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Katholische Welten

Was sind das eigentlich für Leute, die auf den Katholikentag fahren? Diese Frage stelle ich – eine Protestantin – mir, als ich auf dem Weg nach Regensburg bin. Und vor allem: Was für ein Typ Jugendlicher fährt da hin? Im Zug finde ich die erste Antwort
von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 29.05.2014
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Brücken bauen in Regensburg: Gelingt das den Katholikinnen und Katholiken? Mehr als 30.000 Dauergäste sind zum Katholikentag angemeldet, weitere 30.000 Tagesbesucher werden zusätzlich erwartet. (Foto: pa/dpa/Uli Deck; Grafik: www.katholikentag.de)
Brücken bauen in Regensburg: Gelingt das den Katholikinnen und Katholiken? Mehr als 30.000 Dauergäste sind zum Katholikentag angemeldet, weitere 30.000 Tagesbesucher werden zusätzlich erwartet. (Foto: pa/dpa/Uli Deck; Grafik: www.katholikentag.de)

Ein überaus offener, redseliger und ein bisschen verrückter Typ steht im Speisewagen und unterhält sich lebhaft mit allen Umstehenden. Um den Hals trägt er eine große, goldene Kreuzkette sowie einen grünen und einen blauen Schal – »von den letzten Kirchentagen«, erzählt er. Auf seiner Jacke stecken gelbe Anti-Atomkraft-Buttons und auf dem Kopf trägt er einen Strohhut. »Sie sehen wie ein Mexikaner aus«, sagt eine Dame lachend zu ihm. »So? Mein Vater ist aber Albaner«, sagt er und lacht zurück.

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Der Abiturient – nennen wir ihn Felix – ist ein gläubiger Katholik, der von den Heiligen der katholischen Kirche und der Marienverehrung schwärmt. Früher war er mal evangelisch. Vor einigen Jahren ist er zum Katholizismus konvertiert. »Ein Heiliger hat mir geholfen«, sagt er und lächelt geheimnisvoll. Ich schaue wohl etwas verblüfft, weshalb er erklärt: »Der heilige Amandus.« Ah ja. Mit meinen Kenntnissen in puncto Heilige ist es nicht so weit her, weshalb ich schnell das Thema wechsle, um nicht dumm da zu stehen (heute Abend, so nehme ich mir vor, werde ich diesen Heiligen gleich googeln). Nach dem Abitur, sagt Felix, wolle er katholische Theologie studieren und Priester werden.

Wie es denn nun kam, dass er konvertiert sei, frage ich ihn. »Ich habe in einer schwierigen Phase gesteckt«, beginnt der. »Da war ich einmal an einem Haus, das zu einer Kirche gehörte, die ich aber zuerst nicht gesehen habe. Und dieses Haus war ziemlich schäbig und alt und sah überhaupt nicht gut aus. Es sah eigentlich genau so aus, wie ich mich fühlte.« Er macht eine bedeutungsvolle Pause. »Und dann habe ich gesehen, dass hinter diesem Haus eine wunderbare Kirche steht.« Punkt. Mehr erfahre ich dazu nicht. Dafür aber andere Dinge.

»Ich will auch Homosexuelle segnen und trauen«, sagt er im Brustton der Überzeugung. »Denn eine Kirche, die Menschen, die sich lieben, das verwehrt, handelt doch nicht christlich!« Er ecke schon auch mal an, gibt Felix zu: »Ja, aber in den meisten Punkten bin ich auf einer Linie mit der katholischen Kirche.« Er finde es zum Beispiel richtig, dass Frauen in der Kirche nicht dieselben Aufgaben hätten wie Männer. »Frauen sind einfach anders, die können mit Kindern besser«, sagt Felix und offenbart nach seinen fortschrittlichen Gedanken zum Thema Homosexualität plötzlich eine sehr konservative Seite. »Frauen können nicht so gut die Beichte abnehmen, da bin ich sicher«, erklärt er, »denn wenn da Männer kommen und Seitensprünge beichten, können Frauen das nicht so einfach pragmatisch vergeben. Die sind doch viel emotionaler als Männer.« Er lächelt mich offen und aufmunternd an. Ich lächele nicht zurück.

Dann plötzlich bekreuzigt er sich. »Exzellenz… der Bischof von Hildesheim«, raunt er mir zu, als ein schwarz gekleideter Herr vorübergeht. Ich gucke und nicke und komme mir seltsam fremd vor in dieser katholischen Welt.

Deshalb stelle ich ihm schnell eine Frage zu einem Thema, das mit vertrauter ist. Wie seine Familie auf seine Konversion reagiert habe, will ich wissen. »Och«, sagt er leichthin, »ja… Meine Mutter ist Calvinistin und mein Vater ist Muslim.« »Das wird ja immer spannender«, entfährt es mir, und ich ermuntere ihn, fortzufahren (wofür nicht viel Überzeugungsarbeit notwendig ist). »Mein Papa ist ein islamischer Gelehrter«, sagt er, »aber ein ganz liberaler. Und er hat er zu mir gesagt: ‚Hauptsache du glaubst überhaupt, Junge‘.«

Den Koran hat Felix, der übrigens auch noch bei der Grünen Jugend in seiner norddeutschen Heimatstadt aktiv ist, auch gelesen. Aber im Islam und Judentum fehle ihm etwas ganz Wichtiges: Vergebung. »Das ist doch ein zentrales Element des Christentums und für mich ganz wichtig im Glauben«, sagt Felix und fährt sich mit dem Handrücken durch die schwarzen Haare. Dann klopft er dem Ober, der sich schon zum wiederholten Male an ihm vorbeidrängt, um einigen Reisenden Königsberger Klopse zu servieren, freundlich auf die Schulter. Die beiden grinsen sich an und ich frage mich, ob der Kellner wohl schon mal etwas vom heiligen Amandus gehört hat.

Felix zumindest interessiert sich für Publik-Forum, und schon deshalb mag ich ihn irgendwie. Wir verabschieden uns freundschaftlich. Ich denke mir nach dieser ersten Begegnung, dass es ein interessanter Katholikentag zu werden verspricht ...

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Personalaudioinformationstext:   Elisa Rheinheimer-Chabbi, evangelisch und Volontärin bei Publik-Forum, besucht den ersten Katholikentag ihres Lebens.
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