Heute ist euch der Retter geboren
Deutsche, Briten, Belgier und Franzosen liegen sich in den flämischen Schützengräben gegenüber. Zerschossen und aufgewühlt ist die Landschaft. Im feuchtkalten Morast der Minenfelder verwesen die Körper Tausender gefallener Soldaten. Zu gefährlich ist es, sie aus dem oft nur einige Dutzend Meter breiten Niemandsland zu bergen. Durch die endlosen Schützengräben kriecht unaufhaltsam die Winterkälte. Stumpf vegetieren die Landser vor sich hin. Der britische Gefreite Frederick W. Heath sitzt trübselig in seinem Unterstand. In Gedanken ist er in der fernen Heimat. Er sinnt darüber nach, wie wohl seine Familie das Fest begeht – ohne ihn. Aus seinen Aufzeichnungen, die am 9. Januar 1915 in der britischen »North Mail« erschienen, wissen wir, wie es zum legendären Weihnachtsfrieden kam, zu den seltsamsten Stunden des Ersten Weltkrieges.
Am Abend des 24. Dezember klart der Himmel an der Front in Flandern rund um Ypern auf. Frost senkt sich auf die Landschaft, die Sicht auf den Feind ist gut. Da sieht Heath ein Flackern in der Dunkelheit. »Zu derart später Stunde war ein Licht im feindlichen Schützengraben selten, sodass ich Meldung erstattete. Ich hatte kaum zu Ende gesprochen, da leuchteten weitere Lichter auf.« Schließlich, so berichtet Heath, »drang ein wohl einzigartiger Gruß an unser Ohr: ›English soldier, English soldier, a merry Christmas, a merry Christmas!‹« Deutsche Soldaten nähern sich vorsichtig im Todesstreifen. Langsam kommen sie näher, Schritt für Schritt. Heath ist fassungslos. Das ist der Feind! Doch das Gewehr, das er schon im Anschlag hat, lässt er sinken. Er und seine Kameraden erkennen in den armseligen und verdreckten Gestalten im Niemandsland sich selbst wieder. Genauso sehen sie ja auch aus! Und genauso fühlen sie sich: voller Wehmut, weil sie Weihnachten viel lieber in Frieden, mit ihren Familien verbringen würden.
Wohl weil in den Gräben nur wenig Platz ist, haben die Deutschen ihre Tannenbäumchen auf die Wälle ihrer Schützengräben gestellt und die Kerzen angezündet. Hell strahlen die Lichter in der Dunkelheit. Die Briten, die eine tödliche Finte des Feindes vermuten, sind zunächst unschlüssig. Was sollen sie tun? Plötzlich erklingt Gesang aus den Gräben: »Stille Nacht, heilige Nacht …« Die Briten antworten mit eigenen Liedern. Was ihr könnt, können wir auch!, scheinen sie zu sagen. Weihnachten habt ihr nicht für euch gepachtet. Auch wir sind Christen. Und auch wir kennen den Zauber dieser Heiligen Nacht.
»Für uns alle ist Heiligabend«
Über Stunden klingen die Männerstimmen zwischen den Gräben, auf Englisch und auf Deutsch. »Nie zuvor war ich mir des Wahnsinns des Krieges so bewusst«, erinnert sich später ein Soldat aus Bayern. Ähnlich empfindet der Brite Bruce Bairnsfather: »Ein unbestimmtes Gefühl verbreitete sich über dem gefrorenen Sumpf zwischen den Linien, das einem sagte: Für uns alle ist Heiligabend. Das haben wir gemeinsam.«
»Kaum fing es an, Tag zu werden, erschienen schon die Engländer und winkten uns zu, was unsere Leute erwiderten«, berichtet Josef Wenzl vom Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment 16: »Allmählich gingen sie ganz heraus aus den Gräben … Zwischen den Schützengräben stehen die verhassten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder.« Ein anderer deutscher Soldat schreibt: »Endlich kam der eine Engländer aus dem Graben heraus und hielt beide Hände hoch. In der einen Hand hielt er englische Zigaretten und Tabak. Der Engländer kam auf unsere Leute zu und wünschte ihnen frohe Weihnachten. Er reichte unseren Leuten die Hand, die den Gruß herzlich erwiderten.«
Aus den vereinzelten Vorstößen einiger besonders Mutiger wird eine Massenbewegung. Wo genau in Flandern die Waffenruhe ihren Anfang nahm und welche Truppenteile sich beteiligten, kann heute niemand mehr genau sagen. Doch aus Briefen, Tagebüchern und vor allem in England erschienenen Zeitungsartikeln haben Forscher rekonstruiert, dass deren Zentrum jener rund 45 Kilometer lange Frontabschnitt war, in dem sich Deutsche und Briten gegenüberstanden.
Nach Schätzungen legen in dieser Nacht rund 100 000 Kämpfer ihre Waffen nieder. Die Männer rauchen, trinken, sprechen vom Leben. Sie tauschen Souvenirs wie abgeschnittene Uniformknöpfe und Rangabzeichen. Und sie begraben gemeinsam ihre toten Kameraden. Schnapsflaschen kreisen – ein spontaner Waffenstillstand zum Entsetzen der Generäle. »Man sieht bald, dass der Mensch weiterlebt, auch wenn er nichts mehr kennt in dieser Zeit als Töten und Morden … Weihnachten 1914 wird mir unvergesslich sein«, schreibt der bayerische Soldat Wenzl. Er fällt am 6. Mai 1917.
Die Briten bieten den Deutschen etwas ganz Besonderes: Christmas Pudding, der traditionell in England am Ersten Weihnachtstag gegessen wird. »Nach dem ersten Bissen«, schreibt Heath, »waren wir Freunde für immer.« Freunde für immer? Dieser Satz muss wie Hohn in den Ohren klingen, wenn man weiß: Der Krieg ging nur wenige Tage später in unverminderter Härte weiter. »Wenn man hier ist, beginnt man zu verstehen, dass man nicht ständig hassen kann«, notiert der britische Leutnant A. P. Sinkinson. Und doch: Offenbar konnte der Hass wieder lebendig werden, nachdem er einmal besiegt schien. In dieser Nacht im Dezember 1914.
Der Höhepunkt der »verbotenen Kumpanei« – wie es im Jargon der Offiziere hieß – folgt am nächsten Tag nahe der Gemeinde Mesen. Leutnant Johannes Niemann ist Zeuge: »Plötzlich brachte ein Schotte einen Fußball heran, und es entwickelte sich ein regelrechtes Fußballspiel mit hingelegten Mützen als Toren. Alle Akteure und auch die Zuschauer waren erfüllt von friedlicher sportlicher Gemeinsamkeit.«
»Einen solchen Frieden von unten gab es noch nie in der Geschichte eines Krieges«, schreibt Michael Jürgs. Der Journalist hat die merkwürdige Begebenheit, die in Deutschland zuvor allein Historikern ein Begriff war, vor wenigen Jahren mit seinem Buch »Der kleine Frieden im Großen Krieg« einem breiten Publikum bekanntgemacht. Er spricht von einer »natürlichen, gesunden Reaktion auf den Schrecken«. Die Soldaten schaffen sich Frieden und heilen sich dadurch vorübergehend selbst: »Laut singend, laut feiernd, solange es ihnen nicht verboten wird, denn nichts auf der Welt ist so still wie der Tod, und den kennen sie … Sie waren alle erschöpft vom Töten, todesmüde und todmüde zugleich.«
Längst ist die Westfront, die sich knapp 800 Kilometer vom belgischen Nieuwpoort bis zur Schweizer Grenze schlängelt, im Stellungskrieg erstarrt. Meist erfolglose Sturmangriffe demoralisieren die Truppe; dazu kommt Todesangst: In den ersten fünf Kriegsmonaten werden fast eine Million französische Soldaten getötet oder schwer verwundet. Die Deutschen beklagen 750 000 Tote, die Briten haben schon nach drei Monaten 300 000 Soldaten verloren, fast zwei Drittel ihrer Mannschaften.
Grund genug für die Militärführungen, sich ernste Sorgen um die Moral der Truppe zu machen. Und so lässt die deutsche Oberste Heeresleitung im Dezember 1914 großzügig Geschenke verteilen, um die Stimmung an den bevorstehenden Festtagen zu heben. Warme Socken, Würste und Schokolade werden ins Feld gebracht. Auch Tausende knapp einen Meter hohe Tannenbäume gelangen bis in die vordersten Schützengräben – bereits versehen mit hölzernem Ständer und Kerzen.
Die Freude bleibt, weil sie geteilt wird
Ist der Weihnachtsfrieden nicht mehr aufzuhalten, weil die Dinge da sind, die man zu einer schönen Weihnacht braucht? Was löst die Verbrüderungen aus? Offensichtlich bricht sich die Goldene Regel Bahn: »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Wer selbst Geschenke bekommt, wer Kerzen auf Tannen stecken kann, der erträgt es wohl nicht, andere direkt vor der Nase ohne die Weihnachtsfreude sein zu lassen. Diese Freude kann nur bleiben, wenn sie geteilt wird. Und so nimmt das Geschehen seinen Lauf …
Historiker verweisen darauf, dass die erstarrten Fronten, an denen sich die Gegner nicht selten nur einen Steinwurf entfernt aufhielten, schon vorher Kontaktaufnahme per Zuruf möglich machten. Immer wieder werden so Feuerpausen vereinbart. Die hohen Verluste in den ersten Kriegsmonaten sind allen im Kopf. Gerade die älteren Soldaten – oft Reservisten mit Familie in der Heimat und von Anfang an wenig empfänglich für die Kriegshetze und Propaganda gegen den Feind –, gehen in jenen Tagen beherzt auf ihre Feinde zu.
Doch der kleine Frieden bleibt eine kurze Episode. An den meisten Orten wird schon am 26. Dezember auf Befehl von oben wieder geschossen. Wenn auch offenbar nur widerwillig: Preußische Offiziere zwingen mit gezogener Waffe ihre Untergebenen zurück in die Gräben. Sie fühlen sich verantwortlich dafür, dass der Krieg weitergeht. Und sie atmen auf, als ihre Gewalt Früchte trägt: Endlich schießen ihre Soldaten wieder! Wie viele der Untergebenen noch tagelang nur so tun, als zielten sie auf den Feind, bleibt ungezählt.
An anderen Frontabschnitten dauert die Feuerpause den Quellen zufolge bis ins neue Jahr hinein. Immerhin bleibt das aufmüpfige Verhalten der Landser und ihrer Vorgesetzten folgenlos. Die Teilnehmer des Weihnachtsfriedens werden nicht bestraft – wohl auch, weil einfach zu viele Soldaten daran teilgenommen haben. In den folgenden Kriegsjahren schweigen die Waffen über die Weihnachtstage nicht. Die Befehlshaber auf beiden Seiten haben aus den Ereignissen gelernt. Sie setzen auf Härte und drohen für solche Fälle Kriegsgerichtsverfahren an. Erich von Falkenhayn, Generalstabschef des deutschen Heeres, stellt ausdrücklich in einem Rundbefehl fest, »dass Fraternisieren Hochverrat ist«. So bleibt die informelle Waffenruhe von 1914 ein einmaliges Ereignis. Wohl auch, weil die Feindschaft zwischen den Truppen immer erbitterter wird und schließlich im völkerrechtswidrigen Gaskrieg endet.
Dennoch entfalten diese Verbrüderungen als Augenblicke des friedlichen Mitleids eine bis heute gültige Symbolkraft: Wenn die Menschen es wollen, stoppen sie den Krieg – sofort. »Damals wie heute lässt sich beobachten, dass Menschen fähig zur Gewalt und fähig zu friedlichem Verhalten sind«, sagt der Friedens- und Konfliktforscher Sascha Werthes. Das Vereinbaren einer Waffenruhe oder auch eines Waffenstillstands sei jedoch nicht vorschnell mit der Beendigung eines Krieges gleichzusetzen. Leider sei es häufig wesentlich komplexer, einen tragfähigen und nachhaltigen Friedensprozess zu erreichen, betont der Geschäftsführer der Friedensakademie Rheinland-Pfalz.
Es sind nur wenige Kilometer von der Friedensakademie bis zur ehemaligen Front. Werthes war schon oft dort; immer wieder hat er darüber nachgedacht, wie es zum Weihnachtsfrieden kommen konnte und was davon bleibt: »Bemerkenswert aus heutiger Sicht ist wohl vor allem, dass die damaligen Kriegsparteien sich jetzt nicht mehr als Feinde, sondern als Freunde betrachten.« Krieg oder Gewalt als Mittel zur Bearbeitung von Konflikten komme zwischen diesen Parteien nicht mehr infrage.
Der Erste Weltkrieg und sein Weihnachtsfrieden sind Geschichte geworden. Aber der kurze, religionsbasierte Friede mitten im Krieg hat die Welt nicht für immer verändert. Die Macht des Guten brachte die Waffen nur für Stunden zum Schweigen. Bis heute ist das ein Stachel im Fleisch der Friedenswilligen überall auf der Welt, die in Konflikten zu vermitteln suchen – und häufiger scheitern, als dass sie erfolgreich sind. »Wir waren Freunde für immer«: Was Frederik W. Heath damals so euphorisch schrieb, wurde nicht Wirklichkeit.
