Wolkenkuckucksheim
Es gibt Menschen, die fahren nach Regensburg, um Sonne zu tanken. Es gibt sogar Menschen, die fahren nach Bayern, um Kölsch zu trinken. Und auch das geht in Regensburg, denn die landen dann irgendwann in einer Kneipe, die sich schön rheinisch-selbstgefällig »Kult« nennt. Und es gibt sogar Menschen, die fahren zu einem Katholikentag, um Atheisten zu treffen. Oder zu einem Treffen von Humanisten, Atheisten, Agnostikern und Freigeistern, um Katholiken zu treffen?
»Wie es der Zufall will«, schreibt jedenfalls der Bund der Freigeister Regensburg, einer der Unterstützer des Humanistentages 2014 auf seiner homepage, »findet zeitgleich eine Parallelveranstaltung im Form des deutschen Katholikentages statt, auf dem laut dessen Selbstverständnis Brücken gebaut werden sollen«. Was man selbst ausdrücklich nicht wolle. Lieber befasse man sich mit dem »Hier und Jetzt«. »Und dazu bedarf es nun mal keiner Brücken in ein imaginäres Wolkenkuckucksheim.«
Der Weg zum Humanistentag ist tatsächlich äußerst irdisch. Regen von oben, der über den Mützenschirm auf die Nase tropft und den Weg in den Kragen findet. »Driss!«, sagt man dazu in Köln. Vorbei am Café Freiraum (natürlich geschlossen) und an einem Fachgeschäft für Zahnpflege, das mich für einen Bruchteil von Sekunden an meine jüngste Zahnoperation erinnert.
Vis a vis der Alten Kapelle hat Wolfgang Sellinger einen Mercedes-Kombi mit einem weißen Kastenanhänger geparkt. Bestimmt und mit deutlichen Gesten dirigiert er seinen kleinen Helfertrupp. Sie laden Biertische aus, einen Pavillon, verschiedene Ausstellungstafeln und Skulpturen. An der Wand des Hängers hängen Schilder mit präzisen Angaben zum richtigen Ein- und Ausladen. Mit Abstand betrachtet sieht es nach normalem Katholikentags-Betrieb aus. Aber wer näher heran tritt, entdeckt schnell, dass es hier um etwas anderes geht. Im Rahmen des Humanistentages 2014 wird hier eine kleine »religionsfreie Zone« aufgebaut. Und Sellingers Ausstellung »Galerie der Kirchenkritik« wird der Eyecatcher.
Sellinger hebt die Hände zum Himmel, als ich ihn anspreche. »Ich muss aufbauen. Dauernd werden wir gerade gestört.« Wir verabreden zehn Minuten. Warum ist er hier? »Millionen Menschen folgen einem Irrtum. Da will wenigstens ich anfangen etwas dagegen zu unternehmen.« Das klingt nach einer Mission. Aber er lächelt. »Die Christen, die hier sind, sollen wenigsten ein bisschen Spaß haben.« Er läuft zu einem Bündel Schautafeln und öffnet den Knoten. Eines zeigt einen Mann in einem weißen T-Shirt mit der Aufschrift: »Mein Name ist Klaus Fluch. Und verflucht sei der pädokriminelle Pfarrer, der mich missbrauchte. Die Dornenkrone symbolisiert die Narben in meiner Seele.« Eine andere: »Jeder Priester ist zu etwas nützlich – zu einem schlechten Beispiel.«
Ein älterer Mann mit einem kurz geschorenen Seemannsbart bleibt stehen. »Meinen Sie nicht, dass Sie ein bisschen sehr generalisieren?« Sellinger bestreitet das: »Mir geht es nicht darum, dass alle schlecht sind. Mir geht es nur um die schlechten Beispiele.« Manche Tafeln signalisieren etwas anderes.
Inzwischen ist der Infostand aufgebaut. Eine Dame weist auf die Flyer hin, die ich alle mitnehmen könne. »Die Bibel ist ein Märchenbuch«, signalisiert ein Aufkleber. Und ein weiterer, dem Sternsingersegen nachempfunden sagt: »G+O+T+Tlos glücklich.« Warum ist eine gottlose Welt eine bessere? Ich will Herrn Sellinger fragen, aber der ist schon wieder im Anhänger verschwunden.
Eine Frau tritt herzu, ich schätze sie auf Ende 50. Kurze braunes Haar, dezent geschminkt. Sie lädt mich ein, unter ihren Schirm zu kommen. Ihr Blick fällt auf ein Foto vom ehemaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz van-Elst. Das Foto trägt die Unterzeile: »Wann endlich werde ich Papst?« »Wer ist des?«, fragt sie. Da gibt es tatsächlich noch einen Menschen, der von den Limburger Abenteuergeschichte noch nichts gehört haben will? »Der Prunkbischof!«, ruft Sellinger, der das irgendwie aufgeschnappt hat. »Der aus Limburg!« »Habe ich noch nie von gehört«, sagt sie, als sei das das Normalste von der Welt.
»Ich find´s gut, wenn Menschen kritisch sind«, fährt die Frau fort. Aber alles könne zur Ideologie werden, sagt sie ruhig. Sie wisse das. Und dann erzählt sie mir ihre Glaubensgeschichte, die sie vom Glauben weg geführt, über den steinigen Pfad einer Freikirche wieder zurück in eine katholische Gemeinde gebracht hat, die »Neue Wege« heiße. Dort werde viel gesungen. Sie erzählt mir, wie der Tod ihres Mannes sie von ihrer Tochter entfremdet habe. Vom schmerzvollen, aber wichtigen Prozess, Grenzen zu setzen. »Des konnte ich den Leuten in der Gemeinde nicht erzählen! Die haben immer gesagt, du musst doch die Beziehung zu deiner Tochter pflegen!«
Nein, man müsse Menschen auch mal vor den Kopf stoßen. »Des hat Jesus doch auch gemacht! Wissens, der war ganz anders, als wie die immer predigen!« Sie traue sich heute Dinge zu, die sie sich früher niemals zugetraut hätte. »Und des is so, weil ich a starke Beziehung zum Jesus hab, der gibt mir Rückgrat.« Wir verabschieden uns. »Bleiben´s weiter kritisch! I freu mich immer, wenn ich so Menschen treffe wie Sie!«, ruft sie mir hinterher.
Ich blicke noch kurz in die Alte Kapelle rein. In der Jackentasche taste ich einen Flyer. »Stell dir vor, es gibt keinen Himmel«, das berühmte John-Lennon-Zitat. Ich zünde eine Kerze an. Für den Mann mit dem Seemannsbart, für die Frau, für mich – ach, und auch für Wolfgang Sellinger und seinen Trupp. Wär´ irgendwie schade drum, wenn man sich nicht im Himmel wiedersähe.
Wir schreiben für Sie mit einem ganzen Team von Journalistinnen und Journalisten ein Online-Tagebuch vom Katholikentag in Regensburg. Schauen Sie täglich vorbei auf www.publik-forum.de!
