Facebook den Rücken kehren?
»Nach rund neun Jahren habe ich am 27. März 2018 mein Facebook-Profil gelöscht. Ich kann Facebook nicht mehr das nötige Mindestmaß an Vertrauen entgegenbringen. Bei der Nutzung von Facebook werden besonders viele persönliche Daten erhoben. Das müsste eigentlich zur Konsequenz haben, dass das Unternehmen noch stärker auf den Datenschutz achtet als andere. Das Gegenteil ist aber der Fall. Facebooks Daten werden genutzt, um gezielt Wählerinnen und Wähler zu beeinflussen. Das geht weit über gezielte Platzierung von Werbung hinaus und überschreitet die Grenze zur Manipulation.
Das Internet hat das Potenzial, sehr viel zur Freiheit des Einzelnen beizutragen: Es verbindet Menschen, die sich sonst nie begegnet wären, es schafft einen Zugang zu einer Vielzahl von Informationen, ermöglicht gemeinsame politische Aktion und stellt eine Vielzahl von sehr praktischen Dienstleistungen zur Verfügung. Das Geschäftsmodell von Facebook birgt die ganz reale Gefahr des Gegenteils: Es werden Informationen in einem Umfang über Privatestes gesammelt, von dem Geheimdienste früher nur träumen konnten.
Nicht überzeugend finde ich daher die Reaktion von Facebook auf die Debatte: Zunächst den Missbrauch verschweigen, dann ankündigen, datenschutzfreundlichere Voreinstellungen vorzunehmen. Ende Mai tritt die Datenschutzgrundverordnung in Kraft, und die verlangt das sowieso.
Oft heißt es: Politikerinnen und Politiker müssen auf Facebook aktiv sein, wenn sie mit ihren Wählerinnen und Wählern im Kontakt bleiben wollen. Meine Einschätzung: Es ist immer eine persönliche Entscheidung. Ich bleibe auch ohne Facebook im Gespräch: Beispielsweise auf Twitter und in der realen Welt. Ich vermisse Facebook nicht.«
Juliane Leopold: »Nein, ich bleibe!«
»Weil Facebook viele gravierende Fehler gemacht hat, fällt es mir schwer, das Netzwerk zu verteidigen. Dennoch bleibe ich drin. Denn Facebook ist das Telefonbuch unserer Zeit. Wer nicht vorkommt, ist schlechter zu erreichen, selbst wenn er sich selbst gar nicht aktiv im Netzwerk äußert. Für meine Arbeit als Journalistin bleibt Facebook ein notwendiges Übel. Ich nutze es zum Recherchieren, finde dort Personen, Gruppen, Informationen, bekomme mit, was andere schreiben und tun, worüber gerade diskutiert wird. Deswegen liegt ein Ausstieg für mich nicht nahe.
Natürlich finde ich es verwerflich, dass Facebook Daten an Cambridge Analytica weitergegeben hat. Doch der Skandal wird nicht viel ändern. Nur zwei Prozent der Deutschen sagten in einer Umfrage Anfang April 2018, dass sie Facebook nicht mehr nutzen wollten. Ich entscheide also pragmatisch – und bleibe auch.
Meinen Unmut überdecke ich mit dem Nutzen, den mir der sogenannte Netzwerkeffekt bringt: Je mehr Teilnehmer ein Netzwerk hat, desto attraktiver ist es. Menschen sind soziale Tiere. Sie beobachten einander. Der größte Anreiz, nicht aus einem Netzwerk auszusteigen, liegt darin, dass es die anderen auch nicht tun.
Gestehen wir uns ein: Die Folgen des Cambridge-Analytica-Skandals kommen bei den meisten Usern gar nicht an. Schon 2013 enthüllte Edward Snowden die Spionage des US-Geheimdienstes NSA, bei der auch Daten aus sozialen Netzwerken wie Facebook abgezapft wurden. Auch das ließ die meisten kalt. Dem Netzwerk hat dieser Skandal leider nicht geschadet. Im Gegenteil: 2017 gehörten die drei beliebtesten Social-Networking-Anwendungen der Deutschen zu Mark Zuckerbergs Familie: Facebook, Instagram und WhatsApp.«
Die Grünen an.
Juliane Leopold (@julianeleopold), geboren 1983, ist Journalistin in Hamburg. Außerdem berät sie Medien in Fragen ihrer digitalen Strategie.
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