Obama holt auf – Jill Stein verhaftet
Bei den alles entscheidenden Wahlmännerstimmen ist Obamas Vorsprung drastisch gesunken. Aber alle, die sich nach der Schlappe von Denver sorgten, ob dieser Präsident überhaupt noch Lust auf eine zweite Amtszeit hat, können ihre Zweifel vergessen: Obama war nicht wiederzuerkennen. Entspannt, doch absolut präsent.
Er tritt an diesem Abend so angriffslustig auf wie sein Vize Joe Biden, hält seine Gesichtszüge jedoch diszipliniert in Schach. Obama ist selbstbewusst, ohne überheblich zu wirken, er kontert Romneys gesammelte Attacken schnell und kompetent.
Ob in der Einwanderungsfrage, bei den Themen Steuern, Energie, Benzinpreise, China oder Qualifikation von Frauen – Romney redet viel und schnell, verliert sich aber häufig in Details und macht auch den Fehler, sich mehrfach mit der Moderatorin anzulegen.
Doch CNN Reporterin Candy Crowley behält die Zügel in der Hand und greift einmal sogar zugunsten Obamas in die Debatte ein, als Romney auf dem Feld der Außenpolitik ein grober Patzer unterläuft: Seit Wochen versuchen die Republikaner aus dem tödlichen Angriff auf das US-Konsulat in Benghazi politisches Kapital zu schlagen. Doch ausgerechnet an diesem Punkt verheddert Romney sich nun und wirft Obama vor, die Lybien-Attacke erst nach 14 Tagen als »Terrorakt« bezeichnet zu haben. In Wirklichkeit sprach der Präsident schon am Tag drauf von einem Terrorakt. Obama zu Romney: »Lesen Sie das Protokoll.«
Ein weiteres, folgenreiches Eigentor schießt Mitt Romney auch in seinem Schlusswort. »I care about 100 percent of Americans.« Das soll heißen: »Mir liegen alle Amerikaner am Herzen.« Mit dieser Behauptung erinnert er dummerweise an ein inzwischen notorisches Video, in dem er 47 Prozent der Amerikaner jüngst als hoffnungslose, von der Regierung abhängige Schmarotzer abgestempelt hatte.
Die Demokraten haben es Obama schwer übel genommen, dass er Romney die 47 Prozent bei der ersten Debatte nicht um die Ohren geschlagen hat. Im Auditorium der Hofstra Universität stimmt sein timing: »Ich glaube, Romney ist ein netter Mensch, der an Gott glaubt und seine Familie liebt«, sagt er, »aber er hat 47 Prozent der Amerikaner als Opfer bezeichnet – was denken Sie wohl, wen er da meint?«
»Well done«, schreibt die Huffington Post und erklärt, wie alle ersten Umfragen, Obama zum Sieger. »Eine spannende Debatte«, befindet auch die linke Journalistenrunde beim TV Sender MSNBC.
Wie viel interessanter der Abend gewesen wäre, wenn Kandidaten dritter Parteien, wie zum Beispiel Jill Stein von den Grünen, hätten teilnehmen dürfen, daran erinnern dann die Spätnachrichten. Sie zeigen, wie die grüne Präsidentschaftskandidatin beim Versuch, das Gelände der Hofstra Universität zu betreten, verhaftet wird. Ruhestörung wird ihr vorgeworfen.
