Sie aber fürchteten sich sehr
Seine Hände sind wie immer. Kräftig und groß. Sie haben Kühe im Stall zur Seite geschoben, um danach leichter die Melkmaschine an die Euter anlegen zu können. Sie haben den Traktor gesteuert, der den Anhänger zog, turmhoch mit Heu beladen. Sie waren von morgens bis abends im Einsatz, über Jahrzehnte.
Wenn wir meine Schwiegereltern besucht haben, gingen meine Frau und ich abends irgendwann ins Bett – er und seine Frau gingen noch in den Kuhstall zum Füttern und Melken. Auch am Samstag und Sonntag ruhte die Arbeit nicht. Er hat nie die Alpen gesehen und keine Ferien auf Mallorca verbracht. Und doch, hat ihm das gefehlt? Er hat seine Arbeit als Landwirt gemocht, das Werkeln in der Natur, den Umgang mit den Tieren. Er hat den Hof mit wachsenden Schulden durch schwierige Zeiten gesteuert. Und jetzt, nach fast achtzig ereignisreichen Jahren, liegt er in einem Krankenhausbett, eine schwere Krankheit raubt ihm die Kraft.
Der immer unermüdliche, starke Mann wirkt gebrechlich. Zweimal bewegt er noch eine Hand. Einmal streichelt er die seiner Frau, dann schiebt er sie weg. Seither nichts mehr. Der Tod kommt schnell.
Wenige Monate später: Diesmal gibt es keine Vorwarnung, keine festgestellte Krankheit. Nur den überquellenden Briefkasten und den Anruf eines Telefontechnikers, der nicht ins Haus kommt. Meine Schwiegermutter hatte uns zuvor über Nachbarn wissen lassen, dass ihr Telefon kaputt ist. Der herbeigerufene Nachbar informiert uns dann, dass auch sie gestorben ist. Für uns völlig unerwartet. Zwei unvergessliche, schmerzhafte Momente in diesem Jahr.
Ein neuer Blick auf das Leben
Trauer ist für mich seither ein neuer, merkwürdiger Begleiter. Sie taucht die Umwelt in ein anderes Licht. Aber es ist nicht immer ein dunkles Schwarz, mit dem sie alles überzieht. Es kann auch das wütende Rot sein. Denn wer sich mit dem Tod beschäftigt, kann auch sensibel werden für das Leben. Für das, was im Leben in die falsche Richtung läuft. Auch im politischen Leben. Wer den Verlust eines Menschen erlebt, merkt vielleicht stärker als andere, wie kostbar jedes einzelne Leben ist und fängt an, sich zu empören, wenn für politische Strategien der Tod vieler achtlos billigend in Kauf genommen wird. Und in diesem Jahr gab es wirklich Anlass genug, um hellhörig zu werden.
In der Ukraine starben bislang über 4500 Menschen einen gewaltsamen, viel zu frühen Tod. Sie wurden herausgerissen aus ihren Familien. Lohnt es sich, dafür sein Leben zu geben, dass die Krim und der Osten der Ukraine russisch werden? Den Vater, den Bruder oder einen Freund zu verlieren? Während ich selbst die Trauerfeier für meine Schwiegermutter mit vorbereite, höre ich fassungslos die Berichte von den Opfern. Werden die, die für Vernunft und Frieden eintreten, stark genug sein, damit das Töten ein Ende hat?
Beim zweiten großen Desaster in diesem Jahr, der israelischen Gaza-Offensive, ließen 2100 Palästinenser, sechs Zivilisten in Israel und 64 israelische Soldaten ihr Leben – das einzige, das sie besaßen. Tausende Häuser wurden zerstört, Traumatisierungen entstanden, die jahrzehntelang wirken werden. Wo ist ein Mensch wie Nelson Mandela oder Mahatma Gandhi, der kompromisslos für Frieden und Versöhnung eintritt und die Handelnden zur Vernunft bringt?
Wer zählt die Toten in Syrien und im Irak?
Und dann das große Drama in Syrien und Irak: Zählt irgendwer die Toten, die dieser Konflikt kostet? Sieht jemand, wie viele Kinder dort sterben und vor allem wie sie sterben? Sie verhungern, werden unter Trümmern begraben oder sterben bei Attentaten. Was wäre, wenn es unseren Kindern so erginge? Würden wir nicht rasend werden vor Wut und Verzweiflung?
Und auch der selbst ernannte Islamische Staat tötet Menschen in großer Zahl, ausgerechnet im Namen einer Religion bekämpfen die Terroristen alle als Feinde, die nicht ihrer Glaubensrichtung sind. Ihre Opfer sterben in den Bergen, in Städten, an Hinrichtungsstätten. Sie sterben würdelose, brutale Tode. Einen Tod, wie auch Jesus ihn starb.
Kann sich Europa angesichts all dieser Schrecken noch wohlig heimelig an Weihnachten der Geburt des Erlösers im Stall erinnern? In warmen Wohnzimmern vor funkelnden Lichtern und großen Kinderaugen?
Es kann, darf und soll es ruhig. Denn aus der Kraft, die uns dieses Ereignis schenkt, kann wieder etwas Neues, etwas Lebendiges werden: Es kann daraus eine Widerstandskraft gegen Entscheidungen wachsen, die zu neuen Kriegen führen könnten mit noch mehr Toten. Es kann auch zum Engagement führen für die aus den Kriegs-, Elends- und Hungergebieten Geflüchteten. (Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite)
Weihnachten: Die Gelegenheit zum Aufbruch
Ich verstehe Weihnachten als eine große Gelegenheit zum Aufbruch, als eine Möglichkeit, sich zu fragen: »Was will ich anders machen?« Das Schöne am Fest von Jesu Geburt ist, dass es den Neubeginn zelebriert. Und den kann es immer wieder im Leben geben. Bis ganz zum Schluss. Selbst mein eigener Tod, so hoffe ich, wird auch noch einmal ein Aufbruch werden.
Wenn ein Mensch stirbt, zählt für die Zurückgebliebenen jedoch vor allem der Verlust, und der wiegt im Staub von Gaza genauso schwer wie einem deutschen Krankenhausbett. Am schwersten wiegt er aber, wenn jemand jung sterben muss, und wenn Unbeteiligte ihr Leben verlieren, weil zwei Konfliktparteien keinen Frieden finden. Sich dafür einzusetzen, dass mehr Menschen in der Welt alt werden können, durch Spenden, Gespräche oder Gebete, durch Protest, Empörung und Engagement, das wäre eine echte weihnachtliche Neugeburt.
