Stürmische Zeiten
In Linden, meinem kleinen Dorf zu Füßen der Blue Ridge Mountains, reißt der laufende Wahlkampf niemanden vom Hocker. Dabei gehört Virginia zu den »swing states« im Bibelgürtel, wird heiß umkämpft ob seiner Wechselwähler. Doch Linden, wo die Schwarzbären das Vogelfutter klauen und die »red necks« ihre Südstaatenflagge hissen, kämpft jetzt mit den Ausläufern von Hurrikan Sandy: Das Schlimmste scheint überstanden – aber man weiß nie.
Mehr als bei den Republikanern hängt der Erfolg der Demokraten seit jeher von einer hohen Wahlbeteiligung ab. Deshalb hat auch Obama viel unternommen, um die Leute zu einer vorzeitigen Stimmabgabe zu bewegen. Doch das »Early Voting« kommt an der Ostküste fast zum Erliegen – Sandy könnte Romney den Sieg bringen, wenn Obama jetzt nicht mit einem spektakulären Krisen-Management punktet.
In Linden sieht man das ganz entspannt: Viel mitreißender als »Obama contra Romney« ist für die meisten hier – Sandy hin oder her – der Schlagabtausch zwischen St. Louis und St. Francisco. Das sind die beiden Baseball-Mannschaften, die zur Zeit in einer Serie von sieben Spielen um die Nationale Meisterschaft kämpfen. Eigentlich eine Wohltat, diese Wahlmüdigkeit, denn vor vier Jahren gab es hier kein Entkommen. Obama verschandelte die Vorgärten, Sarah Palin umstellte das Postamt, und im Radio trompeteten die christlichen Sender aus dem Shenandoah Valley: »Praise the Lord… Vote for Him… Read your bible!«
Macht »God's own Country« eine religiöse Diät?
»Gott braucht diesen Quatsch nicht!« Mein Nachbar Bill überlegt nicht lange, als ich ihn frage, ob Obama und Romney zu viel oder zu wenig über ihren Glauben reden. Tom und Fred denken genauso. Immer wenn ich die Sonntagsausgabe der Washington Post hole, stoße ich in unserem Tante-Emma-Laden auf die drei bärtigen, alten Männer mit ihren ausgefransten Pferdeschwänzen. Sie sitzen in der Ecke am Fenster, trinken Kaffee, spielen Domino und kauen Natural American Spirit-Tabak. Die drei reden nicht viel. Aber sie wissen Bescheid: Obama hat verspielt. Mormonen sind keine Christen. Romney wird gewinnen. Und Gott? Der Allmächtige hat mit dem Wahlzirkus nichts zu tun.
Was ist los im frommen Amerika? Hat sich »God' s own Country« vielleicht einer religiösen Diät verschrieben? Weniger ist mehr? Amerikas konservative Evangelikale trauten ihren Augen nicht, als jetzt mitten in die heiße Phase des Wahlkampfes eine Umfrage des Pew Center for Religion and Public Life platzte, die eine wachsende Entfernung der Amerikaner zur Religion dokumentiert. 19,6 Prozent der Befragten fühlen sich heute keiner Glaubensrichtung mehr verbunden. Das sind 4,3 Prozent mehr als vor fünf Jahren. 44 Prozent haben den Glauben, in dem sie aufgewachsen sind, gewechselt oder sind ganz aus der Kirche ausgestiegen. Die Protestanten haben mit 48 Prozent ihre traditionelle Mehrheit verloren. Vor allem die junge Generation entferne sich von den Kirchen, heißt es in dem Bericht. Und als einer der Gründe dafür wird die allzu heftige Umarmung von Kirche und konservativer Politik genannt.
Auf skeptische Jungwähler treffe ich in meiner Umgebung auch. Vor vier Jahren waren David, Bert, Lena und Maya Richards – heute allesamt im Studium – noch hingerissen von Barack Obama. Damals schrieb ich über die vier in PROVO. Jetzt sind die Gefühle gemischt. Trotzdem volontiert die zwanzigjährige Lena in ihrer Freizeit als Wahlhelferin für die Demokraten: »Vor vier Jahren war ich unheimlich aktiv und optimistisch, und da konnte ich noch nicht mal wählen. Dieses Jahr haben meine Motivation und meine Aktivitäten weniger mit dem Mann, den ich wähle, zu tun als mit der Tatsache, dass mich die Alternative schreckt. Das heißt aber nicht, dass ich für das kleinere Übel stimme. Obamas Außenpolitik hat mich zwar in einigen Punkten enttäuscht – Drohnenkrieg und Bin Laden zum Beispiel –, aber für viele seiner Defizite mache die Blockaden der Republikanischen Partei verantwortlich.«
Lena hat an Hunderte von Türen geklopft und sich dabei auch mit Gleichaltrigen unterhalten. Bilanz: Die meisten könnten sich weder für Obama noch für Romney erwärmen. Beide Kandidaten seien zu abhängig von Wall Street-Sponsoren, würden dem Mittelstand das Blaue vom Himmel versprechen und sich um das Elend von Millionen, um die grassierende Armut überhaupt nicht kümmern.
Obama und Romney mögen offiziell Distanz zu religiösen Fragen halten, aber Amerikas konservative evangelikale Kirchen tun sich solche Zwänge nicht an. Gemessen an den turbulenten Vorwahlen tendiert ihr Enthusiasmus-Pegel zwar abwärts, aber nicht zu unterschätzen sind die in den Kirchen ausliegenden 40 Millionen pro-Romney »voter guides«. Auch riefen am 7. Oktober – dem Freedom Pulpit Sunday – rund 2000 aufmüpfige Pastoren von der Kanzel aus offen zur Unterstützung von Romney auf. Das ist ein glatter Tabubruch, denn der steuerfreie Status amerikanischer Kirchen ist an ihre politische Neutralität gebunden.
Auch die katholischen Bischöfe lesen ihren Schäflein die Leviten. Illinois Bischof Thomas Paprocki droht Katholiken, die in der Abtreibungsfrage und in Sachen Homo-Ehe vom Kirchendogma abweichen, mit ewiger Verdammnis. New Jerseys Erzbischof John Myers will Abtrünnigen die Kommunion verweigern.
Obamas Chancen wird der Bannstrahl kaum schmälern, denn Katholiken stimmen schon lange nicht mehr einheitlich ab. Für die Mehrheit, besonders bei den Hispanics, ist es undenkbar, den wankelmütigen Multimillionär Romney zu wählen, der 47 Prozent der Amerikaner zu Schmarotzern erklärt hat.
Hund und Katze votieren bei uns für Obama: Ob das hilft?
Die kleine Sonntagsrunde der drei Tabak-Spucker kann ich nicht fragen, wen sie wählen. Das würden sie mir auch nicht sagen. Aber es gibt Hinweise: an Bills Auto klebt noch ein Sticker, den mein Mann und ich 2008 entworfen haben. Da bellte unser Hund Zachi mal wieder non-stop. Ich beschwerte mich und David empfahl dem ollen Kläffer: »Zachi, if you bark, you bark for Barack.« Daraus wurde ein Aufkleber, der sich für zwei Dollar (zugunsten der Obama Kampagne) an die 1000 Mal verkauft hat. Meine eifersüchtige Katze Zuli, nach Siamesenart nie um einen Kommentar verlegen, krallte sich ihren eigenen Sticker: »Demo- cats for Obama.« Auch die wurden populär und sind kürzlich frisch gedruckt worden. Haben unsere Pelztiere Obama gerettet? Wir werden sehen. Es ist ungemütlich spannend geworden.
In ihrem journalistisches Tagebuch begleitet Barbara Jentzsch den US-Wahlkampf bis zu den Präsidentschaftswahlen am 6. November 2012. Sie finden ihre Beiträge auf Publik-Forum.de unter dem Logo »Romney contra Obama. Tagebuch eines Duells« sowie im Info-Kästchen am Beginn dieses Textes. Einfach auf die Titel klicken!
