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Das Leben am Abgrund

Auf öffentlichem Grün trinken die Leute Bier, spielen Gitarre, liegen im Gras. Motorradfahrer donnern über die Straßen. Es ist Feierabendstimmung in Charkow. Unvorstellbar, dass 250 Kilometer weiter Menschen vor Angst nicht auf die Straße können, in ihren Wohnungen oder Kellern sitzen
von Bernhard Clasen vom 28.07.2014
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Was wird aus der Ost-Ukraine? Bernhard Clasen bereist die Region, trifft Menschen und hört ihre Meinungen. Lesen Sie sein Reisetagebuch in dieser Woche auf www.publik-forum.de! (Foto:pa/dpa/Zurab Dzhavakhadze)
Was wird aus der Ost-Ukraine? Bernhard Clasen bereist die Region, trifft Menschen und hört ihre Meinungen. Lesen Sie sein Reisetagebuch in dieser Woche auf www.publik-forum.de! (Foto:pa/dpa/Zurab Dzhavakhadze)

Am gerade zu Ende gegangenen Wochenende bin ich mit Igor im nächtlichen Charkow unterwegs gewesen. Überall Leben! Jazz-Keller, eine irische Bar, Musik aus allen Richtungen, die nur gelegentlich vom Lärm verrückt gewordener Motorradfahrer übertönt wird, Lachen, Verliebte, eine Band in einem Park.

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»Ich war auch mal in Deutschland«, erzählt mir Igor Solomadin. »Und was mich am meisten beeindruckt hat, waren die Cafés. Ich habe dort Rentner gesehen. Hier in Charkow siehst du keine Rentner in den Cafés oder Restaurants. Die können das gar nicht bezahlen.«

Irgendwann um 23 Uhr trennen wir uns. Im Hotel angekommen, rufe ich noch Bekannte im Gebiet Donezk und Slawjansk an. Von Cafés, Motorrädern, Eis am Stil und Jazzkellern können sie nur träumen. Dort herrscht de facto Ausgangssperre, man ist froh, wenn man es überhaupt schafft, zumindest Lebensmittel für den Kühlschrank kaufen zu können.

»Wir haben nicht nur Angst vor den Schüssen. Irgendwelche Verrückten nutzen die Situation, rauben und plündern. Inzwischen kann doch schon jeder, der nur eine Kalaschnikow hat, plündern und sagen, er würde Eigentum im Namen der Volksrepublik beschlagnahmen.«

»Ach, mit Geld kann man alle Probleme lösen«

Leonid, der vor zwei Tagen aus Donezk angereist ist, berichtet von einem Lastwagen, der kürzlich vor einem still gelegten Schacht aufgetaucht sei. Er sei von einer Mannschaft in Schutzanzügen gefahren worden. Da sei angeblich Atommüll drinnen gewesen, den man in stillgelegten Schächten vergraben wolle, munkeln die Leute. Das sei billiger als ihn nach Russland zu schicken. »Aber halt«, werfe ich ein, »die Atomkraftwerke werden von Kiew kontrolliert, das Gebiet um Donezk aber von der sog. Volksrepublik. Und die Volksrepublik wird sich doch nicht ausgerechnet von ihrem Todfeind einen Lastwagen mit hoch giftigem Atommüll andrehen lassen?« »Ach, mit Geld kann man alle Probleme lösen«, antwortet er nur resigniert.

Ich erinnere mich: schon 2007 gab es Überlegungen, ukrainischen Atommüll in leer stehenden Bergwerksschächten des Donbass zu entsorgen.

Samstag, 26. Juli

Bei meinem morgendlichen Gang durch den Park sehe ich einen Aushang, gleich an mehreren Masten und Bäumen: »Möblierte Wohnung in U-Bahn-Nähe zu vermieten, nur an Slawen«: So heißt es darauf. Chauvinismus auf ostukrainisch.

30 Minuten später auf meinem Rückweg entdecke ich, dass die letzte Zeile – »Nur an Slawen« – abgerissen wurde, auf den allermeisten Aushängen. Schön, dass da jemand Zivilcourage gehabt hat.

Telefonat mit einer Familie, irgendwo zwischen Donezk und Lugansk

»Jetzt kommen sie, die ukrainischen Truppen. Es soll die Nationalgarde sein. Ich habe Angst. Das Schießen kommt immer näher. Ich suche mir einen Platz im Keller. Vielleicht überlebe ich dort. Ich hab überhaupt keinen klaren Kopf. Hoffentlich überleben wir die nächsten Tage«, ruft die Frau ins Telefon. Kurz darauf ist die Verbindung abgebrochen.

Zwei Stunden später rufe ich wieder auf dem Handy der gleichen Familie an: »Das war Quatsch, was die Frau vorhin am Telefon gesagt hat«, sagt ihr Mann. »Es besteht überhaupt kein Grund zur Panik. Im Gegenteil. Die ukrainischen Truppen rücken nicht näher ran. Wir haben neue Waffen erhalten und die müssen wir erst testen, bevor wir sie einsetzen. Deswegen der Lärm.« Ich will wissen, woher die neuen Waffen kommen. »Das darf ich Ihnen nicht sagen. Aber wird wohl nicht so schwer für Sie sein zu erraten, woher diese Waffen kommen könnten.«

Wegen der neuen Waffen fühlt sich nun eine Familie sicherer. Andere werden sterben durch die neuen Waffen.

Vor dem Lenin-Denkmal

Heute ist besonders viel Polizei vor Charkows Lenin-Denkmal. Die Polizisten wirken aber entspannt, die meisten von ihnen haben ein Eis in der Hand. Angeblich wollen heute Separatisten vor dem Lenin-Denkmal protestieren. Doch von diesen ist weit und breit nichts zu sehen.

Statt dessen demonstrieren Euromajdan-Leute mit ukrainischen Fahnen vor dem Gebäude der Staatssicherheit. Warum gerade vor der Staatssicherheit? Weil hier Antimajdan-Leute für die Freilassung ihrer Kollegen demonstrieren wollten. Und da haben die Euromajdan-Leute schnell mit einer eigenen Aktion den Platz für sich beansprucht. Viele sind sie nicht, vielleicht zwanzig Personen. Na ja, ob sie da nicht reingelegt worden sind. Macht ja keinen guten Eindruck, dem Staat ausgerechnet vor dem Geheimdienstgebäude Loyalität zu demonstrieren.

Auf dem Weg nach Odessa

Für den Nachtzug nach Odessa habe ich mir ein Ticket der Preisklasse »Platzkartnij« gekauft. Das sind die preisgünstigsten. Gerade einmal acht Euro kostet die Fahrt in den Süden des Landes.

Erschöpft und genervt treffen die Reisenden auf Gleis vier ein. Alle Koffer mussten in Ermangelung von Lift und Rolltreppe über mehrere Treppen getragen werden. Polizisten und Militär kontrollieren auf dem Gleis die Pässe wehrfähiger Männer. Wer sich jetzt vor der Teilmobilisierung aus dem Staub machen will, dürfte wohl Pech gehabt haben. Als Inhaber eines deutschen Reisepasses weiß ich um meine privilegierte Position. Von mir will keiner Militärpapiere sehen. Und der Schaffner begrüßt mich freundlich mit einem: »Welcome! Are you a tourist?«

Um 18:03 verlässt der Nachtzug Charkow-Odessa den Hauptbahnhof von Charkow. Ab und zu gehen Polizisten durch das Abteil, fliegende Händler, die Bier, Zigaretten und Lebensmittel verkaufen.

Die »Platzkartnij«-Abteile mit ihren zweistöckigen Betten sind wie riesige Schlafsäle. Die Luft ist stickig, nur ein Fenster lässt sich öffnen. Angst vor Diebstahl braucht man hier nicht zu haben. Hier sieht jeder jeden. Nichts, was man tun könnte, ohne nicht von mindestens sechs Augenpaaren beobachtet zu werden.

Sonntag, 27. Juli

Auf dem Bahnsteig in Odessa stürzen sich sofort Taxifahrer und Leute, die eine Ferienwohnung anbieten, auf die Fahrgäste. Ich lehne dankend ab. Ich bestelle mir das Taxi immer telefonisch. Nicht nur weil es preisgünstiger ist. Es ist auch sicherer. Denn auf telefonische Bestellung erhalte ich vorab per Telefon oder SMS das Kennzeichen des Fahrers. Die Fahrt ist also in der Taxizentrale registriert.

Die Fußgängerzone von Odessa, die Deribasowskaja-Uliza, ist ein Juwel für jeden Touristen. Pferdekutschen, Straßencafés, Kioske, glänzend weiße Häuserfassaden. Odessa dürfte neben Kiew wohl die einzige ukrainische Stadt sein, in die sich auch jetzt noch Touristen trauen.

»Iss deinen Kuchen auf, dann gehen wir runter ans Meer zum Baden«, muntert eine junge Mutter im Café Kompott ihren Sohn auf, der noch nicht im schulpflichtigen Alter sein dürfte. »Ich will aber noch ein Eis«, klagt der Junge. Geduldig winkt die Mutter die Kellnerin herbei und bestellt dem Jungen ein riesiges Eis. Selbst bestellt sie sich nichts. Stolz isst Aljoscha sein Schokoladeneis. Eine Passantin spricht ihn an, sagt ihm, dass sie sich freut, dass es ihm in ihrer Heimatstadt so gut gefalle. »Und, bleiben Sie noch lange in der Stadt?«, wendet sie sich an die Mutter. »Solange das Geld reicht«, antwortet diese. »Und woher sind Sie?« »Aus Lugansk«, antwortet die Touristin. Schnell beendet die Einheimische das Gespräch, wünscht den beiden noch alles Gute und entschwindet.

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Personalaudioinformationstext:   Bernhard Clasen reist als Journalist durch die Ost-Ukraine. Gestern ist er in Odessa angekommen. Mehr erfahren Sie morgen.
Schlagwörter: Gesellschaft Ukraine
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