Was, wenn das Kind behindert ist?
Scheinbar ist es nur ein kleiner Piks. Ein paar Milligramm Blut werden abgenommen, in ein Labor geschickt, und wenig später weiß die Schwangere, ob mit ihrem Kind »alles in Ordnung« ist. Mit anderen Worten: Sie weiß, ob sie ein Kind mit Down-Syndrom erwartet oder nicht. Noch wird diese neue Untersuchungsmethode von den Krankenkassen nicht erstattet. So bezahlen die Frauen den Test bisher aus eigener Tasche – oder unterziehen sich der unangenehmen und vor allem gefährlicheren Fruchtwasseruntersuchung, die in fast einem Prozent der Fälle eine Fehlgeburt auslöst, aber von der Krankenkasse übernommen wird. Medizinisch gesehen liegt die Entscheidung also auf der Hand: Alles spricht dafür, den Bluttest zumindest bei Risikoschwangerschaften anzubieten.
Scheinbar ist es nur ein kleiner Piks. Doch was folgt, wenn nicht »alles in Ordnung« ist? Tatsächlich ist das eine Frage auf Leben und Tod. Fast alle Schwangeren, die ein Kind mit Down-Syndrom erwarten, entscheiden sich für einen Abbruch der Schwangerschaft. Nur die Wenigsten können sich vorstellen, das Leben mit einem behinderten Kind auf sich zu nehmen. Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten aus verschiedenen Fraktionen hat nun vorgeschlagen, im Bundestag über die ethischen Fragen zu diskutieren, die mit der Pränataldiagnostik verknüpft sind.
Eine echte Teilhabe wird verwehrt
Denn es ist ganz klar: Der vor wenigen Jahren entwickelte Bluttest auf Down-Syndrom ist nur der Beginn einer rasanten Entwicklung; weitere Diagnoseverfahren werden folgen. Wie soll die Medizin, wie will die Gesellschaft damit umgehen? Natürlich sollen Frauen das Recht haben, über eine Schwangerschaft zu entscheiden. Aber haben sie auch das Recht, über die Eigenschaften eines zukünftigen Kindes zu bestimmen? Und andersherum: Gibt es überhaupt noch ein Recht auf Nichtwissen?
Schließlich wächst der gesellschaftliche Druck auf Frauen, pränataldiagnostische Verfahren auch zu nutzen. Ein Kind mit Behinderung gilt zunehmend weniger als Herausforderung an die Solidargemeinschaft, denn als vermeidbarer Fehler der betroffenen Eltern. Das lässt sich gut an Kommentaren im Internet ablesen, wo es etwa heißt: »Alles, was eine Behinderung Neugeborener verhindert, muss getan werden. Jeder Mensch, der auf die Welt kommt, hat ein Recht auf Unversehrtheit.« An diesem Satz ist natürlich so ziemlich alles falsch, doch solche als Mitgefühl getarnten Aufrufe für eine gnadenlose Selektion sind weit verbreitet.
Was tun? Die vorgeschlagene Bundestagsdebatte kann nur der Anfang sein. Wer nicht will, dass alles, was medizinisch machbar ist, auch gemacht wird, muss sagen, wie das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen künftig aussehen soll. Denn machen wir uns nichts vor: Unsere auf Effizienz, Erfolg und Marktkonformität geeichte Gesellschaft ist allen Sonntagsreden zum Trotz brutal behindertenfeindlich. Bisher ist es nicht mal gelungen, eine Schule für alle zu etablieren. Wie soll dann eine Gesellschaft für alle aussehen? Besonders Menschen mit geistiger Behinderung wird eine echte Teilhabe systematisch verwehrt. Die sozialen Fähigkeiten von Kindern mit Down-Syndrom werden gerne in anrührenden Reportagen beschrieben, doch kein Gymnasialschüler kommt je mit ihnen in Berührung. Auch am Arbeitsplatz wird man kaum Menschen mit Behinderungen treffen; die allermeisten Unternehmen zahlen lieber eine Ausgleichsabgabe, als die Inklusion zu fördern.
Wenig finanzielle Unterstützung
Unter diesen Umständen ist es nicht erstaunlich, wenn ein Leben mit Behinderung als nicht lebenswert angesehen wird. Bessere Beratungsangebote für Schwangere, die jetzt gefordert werden, werden das kaum ändern können. Dazu kommt die erbärmlich geringe Unterstützung der betroffenen Eltern, die der Rechtsanwalt Oliver Tolmein aus seiner Kanzlei kennt: »Wie die um jeden Rollstuhl, um jede Schulbegleitungsstunde, um jeden Kitaplatz vor dem dritten Lebensjahr kämpfen müssen, das ist eine Situation, die wirklich schwer zumutbar ist.« Das Leben mit einem behinderten Kind darf aber kein Stigma und auch kein Vollzeitjob sein. Und schon gar nicht darf es zum Armutsrisiko werden.
Ja, es ist nur ein kleiner Piks. Aber es muss viel geschehen, damit er überflüssig wird.
