Führerschein-Check für Senioren?
»Ein verbindlicher Führerschein-Check für Senioren ist sinnvoll und notwendig. Die subjektive Einschätzung »Ich bin ein guter Autofahrer mit viel Erfahrung« und die Realität im Alter, wenn Sehvermögen und Reaktionsschnelligkeit nachlassen, können weit auseinanderliegen. Der Check sollte zudem verbindlich sein, denn alles, was nicht vorgeschrieben ist, wird wenig ernst genommen.
Als Gründerin des Unfall-Opfer-Vereins subvenio habe ich Kontakt zu vielen Unfallopfern – auch zu solchen von Verkehrsunfällen. Und ich weiß, wie groß das Leid der Beteiligten und ihrer Angehörigen ist. Aber auch die Unfallverursacher leiden darunter, dass sie einen anderen Menschen verletzt, vielleicht sogar getötet haben.
Ein jährlicher Fahrtauglichkeitscheck für alle ab einem Alter von sechzig Jahren ist ein maßgeblicher Schritt, um die Zahl der von Senioren verursachten Unfälle zu senken. Er sollte auf einer medizinischen Untersuchung basieren und müsste der Führerscheinstelle vorgelegt werden – aus Datenschutzgründen natürlich ohne Diagnosen. Der untersuchende Arzt müsste auch aufklären, welche Auswirkungen Medikamente, die der Senior oder die Seniorin nimmt, auf die Fahrtauglichkeit haben.
Es ärgert mich, wenn in unserer Autofahrernation immer so getan wird, als wäre Autofahren ein Grundrecht des Bürgers. Nein. Der Gesetzgeber hat das Autofahren unter den Vorbehalt der Fahrerlaubnis gestellt – die er auch wieder entziehen kann. Wichtiger als das individuelle Recht auf Autofahren ist doch der Schutz vor körperlicher Unversehrtheit des Lebens! Doch Tauglichkeitsprüfungen sollten nicht auf Senioren beschränkt werden. Um den Straßenverkehr sicherer zu machen, wäre ein Fahrsicherheitstraining für alle Verkehrsteilnehmer alle zwei Jahre notwendig und sinnvoll.«
Kirsten Lühmann: »Nein! Senioren sind kein Sonderrisiko«
»Knapp 3300 Tote gab es im vergangenen Jahr auf deutschen Straßen. Jeder Mensch, der im Straßenverkehr zu Schaden kommt, ist einer zu viel. Ein Teil der Unfälle passiert, weil die Person am Steuer nicht ausreichend in der Lage ist, das Fahrzeug zuverlässig und sicher zu führen.
Doch wie passen Senioren hier ins Bild? Sind sie ein Sonderrisiko, das laufend überwacht werden muss? Die meisten verfügbaren Daten sprechen dagegen! Ihr prozentualer Anteil an selbstverschuldeten Pkw-Unfällen liegt unter ihrem Anteil an den Verkehrsteilnehmenden insgesamt. Einer abnehmenden körperlichen Leistungsfähigkeit stehen meist große Fahrerfahrung und ein den eigenen Fähigkeiten angepasstes Fahrverhalten gegenüber. Eine massenhafte, pauschalisierte Prüfung allein aufgrund des Alters kann kaum die individuellen Fahrfähigkeiten erfassen. Ungerechtfertigte Entscheidungen zulasten älterer Menschen wären so vorprogrammiert. Auch der Verkehrsgerichtstag in Goslar hat sich kürzlich gegen obligatorische Tests für Ältere ausgesprochen. Deutlich empfohlen wurde hingegen eine Stärkung der Polizei in der Verkehrsunfallprävention.
Eines ist bei alledem klar: Unabhängig vom Alter haben Feedback-Fahrten in Simulatoren einen großen Nutzen, da so die eigenen Fähigkeiten überprüft werden können, ohne dass es bei einem Fehler gleich zu einem Unfall kommt. Dies kann wichtige Hinweise für die Anpassung des eigenen Fahrverhaltens geben. Hilfreich sind auch freiwillige Gesundheitschecks zur Fahrtauglichkeit. Künftig sollten diese bei den Krankenkassen als eigenständige Leistung abgerechnet werden können, da sie ein aktiver Gesundheitsschutz sind. Insgesamt gilt: auf Eigenverantwortung bauen, Verkehrssicherheitsprogramme stärken, Vorverurteilungen Älterer vermeiden.«
Kirsten Lühmann, geboren 1964, ist verkehrspolitische Sprecherin der SPD im Bundestag.
