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»Ich habe Todesangst«

Flug MH 17, abgeschossen über der Ost-Ukraine: Was am 17. Juli um 13.22 Uhr geschah, werde ich wohl nie wieder vergessen. Am Abend dieses Tages war ich gerade in Kiew angekommen, wollte Freunde treffen. Der Plan: weiterzureisen in den Osten des Landes. Als die Nachricht vom Boing-Absturz kommt, bin ich in einem Restaurant, mitten in der Stadt ...
von Bernhard Clasen vom 22.07.2014
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Was wird aus der Ost-Ukraine? Bernhard Clasen bereist die Region, trifft Menschen und hört ihre Meinungen. Lesen Sie sein Reisetagebuch in dieser Woche auf www.publik-forum.de! (Foto:pa/dpa/Zurab Dzhavakhadze)
Was wird aus der Ost-Ukraine? Bernhard Clasen bereist die Region, trifft Menschen und hört ihre Meinungen. Lesen Sie sein Reisetagebuch in dieser Woche auf www.publik-forum.de! (Foto:pa/dpa/Zurab Dzhavakhadze)

Das »Dream House« mit seinem Restaurant »Druzi« (»die Freunde«) direkt am Andreassteig im Herzen von Kiew ist ein Treffpunkt des alternativen Milieus. Die Möbel sind von Ikea, auf dem Parkplatz stehen Fahrräder, die sich die Gäste leihen können, die Kellnerinnen tragen alle ein T-Shirt mit dem Symbol eines Tandems. Wer eine Kellnerin auf sich aufmerksam machen möchte, betätigt eine am Tisch angebrachte Fahrradglocke. »Das ist unsere Philosophie« erklärt mir die Kellnerin: »Wir stehen mit unserem Restaurant für Freundschaft und Umweltschutz.«

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Fast würde der Vergleich mit einer deutschen Kneipe der links-alternativen Szene stimmen, wäre da nicht das Plakat am Eingang, das die Gäste zu eigens organisierten »Tank Tours« einlädt. Von 100 Euro aufwärts, je nach Gruppengröße, kann man sich für eine Tour zum nächsten Panzerübungsplatz anmelden. Dort gibt es dann für einen Tag Kampfuniform, Essen aus der Feldküche – und wenn man besonders geschickt ist, darf man auch einen Panzer steuern.

Im Dream House herrscht heute, wie wahrscheinlich jeden Abend, Feierabendstimmung, Biergartenatmosphäre. Die Jugendlichen im Dream House trinken Bier, lachen mit den Mädchen, spielen Karten, Tischfußball und Gesellschaftsspiele. Nur über den Krieg sprechen sie nicht. Ein Land in einem Bürgerkrieg habe ich mir eigentlich anders vorgestellt.

Die Frau am Telefon hat einen toten Mann gefunden

Ich gehe kurz vor die Türe, eine Frau aus Donezk ist am Telefon, eine alte Bekannte. Wie es so geht, möchte ich wissen. »Schrecklich. Ich komme gerade von einem Einkauf in einer anderen Stadt zurück. Plötzlich lag auf der Heimfahrt ein toter Mann auf der Straße. Ob das ein Aufständischer oder ukrainischer Soldat war, weiß ich nicht. Ich habe Todesangst.« Ob es denn in Kiew auch so aussehe, will sie wissen. Nein, hier spiele man Tischfußball, Karten und trinke Bier, antworte ich ihr.

»Wir sind keine Pessimisten«, sagt ein junger Mann beim Kartenspiel, als ich ihm wenig später vom Zweck meiner Reise berichte. »OK, wir haben die Krim verloren, den Donbass vielleicht auch. Aber wir haben auch etwas gewonnen. Wir sind wieder Patrioten geworden. Gehen Sie einmal durch Kiewer Wohngebiete und Sie werden sich wundern, wie viele ukrainische Fahnen Sie an den Häusern sehen werden. Klasse. Wir halten jetzt zusammen.«

Wie ein Lauffeuer macht auf einmal im Dream House die Nachricht vom Abschuss der malaysischen Maschine die Runde: alle Insassen tot, die meisten von ihnen Niederländer. Nun ist der Krieg da, mitten im gemütlichen Bierlokal. Ich rufe sofort die Bekannte in Donezk an, mit der ich gerade noch telefoniert hatte, will wissen, was sie von diesem Abschuss weiß. Nein, das sei neu für sie, antwortete sie erschüttert nach einem langen Schweigen.

Schweigend, mit Kerzen in der Hand, stehen die Menschen da

Spontan machen sich einige Dream House-Gäste auf den Weg zur 500 Meter entfernten Botschaft der Niederlande. Wer kann, organisiert sich noch schnell Blumen oder Kerzen. Und nun gibt es nur noch ein Thema: den Krieg.

»Mein Cousin ist derzeit bei der Armee in Donezk. Er hat gerade geheiratet. Was soll ich machen? Ich will, dass unsere Regierung weiter gegen die Terroristen im Donbass kämpft. Ich will aber auch, dass mein Cousin so schnell wie möglich zurückkommt, und zwar lebendig. Ich weiß, beides gleichzeitig kann ich nicht bekommen«, sagt die 23-jährige Olessja und kann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie gibt, wie alle anderen, mit denen ich in Kiew spreche, Russland die Schuld an diesem Verbrechen.

Schweigend, mit Tränen in den Augen, Kerzen in der Hand, stehen die Menschen im dunklen Kiew vor der niederländischen Botschaft. Es sind mehrere Hundert. Irgendwann tritt eine Mitarbeiterin der Botschaft vor die Tür, spricht mit den Menschen.

Auch in der Ostukraine ist man geschockt. Das kann doch nicht sein, dass man jetzt auch schon zivile Flugzeuge abschießt, meint Swetlana aus dem von den Aufständischen kontrollierten Gebiet am Telefon. Nein, die Aufständischen können das Passagierflugzeug nicht abgeschossen haben, da ist sie sich ist sicher: »Wenn wir wirklich eine gute Flugabwehr hätten, wären wir doch nicht die letzten Tage und Wochen von der Armee bombardiert worden.« Hier in Kiew denkt man anders.

Auch im ukrainischen Fernsehen nimmt die Meldung von der Flugzeugkatastrophe den größten Teil der abendlichen Nachrichten der ukrainischen Fernsehstationen ein. Poroschenko spricht von »den Terroristen« der »sogenannten Volksrepublik Donezk«. Im ukrainischen Fernsehen wird überhaupt nicht daran gezweifelt, dass hinter diesem Abschuss nur Russland stecken könne. Trotzdem ist es nicht so wie noch zu den Hochzeiten des Majdan. Die ukrainischen Fernsehstationen senden wie im Programm vorgesehen. Spielfilme, Sport, Musik und eben Nachrichten. Zu Zeiten des Majdan war das noch anders. Da waren teilweise den ganzen Tag nur Sendungen zu den Demonstrationen zu sehen. Ganz anders das russische Fernsehen, das im Hotel Dream House mitten in der Kiewer Altstadt in mehreren Kanälen verfügbar ist. Dort werden sofort mundgerechte Erklärungsversuche geliefert, die nur einen Schluss aufdrängen: die Ukraine ist schuld.

Auf dem Majdan kauft man Fußabstreifer mit Putin-Konterfei

Zwei Tage später bin ich auf dem Majdan. Hier ist vieles so wie schon im Januar und Februar, als ich schon einmal in die Ukraine gereist war. Ich sehe riesige olivgrüne Zelte, Feldküchen, ukrainische Fahnen. Der »Rechte Sektor« rekrutiert in einem Büro am Straßenrand Freiwillige für die Nationalgarde. Und auf der Bühne kocht die Stimmung.

Ich war seit Januar jeden Monat mindestens einmal in der Ukraine. Und jedes Mal auch auf dem Majdan. Immer stand irgend ein Redner am Mikrofon. Es scheint wohl die größte Marathon-Demonstration der Welt geworden zu sein. Zweihundert Menschen hören vor der Bühne geduldig den Rednern zu. Das Thema: Russland und der Flugzeugabschuss. Die Welt müsse endlich sehen, dass Russland der Aggressor sei. Unter großem Beifall fordert der Redner Präsident Poroschenko auf, doch endlich die russische Propaganda zu verbieten. Es könne doch nicht sein, dass einerseits ukrainische Soldaten im Kampf gegen russische Söldner sterben und auf der anderen Seite die russischen Fernsehsender aus den Kiewer Wohnzimmern nicht wegzudenken seien. Der Krieg gegen die Ukraine werde vor allem auf dem Informationsfeld geführt: Deswegen, so der Majdan-Redner, müsse Putin vor allem auf diesem Weg etwas entgegengesetzt zu werden. Präsident Poroschenko solle endlich ein Gesetz verfügen, dass in der Ukraine ab sofort keine russischen Fernsehstationen, keine russische Propaganda im Internet mehr zugänglich sei.

Auf dem Majdan wogt ein Meer von Anti-Putin Plakaten. Besonders beliebt auf den Ständen des Platzes mitten in Kiew sind Fußabstreifer, auf denen Putin mit einem Hitler-Schnurrbart zu sehen ist.

Viktoria aus Odessa ruft mich an. Heute hätten die Behörden das Mahnmal für die Opfer des 2. Mai vor dem Gewerkschaftshaus von Odessa geräumt. Das Gedenken an die Toten des Majdan ist erlaubt, das Gedenken an die Toten des Anti-Majdan von Odessa, wo bei einem Feuer im Gewerkschaftshaus von Odessa mindestens 50 Menschen verbrannten, wird verboten. Das Land polarisiert sich weiter.

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Personalaudioinformationstext:   Bernhard Clasen, freier Journalist und Übersetzer aus dem Russischen, ist auf einer Reise in Richtung Ost-Ukraine. Für Publik-Forum.de schreibt er ein Tagebuch, in dem Sie in den kommenden Tagen aktuelle Entwicklungen miterleben können. Momentan ist er auf dem Weg in Richtung Süd-Osten, nach Dnepropetrovsk; von dort meldet er sich wieder.
Clasen bereiste die Ukraine und Russland schon unzählige Male; er hat viele Bekannte und Freunde in beiden Ländern. Das Reisetagebuch wird daher von Krieg, Gewalt und Alltagsnöten aus der Perspektive »von unten« erzählen und damit Einblick in die Welt der Menschen geben, die den politischen Konflikt erleben müssen. Clasen schreibt regelmäßig für Publik-Forum und die taz.
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