»Auf uns schießen sie mit Freude«
»Ich werde die nächsten Tage am Boden krabbeln müssen wie ein Kind«, erklärt sie mir. Sie duckt sich, um diese Haltung anzudeuten. »Ich werde vor allem aufpassen, nie in Fenster-Nähe zu sein. Da ist es besonders gefährlich.«
Noch ist es ruhig in der 200.000-Einwohner-Stadt Jenakiewo, die in Friedenszeiten mit dem Bus in drei Stunden von Donezk aus erreichbar ist. »Die werden uns doch nicht vergessen haben?«, meint eine andere Bewohnerin der Ortschaft ironisch.
»Niemand wird Jenakiewo vergessen«, mischt sich eine andere Verkäuferin in das Telefonat ein. »Wir sind doch die Stadt, aus der Viktor Janukowitsch kommt. Und deswegen werden die Majdan-Kämpfer auf unsere Stadt mit ganz besonders großer Freude schießen.«
Der Juwelier
In Odessa, ganz im Südwesten des Landes, holt mich Petja zum Mittagessen ab. Er ist Juwelier, und, wie er von sich sagt, richtig reich. Zwischen fünf und sechs Millionen Euro dürfte er besitzen. Ich glaube ihm sofort. Noch nie in meinem Leben bin ich in so einem luxuriösen Mercedes gesessen. Der Wagen von Petja hat alles, wovon man in einem Auto nur träumen kann.
Ich freue mich über das Fahrgefühl. Doch lange währt die Freude nicht. Ein Polizeiwagen hält uns an. »Ich weiß, was die wollen«, sagt Petja. »Die meinen, mein Wagen sei von einem Versicherungsbetrüger aus der EU gekauft worden und dabei hätte ich das Gesetz gebrochen. Wie konnte ich nur in die Datenbank der Versicherungsbetrüger geraten? Ich bin doch unschuldig!« »Wirklich?«, frage ich neugierig nach. Er antwortet nicht, zwinkert mit den Augen und fährt an den Seitenstreifen. Die Polizisten wissen genau, was sie suchen. Sie lassen sich die Motorhaube öffnen, fotografieren die Motorennummer – und dann wird Petja in den Polizeiwagen gebeten. Es dauert lange, bis er zurückkommt. Über eine Stunde. »Die sind bekloppt, wollten von mir zuerst 2000 Euro haben. Das hab ich mit mir natürlich nicht machen lassen. Hab sie schließlich auf 900 Euro runterhandeln können. Es ist schrecklich, unsere Polizei ist furchtbar korrupt. Das ist genau die Krux in unserem Land. Wirklich wichtige Fragen kannst du nur mit Geld regeln. Das eben mit dem Auto war ja noch eine Kleinigkeit. Von meinen Millionen habe ich nicht viel. Für jede Million, die ich habe, muss ich zwei Millionen investieren, um diese Million behalten zu können.«
Nein, es ist wirklich nicht einfach, Millionär in der Ukraine zu sein, wo Ärzte und Lehrer maximal 400 Euro im Monat verdienen, gerade jetzt in Kriegszeiten die Sozialleistungen gekürzt, die Preise für Strom und Verkehr drastisch erhöht werden.
28. Juli 2014: Der »Zweite Friedhof« in Odessa
Ich möchte wissen, ob Odessa wirklich so russischsprachig ist, wie mir immer erzählt wird. Dazu mache ich mich auf den Weg zum »Zweiten Friedhof«. Der ist riesig, sehr schön. Und er macht seinem Namen alle Ehre. Ich spüre förmlich die Aura von Frieden und innerer Ruhe. Zwei Stunden bleibe ich hier. Wie auf russischen Friedhöfen ist auch hier an jedem Grab ein Stuhl oder eine Sitzgelegenheit. Hierher kommen die Angehörigen, um in unmittelbarer Nähe des Verstorbenen zu essen und zu trinken. Alle Grabsteine auf dem Zweiten Friedhof sind nur in russischer Sprache.
Vor dem Gewerkschaftshaus
Es ist leer geworden vor dem Gewerkschaftshaus von Odessa. Hier waren am 2. April 2014 offiziell über fünfzig Menschen – inoffiziell über hundert – bei einem Brand getötet worden. In den Tagen nach der Katastrophe hatten Angehörige eine Stellwand mit Fotos der toten Antimajdan-Aktivisten aufgebaut. Seitdem findet eine Dauermahnwache vor dem Gebäude statt, die nur in manchen Nächten ruht.
Die Behörden hatten von Anfang an versucht, diese Mahnwachen zu unterbinden. Vor wenigen Tagen wurden die Stellwände mit den Toten geräumt. Friede ist deswegen in die gespaltene Stadt nicht eingekehrt. Im Gegenteil: Die Aktivisten vor dem Gewerkschaftshaus von Odessa empfinden es als Ungerechtigkeit, dass die Angehörigen des Flugzeugabschusses und der Toten des Majdan ihre Trauer öffentlich kundtun dürfen. Den Regierungsgegnern von Odessa, die vor dem Gewerkschaftshaus der Hafenstadt ihrer toten Angehörigen gedenken wollen, wird dies verwehrt.
Skandal in Bulgarien
Mehrere ukrainische Medien berichten von einem Skandal in Bulgarien. Dort ist zwei Ukrainerinnen in einem Feriencamp verboten worden, ukrainische Nationalkleidung zu tragen und ukrainische Lieder zu singen. Man habe ihnen eine Geldstrafe von 120 Euro angedroht, sollten sie dieses Verbot nicht beachten. In einer Protestnote forderte das ukrainische Außenministerium die Regierung Bulgariens auf, den Fall eingehend zu prüfen.
Wenn Sie seine vorangegangenen Tagebucheinträge aufrufen möchten, klicken Sie in den Infokasten zu Beginn des Textes.
