Shoppen am Sonntag?
Eines vorweg: Niemand will den Sonntag zum normalen Einkaufstag machen. Aber der Einzelhandel muss die Möglichkeit zur gelegentlichen Ladenöffnung am Sonntag haben. Es geht um eine Frage des fairen Wettbewerbs. Schließlich hat der Online-Handel 24 Stunden an sieben Tagen die Woche geöffnet. Dann sollten die Händler in den Innenstädten doch wenigstens die Chance bekommen, an ein paar Sonntagen im Jahr ihre Kunden mit Events und Sonderaktionen zu begeistern.
Das Einkaufserlebnis ist das stärkste Pfund des stationären Händlers. Wer den Händlern die Chance nimmt, mit diesem Pfund zu wuchern, sorgt dafür, dass die Kunden noch mehr online einkaufen. Die Folge einer Totalverweigerung von Sonntagsöffnungen wären in einigen Jahren immer mehr Leerstände in den Innenstädten, die wir doch alle zum Flanieren und Bummeln so schätzen.
Den Kirchen kommt der Handel mit seinen Sonntagsaktionen weitgehend entgegen. So öffnen die Geschäfte erst nach der Gottesdienstzeit, um 13 Uhr. Der Handel sucht in keiner Weise den Konflikt mit den Kirchen – die Händler brauchen schlicht die Möglichkeit für gelegentliche Sonderaktionen am Sonntag.
Reflexartig plädieren die Gewerkschaften dafür, dass die Mitarbeiter im Handel an jedem Sonntag frei haben sollten – wohl wissend, dass es für die Gastronomie, Schichtarbeiter am Fließband oder im Gesundheitssektor längst selbstverständlich ist, auch am siebten Tag der Woche zu arbeiten. Die Angestellten verdienen dabei, dank der Tarifverträge, gutes Geld. Und niemand arbeitet an sieben Tagen in der Woche. Dafür sorgen schon die Arbeitsschutzgesetze, Tarifverträge und betrieblichen Regelungen, die für die betroffenen Mitarbeiter Ersatzruhetage vorsehen.
Philip Büttner: Nein, lieber Herz statt Kommerz
In der Auseinandersetzung um verkaufsoffene Sonntage geht es nicht mehr nur um einzelne Sonntagsöffnungen. Es geht um den verfassungsrechtlichen Status des arbeitsfreien Sonntags. Mehrere Initiativen des Einzelhandels versuchen derzeit, die Hürden des Grundgesetzes für Sonntagsarbeit aus dem Weg zu räumen. Der radikale Vorstoß mehrerer Warenhäuser unter dem Titel »Selbstbestimmter Sonntag« will gleich alle 52 Sonntage zu Shopping-Sonntagen machen. Die FDP hat diese Forderung in ihr Wahlprogramm zur Bundestagswahl aufgenommen.
Bis jetzt gilt: Es gibt kein Recht auf Sonntagsshopping. Sonntagsöffnungen dürfen nur ausnahmsweise aufgrund eines besonderen Anlasses und öffentlichen Interesses stattfinden. Da Verkaufsevents aber naturgemäß kommerziell sind, wurden in den letzten Jahren Hunderte von ihnen untersagt. Handelsverbände sehen darin eine »Rechtsunsicherheit«. Tatsächlich ist es aber nur eine konsequente Anwendung geltenden Rechts.
Was wäre, wenn der Sonntag zum generellen Einkaufstag würde? Der öffentliche Charakter dieses Tages würde sich spürbar verändern. Viele andere Branchen könnten mit ähnlichen Argumenten Sonntagsarbeit für sich einfordern. Viele Kunden, die der Handel gern sonntags in die Geschäfte locken möchte, müssten sonntags vielleicht bald selbst arbeiten. Und auch Amazon und Co, in deren Lagern heute noch Sonntagsruhe herrscht, könnten ihre Waren sonntags ausliefern. Wo wäre der Gewinn für den stationären Handel?
Sechs Werktage sind genug! Es ist an der Zeit, sich für das Kulturgut Sonntag stark zu machen, einen Tag, an dem Herz statt Kommerz zählt, an dem das Gemeinschaftsleben in den Vordergrund und die Zwänge der Arbeit einmal in den Hintergrund treten.ê
