WhatsApp boykottieren?
WhatsApp hat die Geschäftsbedingungen geändert. Das ist schlecht für die Privatsphäre. Mit der Änderung wird WhatsApp die Telefonnummern aller seiner Kunden an den Mutterkonzern Facebook weitergeben. Und Facebook wird diese Daten nutzen, um Werbung an WhatsApp-Nutzer zu senden.
Dagegen laufen Daten- und Verbraucherschützer jetzt Sturm. Sie halten die Ankündigung für irreführend und die Datenweitergabe für illegal. Das Problem an der Datenweitergabe sind vor allem die Telefonnummern. Diese werden von Menschen über einen langen Zeitraum genutzt. Deswegen können an der Nummer andere Datensätze festgemacht werden. Mit der Telefonnummer kann Facebook Menschen über Geräte- und Programmgrenzen hinweg verfolgen. Deswegen gilt die Telefonnummer als »Universal-Identifizierer« – sie ist so etwas wie das Gold unter den Daten.
Die Änderung der WhatsApp-Geschäftsbedingungen ist also ein Weckruf zum Wechseln. Es gibt zahlreiche Nachrichten-Programme auf dem Markt, die unter Datenschutzgesichtspunkten deutlich besser sind, etwa der kostenpflichtige schweizerische Messenger Threema oder die kostenlose App Signal, die von einem Team rund um den angesehenen Erfinder der WhatsApp-Verschlüsselung entwickelt wird.
Ich selbst habe kein WhatsApp auf dem Handy. Wer mich per Messenger erreichen will, muss eine datenschutzfreundliche App nutzen. Das kann in Familie und Freundeskreis einen Stein ins Rollen bringen und andere zum Wechseln bewegen. Und: Es fühlt sich richtig gut an, sicher mit den Liebsten zu kommunizieren – und zu wissen, dass niemand im Hintergrund versucht, aus den privaten Daten ein Geschäft zu machen.
Tina Sieber: Nein, das isoliert mich!
Ein Boykott macht nur dann Sinn, wenn man konsequent ist. Wer sich Sorgen um persönliche Daten und deren Nutzung macht, müsste alle Dienste meiden, die persönliche Daten auswerten: auch Facebook und alle Angebote von Google. Doch wenn man über einen konsequenten Boykott die eigene Privatsphäre im Netz schützen will, isoliert man sich schnell.
Für mich ist die soziale Komponente entscheidend dafür, dass ich WhatsApp weiter nutze. Ich verwende den Dienst, weil er mir den Kontakt zu Freunden und Familie ermöglicht – zu meinen Eltern und Geschwistern in Süddeutschland, zu früheren Kommilitonen in Schweden, zu Freunden in Berlin und in den USA. Ich schreibe einen Gruß, eine Nachricht, verschicke ein Foto – und bekomme innerhalb von Minuten Antwort.
WhatsApp ist zu einem essenziellen Bestandteil meines Soziallebens geworden, quasi ein digitales Wohnzimmer, in dem ich mich mit meiner Familie und mit Freunden austausche. Ich erfahre, was sie tun, was sie beschäftigt, wie es ihnen geht. Der Wechsel zu einem alternativen Anbieter scheitert nicht nur bei mir daran, dass sich nur ein Teil des eigenen Netzwerks zum Mitmachen bewegen lässt. Letztendlich ist mir der Kontakt zu meinen Lieben wichtiger als ein paar Daten, die ich vermutlich schon an anderer Stelle preisgegeben habe.
Ja, persönliche Daten sind wertvoll und schützenswert. Doch es sollte nicht die Aufgabe von Anwendern sein, ihr Recht durch einen Boykott erzwingen zu müssen. Firmen wie Facebook müssen Datenschutzrechte achten. Dies durchzusetzen ist Aufgabe staatlicher Organe. Hier ist die Politik gefragt. Darüber hinaus müssen wir in der digitalen Welt Verantwortung für unser Handeln übernehmen und bewusst mit unseren Daten und den Diensten, die wir nutzen, umgehen.
WhatsApp boykottieren? Uns interessiert Ihre Meinung in der aktuellen Umfrage auf www.publik-forum.de/umfrage
