Schattenspiele und Rap-Musik
Leserfrage von Margret Hillers, Frankfurt: Mich würde interessieren, welche besonderen Gottesdienstformen es in den Kirchen gibt.
Ein Bühnenaufbau wie bei einem Unplugged-Popkonzert. In der Mitte lehnen ein paar Gitarren in Ständern. Bühnenstrahler tauchen sie in ein gelbliches Licht. Ein paar Stühle, wenige Requisiten. Links von der Bühne ist mit schwarzen Tüchern ein Kubus abgespannt. Pfarrer Karl Hesse betritt die Bühne, ganz herkömmlich mit Talar und Beffchen. In kurzen Worten begrüßt er die Menschen. Ein gemeinsames Gebet, dann setzt die Band ein. Als das Licht erlischt, sind auf der weißen Leinwand, die vor dem Kubus gespannt ist, die Schatten zweier Gestalten zu sehen: Jakob und Esau. Der Revuegottesdienst unter dem doppeldeutigen Titel »Theater mit Gott« beginnt mit einem Schattenspiel.
»Gottes Wort ist ein Ereignis, eine Inszenierung«
»Im Hebräischen meint ›Wort‹ eben nicht nur das Wort, sondern auch Sache oder Ereignis«, sagt Pfarrer Karl Hesse, Landespfarrer für Jugendarbeit im Leitungs- und Jugendbildungsteam der Evangelischen Jugendbildungsstätte Hackhauser Hof e.V. in Solingen. »Nimmt man das ernst, dann ist Gottes Wort doch keine Vokabel, sondern es ist viel mehr ein Ereignis, eine Inszenierung.« Im Grenzbereich zwischen Theater und Gottesdienst haben Hesse und seine Kollegin Anke Theron-Schirmer, Jugendleiterin der evangelischen Kirchengemeinde in Burscheid, ihre Idee des »Revuegottesdienstes« angelegt. Schirmer ist Theaterpädagogin, der Theologe Hesse macht gerade die Ausbildung dazu.
Ihr Projekt, eine Koproduktion zwischen der Jugendbildungsstätte und der Gemeinde, ist eine Revue, weil es sich stets um eine Abfolge von Szenen, Gesängen oder kleinen Choreographien handelt, die durch einen thematischen roten Faden verbunden werden. Und es ist ein Gottesdienst, weil es tatsächlich mehr ist als bloßes Theaterspiel, die Zuschauer durch Gebet und Lieder Teilnehmende sind und der gottesdienstliche Rahmen bis hin zum Pfarrer, der durch den Gottesdienst führt, nicht fehlt.
Erstes Stück zum Jubiläum des Jugendzentrums
Die Idee entstand anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Jugendzentrums in der Burscheider Gemeinde. Theron-Schirmer wollte zu den Feierlichkeiten auch die Jugendlichen ins Boot holen und fragte unter den rund 80 ehrenamtlichen Jugendlichen der Gemeinde, wie ein Gottesdienst aussehen müsste, der sie nicht nur interessiert, sondern den sie sogar mitgestalten würden. In vielen Gesprächen destillierte sich dann die Revue-Form heraus. Drei Projekte sind bislang entstanden.
Los ging es mit einem Gottesdienst über Mode. »Damals ging Heidi Klum mit ihrem Model-Casting in die zweite Runde – daher waren die Themen Mode, Modeln, Schönheit in aller Munde«, sagt Theron-Schirmer. Der zweite Gottesdienst hieß »Farbe: Rot«: »Es ging um alles was mit der Farbe Rot zu tun hat: rot vor Zorn werden, rot werden – sich schämen oder auch um Leidenschaft.«
Das ist stets die Grundidee: Was ist gerade Thema? Worüber reden junge Leute aktuell? Ist ein Thema gefunden, geht’s mit den Jugendlichen für ein Wochenende in eine Jugendbildungsstätte. Dort wird das Thema eingekreist, die Jugendlichen erzählen, wo sie hängen bleiben, was sie interessiert und bewegt – und es wird überlegt, wie man dies szenisch umsetzen, aber auch gottesdienstlich deuten kann.
Die alttestamentarische Jakobsgeschichte in die Gegenwart übersetzt
In ihrem aktuellen Stück »Theater mit Gott«, das auf dem Hamburger Kirchentag zu sehen war, werfen sie einen Blick auf die alttestamentliche Jakobsgeschichte. Mit Hilfe des Schattenspiels erzählen sie im Zeitraffer verschiedene Episoden aus Jakobs Leben: Den Betrug an seinem Bruder Esau, die Benachteiligung Esaus durch seinen Vater, die Flucht, den Kampf mit Gott oder auch die Versöhnung am Schluss. Die Jugendlichen deuten die Szenen als eine Pubertätsgeschichte, als eine Geschichte übers Erwachsenwerden, eine Emanzipationsgeschichte aus Eltern-Kind-Rollen, falschen Gottesbeziehungen und -vorstellungen oder vorgefundenen Geschlechterrollen, voller Leidenschaft, Rebellion und Aufbruch, voller Ecken und Kanten.
Diese Aspekte der biblischen Geschichte versuchen sie durch kurze Theaterszenen, Parodien und Raps in jugendgemäße Situationen, durchaus auch ihres eigenen Lebens, zu übertragen. Da wird deutlich, dass Versöhnung mehr ist als eine inszenierte Talkshow am Nachmittag – oder eine Auseinandersetzung auf dem Schulhof wird zu einem Rap-Duell inklusive mit dem Mund fabrizierter Beatbox-Rhythmen. Songs – darunter auch einige von einer kleinen Band stimmig interpretierte Popklassiker (»Halleluja« von Leonard Cohen, »Take the Road, Jack!« oder auch »You can´t always get what you want« von den Rolling Stones) – verbinden die per Schattenspiel dargestellte biblische Geschichte, deren Übertragung in heutiges Deutsch erfreulicherweise überhaupt nicht bemüht oder komisch wirkt, mit den Alltagsszenen.
Gemeinsames Singen und Beten kommen nicht zu kurz
Gemeinsames Singen und Beten sorgt dafür, dass das Publikum teilnimmt, und nicht einfach nur Theater konsumiert, sondern tatsächlich Gottesdienst feiert. »Leider können wir diese Gottesdienste nicht oft feiern«, sagt Theron-Schirmer. »Es sind Jahresprojekte, die sehr aufwendig sind und von allen, insbesondere den Jugendlichen, viel Zeit und Einsatz verlangen.« Allerdings sei gerade dieses dichte Arbeiten auf Zeit auch besonders schön. Die Truppe kann die vielen Anfragen, ob sie mit dem Gottesdienst auch in andere Gemeinden kommt, nicht erfüllen. »Wir sind keine Musicalkompanie«, sagt Anke Theron-Schirmer. Karl Hesse und sie möchten aber, dass sich ihr Ansatz der Verbindung von Theaterpädagogik und Gottesdienst auch in anderen Gemeinden verbreitet. Und theaterpädagogische Elemente finden sich auch in kleineren, weniger aufwendigen Gottesdiensten. Wer sich dafür interessiert, findet in beiden engagierte und kompetente Ansprechpartner.
Kontakt: Pfarrer Karl Hesse, Evangelische Jugendbildungsstätte Hackhauser Hof e.V.,Hackhausen 5b, 42697 Solingen, Telefon: 0212 / 2 22 01-0. E-Mail: hesse@hackhauser-hof.de
Evangelische Kirchengemeinde Burscheid, Anke Theron-Schirmer, Jugendleiterin, Telefon: 02174/6 37 15; E-Mail: ev.jugend@kirche-burscheid.de
