Tote ins Museum?
»›Körperwelten‹ ist ein Fest des Lebens! Die Ausstellung zeigt den Besuchern sowohl den feingliedrigen Aufbau ihres Körpers als auch dessen Zerbrechlichkeit. So wird ihr Sinn für die eigene Gesundheit gestärkt. Außerdem macht die Ausstellung auf die Einmaligkeit und Besonderheit des Menschen aufmerksam, indem sie den feinstrukturieren Körper auf dem Hintergrund seiner Endlichkeit zum Vorschein bringt. Sie lehrt den Betrachter das Staunen über die eigene Existenz, für deren Bewunderung im Alltag nur wenig Raum bleibt. Körperwelten leistet einen wichtigen Beitrag zur Intensivierung des bewussten Lebens. Das Selbstverständlichste wird hier zum Bemerkenswerten. Schließlich regt die Ausstellung die Frage nach dem Wert und der Bedeutung des Menschen an. Jedoch bleibt die Ausstellung weltanschaulich neutral. Sie beantwortet letzte Fragen nicht. Körperwelten ist deutungsoffen für unterschiedliche Menschenbilder religiöser und philosophischer Art. – Über die ethische Zulässigkeit der Ausstellung haben die Körperspender und Besucher längst entschieden.
Die Ausstellung brachte bisher viele Millionen Besucher zur Besinnung. Selbst in den überfülltesten Räumen herrscht eine fast sakrale Ruhe vor den Glasvitrinen und Ganzkörperplastinaten. Der Besucher schaut in einen fremden Körper, um darin sein eigenes verletzliches Leben neu zu entdecken. So rührt der Ernst in der Ausstellung nicht daher, dass die Besucher hier etwas Gruseliges oder Würdeloses zu sehen bekämen. Er rührt vielmehr daher, dass einfach unmöglich ist, der eigenen Existenz auf frivole und unwürdige Weise zu begegnen. Ich finde es normal, sich für den Körper zu interessieren, den ich habe, ein Teil der öffentlichen Kultur dieses Interesses ist die Ausstellung.«
Margot Käßmann: »Nein! Das ist ein Geschäft mit ihnen«
»Die plastinierten Körper von Verstorbenen auszustellen, diese Geschäftemacherei mit den Toten, sagt etwas über das Menschenbild unserer Gesellschaft. Wo alles zur Schau gestellt, exhibitioniert und vermarktet wird, geht auch Bestattungskultur verloren. »Der Erfolg seiner Arbeit hat von Hagens recht gegeben«, schrieb die FAZ (9.1.2015). Was für eine merkwürdige Haltung! Christen können gegenüber Sensationsgier ruhig widerständig sein, ohne gleich als Spaßbremsen gebrandmarkt zu werden.
Es war eine Errungenschaft schon der frühen Christenheit, dass alle Toten, die Teil der Gemeinde waren – selbst Mittellose –, würdig bestattet wurden. Die Bestattung gilt seitdem als das »siebte Werk der Barmherzigkeit«. Die Grundüberzeugung lautet: Auch Verstorbene haben eine eigene Würde. Ich freue mich, dass wir das neu entdecken: in den Ritualen der Hospize, bei Aussegnungen, in nichtanonymer Bestattung. Dass wir unsere Toten nicht einfach verscharren, sondern ihnen einen Ort geben, an dem ihr Name genannt wird, das ist in der Tat eine Frage der Kultur.
Was das bedeutet, hat sich gezeigt, als nach dem Zweiten Weltkrieg und auch nach 1989 im Osten Deutschlands die Kriegsgräberfürsorge – die es in der DDR nicht gegeben hatte – Soldaten unterschiedlicher Nationen nachträglich würdig bestattet hat. Es zeigt sich auch heute, wenn Tote nach Massakern exhumiert werden, um sie zu bestatten. Und die Bedeutung wird deutlich, wenn die Gebeine getöteter Herero an Namibier übergeben werden, weil diese sie in heimatlicher Erde begraben wollen.
Wenn Menschen am offenen Sarg Abschied von ihren Verstorbenen nehmen, ist das ein sehr zarter, verletzlicher Moment. »Ruhe in Frieden« – das wünschen wir den Toten dann, und genau darum geht es.«
Margot Käßmann, geboren 1958, ist evangelisch-lutherische Theologin und Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 im Auftrag des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
