freiwilligkeit setzt, erreicht nur eine kleine, oft schon engagierte Minderheit. Ich selbst habe Zivildienst mit sozial benachteiligten Jugendlichen geleistet. Das hat mir persönlich sehr viel gebracht. Und den Jugendlichen auch, sagen sie noch heute. Freiwillig hätte ich es aber nicht gemacht.«
Andrea Teupke: »Nein! Bitte keinen neuen Zwangsdienst«
»Alle paar Monate fordert irgendjemand eine allgemeine Dienstpflicht für junge Menschen. Männer blicken dann gerne auf ihren Wehr- oder Zivildienst zurück – Tenor: »Hat mir gutgetan« – während es häufig Frauen sind, die dieser etwas romantischen Sicht der Dinge widersprechen; so zuletzt die evangelische Theologin Margot Käßmann. Sie erinnern daran, dass einer solchen Idee das Grundgesetz im Weg steht. Und daran, dass der Zwang nicht nur positive Auswirkungen hatte: In meiner Erinnerung gab es genug Wehrpflichtige, die während ihrer Dienstzeit vor allem Kettenrauchen und merkwürdige Trinkspiele gelernt haben und verzweifelt die Tage bis zur Entlassung zählten. Dagegen waren die »Zivis«, die heute so schmerzlich vermisst werden, auch innerhalb ihrer Generation eine idealistische Minderheit. Zahlenmäßig dürfte der Anteil an politisch wachen und engagierten jungen Menschen heute kaum geringer sein als damals: Sie leisten Freiwilligendienste, demonstrieren im Hambacher Forst, betreuen Flüchtlinge oder engagieren sich in der Antifa.
Es ist zynisch, die Lücken in der Pflege oder Kinderbetreuung durch Zwangsverpflichtete stopfen zu wollen – und verrät viel über die Geringschätzung, die diesen Tätigkeiten entgegengebracht wird. Gleichzeitig dokumentiert es wenig Einsicht in die Unterschiedlichkeit und Fragmentierung heutiger Lebensläufe. Wie ein Cartoonist spöttisch anmerkte: Soll das Pflichtjahr vor oder nach den neun unbezahlten Praktika absolviert werden?
Nein, wer Gemeinsinn fördern will, muss das konsequent und in allen Lebensbereichen tun: Nichts spricht dagegen, endlich die gemeinsame Schule für alle einzuführen, statt Schulkinder schon frühzeitig aufzuteilen. Alles spricht dafür, Berufstätigen, die sich sozial engagieren wollen, ein Recht auf Freistellung vom Arbeitsplatz einzuräumen. Aber bitte keinen neuen Zwangsdienst!«
Andrea Teupke (@Andrea Teupke), geboren 1963, leitet bei Publik-Forum das Ressort Leben&Kultur.
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